REUTLINGEN. Malerische Gassen, prächtige Paläste, idyllische Wasserstraßen: Venedig ist ein Sehnsuchtsort. Schade nur, dass Millionen Touristen dieselbe Sehnsucht antreibt. In Scharen drängen sie sich auf dem Markusplatz, stehen Schlange vor dem Dogenpalast und zwängen sich in überfüllte Gondeln. Da wird der Traum zum Albtraum. »Der Tourismus zerstört das, was er sucht, indem er es findet«: So beschrieb der deutsche Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger das Dilemma des Fremdenverkehrs. Inzwischen hat das Phänomen sogar einen eigenen Namen bekommen: »Overtourism« heißt es auf Neudeutsch.
Der »Übertourismus« ist ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt, seitdem die Einheimischen sich wehren gegen die Invasion der Besucher. Auf Mallorca, in Barcelona und in Granada demonstrieren Bewohner, beschießen Gäste mit Wasserpistolen und schmieren auf Hauswände: »Touristen, geht heim!« Woher die Wut kommt und was dagegen hilft: ein Überblick.
- Was ist Overtourism?
»Overtourism liegt vor, wenn der Tourismus die physischen, ökonomischen, ökologischen, politischen, sozialen oder psychologischen Kapazitäten des Reiseziels übersteigt«: So beschreiben Wissenschaftler von der niederländischen Breda University of Applied Sciences das Phänomen. Sie haben Overtourism im Auftrag des Europaparlaments untersucht, die Studie wurde 2018 veröffentlicht. Wann es zu viel wird, das lasse sich schwer sagen, meinen die Autoren. Das sei zunächst einmal ein subjektives Gefühl bei Bewohnern und Besuchern.
Diesem Gefühl versuchen die Forscher allerdings mit Zahlen beizukommen. Da werden Übernachtungen pro Einwohner und Quadratkilometer gemessen, Bettenkapazitäten der Online-Buchungsportale booking.com und Airbnb, Distanzen zu Flughäfen, Kreuzfahrthäfen und Unesco-Welterbestätten. Wo genau die kritische Schwelle liegt, bleibt aber weiter unklar. Es gibt jedoch Fälle, wo sie eindeutig überschritten ist.
- Welche Reiseziele sind betroffen?
Berühmt-berüchtigtes Beispiel für Overtourism ist Venedig. Rund 100.000 Touristen besuchen die italienische Lagunenstadt an manchen Tagen – bei knapp 50.000 Einwohnern. Insgesamt kamen letztes Jahr 15 Millionen Gäste. Ein ähnliches Missverhältnis besteht auf den Balearen mit der Hauptinsel Mallorca. Dort leben 1,2 Millionen Einheimische, hinzu kamen letztes Jahr 18 Millionen Urlauber.
Oft genannt werden auch die spanische Metropole Barcelona, wo der Architekt Antoni Gaudi seine Jugendstil-Gebäude baute, die kroatische Hafenstadt Dubrovnik, wo die Fernsehserie »Game of Thrones« gedreht wurde, und die griechische Insel Santorin, deren weiß-blaue Häuser eine hübsche Kulisse für Insta-gram-Fotos abgeben. In ihrer Studie kommen die Forscher aus Breda zu dem Schluss: »Die am stärksten gefährdeten Reiseziele sind nicht unbedingt Städte, sondern vielmehr Küstengebiete, Inseln und Stätten des ländlichen Kulturerbes.«
In Deutschland geht es dagegen vergleichsweise entspannt zu. »Overtourism, wie wir ihn in Venedig, Mallorca und Amsterdam erleben, sehen wir in Deutschland nicht«, sagt Dirk Dunkelberg, stellvertretender Geschäftsführer des Deutschen Tourismusverbands (DTV). »Aber natürlich gibt es auch hier eine Reihe von Orten, die bei Reisenden beliebt sind.« Im Südwesten zählen dazu etwa der Bodensee mit der Blumeninsel Mainau und der Klosterinsel Reichenau, das Wanderparadies Allgäu, Baden-Württembergs höchste Erhebung, der Feldberg, und Rust mit dem Europapark. Diese Orte weisen laut Umweltbundesamt eine bis zu zehnmal höhere Tourismusdichte auf als der nationale Durchschnitt.
- Ist das Phänomen neu?
»Overtourism ist kein neues Phänomen«, stellt DTV-Vize-Geschäftsführer Dunkelberg fest. Bereits 2017 gab es in einigen Städten Proteste von Anwohnern. Im selben Jahr veranstaltete die Welttourismusorganisation erstmals eine Konferenz zum Thema mit Tourismusministern aus 60 Ländern. Zuletzt rückte das Problem verstärkt in den öffentlichen Fokus, weil erste Reiseziele Gegenmaßnahmen ergriffen – Venedig etwa erhob Eintritt.
- Woher kommt der Besucheransturm?
