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Filz-Vorwürfe: Schlesinger verteidigt sich in Interview

Der RBB steht vor einem Scherbenhaufen. Die entlassene Intendantin Patricia Schlesinger legt jetzt ihre Sicht der Dinge dar - in einem Zeitungsinterview.

Patricia Schlesinger
Patricia Schlesinger weist alle Vorwürfe gegen sie zurück. Foto: Britta Pedersen
Patricia Schlesinger weist alle Vorwürfe gegen sie zurück.
Foto: Britta Pedersen

Die fristlos entlassene Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB), Patricia Schlesinger, hat sich erneut gegen Vorwürfe des Filzes und der Vetternwirtschaft verteidigt. In einem Interview der Wochenzeitung »Die Zeit« äußerte sie zugleich Bedauern darüber, dass sie Unmut im eigenen Haus gegen die Führung unterschätzt habe. Schlesinger ließ offen, ob sie gegen die fristlose Kündigung vorgehen wird.

Abendessen auf Senderkosten in Privatwohnung

Zu den seit Ende Juni durch Medienberichte aufgekommenen Vorwürfen gegen Schlesinger zählt auch eine umstrittene Praxis von Abendessen in ihrer Privatwohnung auf Senderkosten, angeblich sollen sie nicht korrekt abgerechnet worden sein. Dazu sagte sie: »Ich habe alles nach bestem Wissen abgerechnet.« Zur Gästeauswahl und den Themen bei den Abendessen ergänzte sie: »Da saßen Menschen aus Politik, Wirtschaft, Kultur, aus Institutionen und Behörden am Tisch, wir haben dementsprechend über Politik, Wirtschaft, Kultur und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gesprochen. Was ist gut, was läuft schlecht? Solche Unterhaltungen haben fließende Übergänge.«

Nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Schlesinger hatte sich Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik zu Wort gemeldet. Sie war demnach Gast eines solchen Abendessens gewesen. Diese hatte betont, dass sie selbst den Eindruck gehabt habe, dass es sich um ein privates Abendessen handele. Ihr sei nicht bewusst gewesen, dass diese auf Senderkosten abgerechnet worden sein sollen.

Hoher Rabatt für teuren Dienstwagen

Schlesinger sagte angesprochen auf Slowiks Eindruck: »Alle Gäste haben die gleiche Einladung bekommen. Darin stand nichts von einem Abend unter Freunden, geschweige denn von einer Wohnungseinweihung, davon war definitiv nicht die Rede. Interessante, facettenreiche Persönlichkeiten haben so zusammengefunden.«

In die Kritik geriet auch, dass der RBB für einen teuren Dienstwagen Schlesingers mit Massagesitzen einen sehr hohen Rabatt bekam - der Intendantin stand zudem ein Privatchauffeur zur Verfügung. Die 61-Jährige sagte, sie habe sich keine Massagesitze gewünscht. »Ich habe den Wagen nicht selbst konfiguriert. Ich brauche keine Massagesitze, das ist für mich überflüssiger Klimbim.« Autos würden ihr nicht viel bedeuten. »Ich fahre privat einen VW Polo, der 17 Jahre alt ist. Der steht da draußen vor der Tür. Ansonsten ein altes weißes Fahrrad.«

Übel stieß auch die Renovierung des Intendanz-Bereichs mit schicken Möbeln und edlem Parkett auf - auch dort soll es einen Massagesessel gegeben haben. Schlesinger sagte: »Der Massagesessel ist zum Symbol geworden. Ich habe ihn weder bestellt noch benutzt.« Er habe 1200 Euro gekostet. »Er wurde angeschafft, weil in der Intendanz zwei Menschen Bandscheibenvorfälle hatten und sich aber sehr schnell wieder ins Büro gesetzt haben.« Sie habe ihn in einen Raum ganz am Ende des Ganges verbannt, »weil ich dieses große, unförmige Ding schlicht peinlich fand«.

Unmut der Mitarbeiter beim RBB

Schlesinger sagte zugleich, sie habe den Unmut der Mitarbeiter im Haus unterschätzt. Dieser habe auch an großen Modernisierungsvorhaben gelegen, die die Geschäftsleitung und sie in den vergangenen Jahren angestoßen haben. Schlesinger nannte Umschichtungen von Teilen des linearen Programmetats ins Digitale und Einsparungen in Produktion und Vorabendprogramm des Fernsehens.

»Der Unmut und die Wut im Sender sind aus meiner Sicht so stark, dass ich mir vorwerfe, dass ich das nicht gesehen habe. Das tut mir leid.« Probleme habe sie nicht weggebügelt. An anderer Stelle des Interviews sagte sie auch: »Ich bedaure zutiefst, dass vor allem das gesamte öffentlich-rechtliche System nun unter Beschuss gerät.«

Die Ex-Intendantin verglich die Berichterstattung über die Vorwürfe gegen sie und den zurückgetretenen Senderchefkontrolleur Wolf-Dieter Wolf mit einem »Tsunami«. Sie sagte auch: »Die Anschuldigungen kommen aus meinem engsten Umfeld. Das hat mich besonders getroffen, es schmerzt mich bis heute.« Sie nannte keine Namen. Seit Wochen dringen interne Dokumente nach außen, vor allem das Online-Medium »Business Insider« berichtete über viele Details der Vorwürfe. Die Generalstaatsanwaltschaft Berlin ermittelt auch - bis zur Aufklärung gilt die Unschuldsvermutung.

Wenig geschlafen

Schlesinger sagte in dem Zeitungsinterview zu den Vorwürfen, die beinahe täglich seit Ende Juni immer mehr wurden: »Geschlafen habe ich nicht viel in der Zeit. Es fühlte sich an wie das Nachladen eines Gewehrs, das auf mich gerichtet war. Viele der Vorwürfe stimmen nicht.«

Nachgefragt, ob sie gegen Vorwürfe in den Medien vorgehe, sagte sie: »Das kann ich immer noch tun. Zum Teil passiert das in diesen Tagen.«

Inmitten der RBB-Krise hatte sich Schlesinger bereits schon einmal in einem Zeitungsinterview geäußert - im Berliner »Tagesspiegel«. Dies stieß danach vielen übel auf - vor allem, weil sie Tage zuvor eine Einladung in den Landtag Brandenburg zu einer Sondersitzung ausgeschlagen hatte.

© dpa-infocom, dpa:220907-99-664232/4