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Pelzige Großstädter: Füchse zieht es in die Metropolen

In Berlin tummeln sie sich in Behörden, im Bus und auf dem Dach. Füchse sind in manchen Großstädten häufiger anzutreffen als in vielen Waldgebieten. Was hat es damit auf sich?

Theo der Rotfuchs
Rotfuchs Theo auf dem Anwesen des Schlosses Bellevue in Berlin. Foto: Wolfgang Kumm
Rotfuchs Theo auf dem Anwesen des Schlosses Bellevue in Berlin.
Foto: Wolfgang Kumm

Wenn in Berlin ein Schuh vor der Haustür fehlt, dann liegt tatsächlich die Vermutung nahe, dass es ein Fuchs war. Die Tiere sind in Großstädten keine Seltenheit mehr, in der Hauptstadt sind sie mittlerweile fast überall anzutreffen.

Da kann es auch sein, dass sich ein Exemplar mal auf einem Dach tummelt, im Linienbus Platz nimmt oder in einer Behörde mit einem Karton eingefangen werden muss.

»Es kann auch passieren, dass ein Fuchs sich im Botanischen Garten mit auf die Picknickdecke setzt«, sagt die Wildtierexpertin Sophia Kimmig, die das Leben der Füchse in der Stadt seit einigen Jahren erforscht. Auf der Wiese vor dem Berliner Reichstag stünden die Chancen, den grazilen Tieren mit dem zumeist roten Fell und den bernsteinfarbenen Augen zu begegnen, in der Dämmerung besonders gut.

5.000 bis 12.000 Füchse in Berlin

Und der rothaarige Dauergast im Garten von Schloss Bellevue trägt sogar einen Namen - »Theo« nach dem früheren Bundespräsidenten Theodor Heuss. Zuvor hatten sich mehr als 10.000 Instagram-Nutzer an der Namensfindung beteiligt. »Schätzungen zufolge leben in Berlin etwa 5.000 bis 12.000 Füchse, die absolute Mehrzahl aber heimlich und von uns unbemerkt«, so die Wildbiologin und Buchautorin Kimmig (»Von Füchsen und Menschen«). 

Auch andere deutsche Großstädte seien von Füchsen besiedelt. Oft seien die Tiere dort sogar deutlich stärker verbreitet als ihre Artgenossen in der freien Wildbahn. »In München-Schwabing ist die Fuchsdichte zum Beispiel 10 bis 15 Mal höher als im Bayerischen Wald«, so Kimmig.

Relativ viele Füchse lebten beispielsweise auch in Zürich mit elf oder im englischen Bristol mit 19 Tieren pro Quadratkilometer. In Deutschland seien im ländlichen Raum im Schnitt 0,5 bis 1,5 Füchse pro Quadratkilometer anzutreffen.

Der Stadtfuchs ist eher Sammler als Jäger

Großstädte seien einerseits wegen ihres Nahrungsangebots interessant. »Füchse ernähren sich hauptsächlich von Mäusen, aber auch Ratten und Regenwürmern, gern auch von Fallobst in den Gärten und Abfällen der Menschen«, so Kimmig. »In der Stadt sind Füchse eher Sammler als Jäger«, ergänzt Derk Ehlert, Wildtierexperte der Umwelt-Senatsverwaltung Berlin. 

Außerdem seien größere Städte wegen ihrer heterogenen Struktur besonders gut als Lebensraum geeignet. »Der Fuchs braucht nicht unbedingt viel Grün, sondern vor allem Rückzugsmöglichkeiten wie Brachflächen und eingezäunte Gelände«, so Kimmig. »Die Füchse sind extrem gut darin, Orte in der Stadt zu finden, an denen wir Menschen nicht sind«. 

Die Hitze mache den Tieren nicht so sehr zu schaffen. »Der Fuchs gehört zu den wenigen Arten in der Stadt, die die Hitze gut wegstecken«, sagt Kimmig. Seinen Flüssigkeitsbedarf decke der Fuchs hauptsächlich über Mäuse. »Füchse halten extrem viele verschiedene Temperaturen aus. Der Fuchs ist das erfolgreichste Landraubtier der Erde, weil er so flexibel ist«, so Kimmig. 

Der größte Stör- und Stressfaktor für die Tiere in der Stadt sei der Mensch. Seit Jahrhunderten werde der Fuchs in der freien Wildbahn gejagt, in Deutschland noch stärker als anderswo in Europa. »Etwa 450.000 Füchse werden pro Jahr in Deutschland erlegt«, sagt Kimmig. Aus wissenschaftlicher Sicht sei diese Praxis fragwürdig, denn diverse Untersuchungen hätten gezeigt, dass sich die Größe von Fuchspopulationen durch Nahrung und soziale Strukturen selbst reguliert.

Stadtfüchse werden oft nur zwei Jahre alt

Weil die Angst vor dem Menschen groß sei, verschätzten sich Füchse oft bei den Risiken. »Ein Passant erscheint bedrohlicher als ein Auto«, so Kimmig. Deshalb zögen sich Füchse oft an vermeintlich sicherere, aber verkehrsreiche Orte wie Straßen oder Bahntrassen zurück. »Oft bezahlen sie das mit dem Leben«, so Kimmig. In der Stadt werden die Tiere demnach oft nur ein bis zwei Jahre alt, obwohl sie eigentlich acht bis neun Jahre schaffen könnten. 

Doch auch Großstädter sind mitunter verunsichert, wenn sie den Tieren begegnen: »Füchse sind in unseren Beratungen die Tierart Nummer eins. Wir bekommen durchschnittlich 1000 Anrufe pro Jahr zum Fuchs - von insgesamt rund 4500 Anrufen«, berichtet Claudia Harnisch vom Wildtiertelefon des Naturschutzbundes (Nabu). Oft gehe es darum, den Menschen Ängste zu nehmen. »Von Füchsen geht prinzipiell keine Gefahr aus«, so Harnisch. »In Berlin wurde seit 30 Jahren kein Fuchsbandwurm mehr nachgewiesen«, sagt Wildtierexperte Ehlert. »Und wir haben auch seit mehreren Jahrzehnten keine Fuchstollwut in der Stadt«, ergänzt er. 

Problematische Zwischenfälle mit Füchsen seien extrem selten. »Die Fälle, die mir aus den vergangenen 20 Jahren bekannt sind, kann ich an einer Hand abzählen und sie sind alle auf menschliches Fehlverhalten zurückzuführen«, so Ehlert. »Da wurde mal ein Fuchs auf den Arm genommen und sich gewundert, dass man gebissen wurde.«

© dpa-infocom, dpa:220823-99-484098/6