Einerseits wird die Weltbevölkerung wohlhabender, gerade in Schwellenländern wie China wächst das Fernweh. Andererseits wird Reisen günstiger, auch dank Billigfliegern wie dem irischen Anbieter Ryanair. Und Reisen wird einfacher: Auf Online-Plattformen wie booking.com oder Airbnb kann sich jeder selbst ein Zimmer buchen. Welcher Ort attraktiv ist, hängt von der Zielgruppe ab: Unesco-Welterbestätten wie Florenz oder San Gimignano ziehen Kultur- und Naturbegeisterte an, Kreuzfahrthäfen wie Venedig und Dubrovnik Senioren, Partyhochburgen wie Ballermann, Ibiza und Cancun Sauftouristen. Dabei seien die betroffenen Orte, so die Wissenschaftler aus Breda, auch selbst schuld. Sie kritisieren: »Das Management der meisten Reiseziele legt Wert auf das Wachstum der Besucherzahlen, ohne die Aufnahmekapazität und andere Ziele zu berücksichtigen.«
Zu den neueren Trends im Destinations-Marketing zählt die Instagramability. Fotogene Locations werden von Influencern auf der Foto-Plattform Instagram in Szene gesetzt und ziehen Nachahmer an. Punkten können hier etwa der Blautopf in Blaubeuren oder die Stuttgarter Bibliothek. Die Forscher aus Breda bestätigen: »Online-Plattformen und soziale Medien beschleunigen das Wachstum und die zeitliche und räumliche Konzentration von Touristenströmen an bestimmten Orten.«
Auch die Klimaerwärmung verändert das Reisen. Folgen sind Coolcation (etwa die Reise ins kühle Skandinavien, weil Südeuropa im Sommer brennt) und Last-Chance-Tourism (schnell noch mal in die Antarktis, bevor sie abtaut, oder auf die Malediven, bevor sie untergehen).
- Welche Probleme treten auf?
Unter Overtourism leiden vor allem die Einwohner. Für sie wird alles teurer: Wohnmieten, Lebensmittel, Freizeitangebote. Die Besucher können höhere Preise bezahlen, die Bewohner müssen nachziehen. Die Annahme, dass die Bevölkerung von Jobs und Einnahmen im Tourismus profitiert, weisen Forscher zurück. Stattdessen entstünden gering qualifizierte, schlecht bezahlte, saisonal befristete Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor.

»Wir sind ein Volk von Reinigungskräften, Hausmeistern und Gärtnern geworden«, kritisiert etwa Susanne Matthiessen, Sprecherin einer Bürgerinitiative auf Sylt. Die Wirtschaft sei abhängig vom Tourismus, andere Gewerbe gebe es kaum. Geschäfte richteten sich an Reisende, nicht an Residenten. Auf Deutschlands beliebtester Insel findet Matthiessen keine Feuerwehrmänner und Altenpfleger mehr, dafür umso mehr Fischbuden und Souvenirshops. Profitieren würden andere: nämlich die Investoren.
Auf einer anderen Insel, auf Mallorca, sorgen Sauftouristen für Ärger, sie machen Lärm, lassen viel Müll und wenig Geld da. Darum schwenkte die Insel-Regierung vor einigen Jahren um auf Klasse statt Masse, bewarb Luxus-Tourismus und Individualreisen. Doch der Schuss ging nach hinten los: Die Vier-Sterne-Hotels mit ihren Pools und Rasen schlucken viel Wasser im trockenen Sommer und verschärfen Umweltprobleme. Die Individualtouristen erkunden entlegene Winkel. »Sie wollen das authentische Mallorca erleben«, berichtet Patrick Czelinski. Er ist stellvertretender Chefredakteur des Mallorca Magazins und kritisiert: »Damit dringen die Urlauber in den Lebensraum der Einheimischen ein.«
In der Folge ziehen die Besucher hin, die Bewohner ziehen weg. Die einen verdrängen die anderen aus ihrer Heimat. In Venedig zum Beispiel leben nur noch knapp 50.000 der einst 175.000 Einwohner, in Dubrovnik 800 der einst 5.000 Einwohner. So verkommen Hotspots vom Original zur Attrappe. Dort finden dann auch die Touristen nicht die ersehnte Erholung – und ziehen weiter.
- Wie wehren sich Reiseziele?
Viele Reiseziele ergreifen inzwischen Maßnahmen gegen den Besucheransturm. Venedig verlangte von Besuchern testweise Eintritt, begrenzt Gruppen auf 25 Personen und untersagt Reiseführern Lautsprecher. Neue Hotels dürfen nicht mehr eröffnet werden, Kreuzfahrtschiffe nicht mehr in der Altstadt anlegen. Paris verbannt Reisebusse aus dem Zentrum, Amsterdam Führungen aus dem Rotlichtviertel. Palma de Mallorca verbietet Airbnb, Sylt geht gegen illegale Ferienwohnungen vor. In Valencia müssen Reiseführer ihre Routen miteinander abstimmen, in Barcelona Besucher Eintrittskarten vorab online buchen.
Die Forscher aus Breda kommen zum Schluss: »Die häufigsten Maßnahmen von lokalen Regierungen zielen ab auf die Verbesserung der Kapazität von Infrastruktur, Unterkünften und Einrichtungen, die Änderung unangemessenen Besucherverhaltens oder die zeitliche und räumliche Verteilung der Besucher.« Die Touristenströme sollen umgelenkt werden in die Nebensaison und zu entlegenen Orten.
Dieser Ansatz greift für die Niederländer aber zu kurz. Sie empfehlen: »Reiseziele sollten lokale Beschäftigung und gerechte Bezahlung in den Vordergrund rücken statt wachsende Besucherzahlen.« Und weiter: »Alle Interessengruppen – neben Reiseindustrie und Politik vor allem Einheimische – sollten in die Tourismusentwicklung einbezogen werden.«
- Wie können Touristen helfen?
Urlaubern rät Markus Pillmayer, Professor für Destinationsmanagement und -entwicklung an der Hochschule München: »Für Flugreisen Kompensationszahlungen leisten, länger als ein paar Tage am Zielort bleiben, nicht bei Airbnb absteigen, sondern bei Familienbetrieben, nicht in Fastfoodketten essen, sondern in lokalen Restaurants, Souvenirs nicht made in Taiwan kaufen, sondern beim örtlichen Kunsthandwerk.« (GEA)



