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Sommer, Sonne, Zwangsheirat: »Terre des Femmes« warnt vor Verschleppung

Auch in Deutschland werden immer noch Mädchen und junge Frauen gegen ihren Willen verheiratet - oft mit lebenslangen, leidvollen Konsequenzen. Die Schule ist für viele der einzige Ort, an dem sie sich Hilfe holen können.

Die Fahrt in das Heimatland der Eltern kann für manche Mädchen zum Alptraum werden. Frauenrechtsorganisationen wollen das verhin
Die Fahrt in das Heimatland der Eltern kann für manche Mädchen zum Alptraum werden. Frauenrechtsorganisationen wollen das verhindern. Foto: DPA
Die Fahrt in das Heimatland der Eltern kann für manche Mädchen zum Alptraum werden. Frauenrechtsorganisationen wollen das verhindern.
Foto: DPA

BERLIN/STUTTGART. »Hast du Angst, im Urlaub gegen deinen Willen verheiratet zu werden?« fragt das baden-württembergische Sozialministerium in einer Infobroschüre zum Thema Zwangsverheiratung und schreibt: »Überlege dir gut, ob du dann Deutschland überhaupt verlassen willst. Wenn du im Ausland bist, wird es sehr schwierig, Hilfe zu bekommen.«

Genau so sieht es auch die Frauenrechtsorganisation »Terre des Femmes«. Und klärt deshalb vor den Sommerferien in Berliner Schulen und über eine bundesweite Kampagne über das Problem auf. »Wir möchten, dass betroffene Mädchen und Jungen wissen, wo sie sich rechtzeitig Hilfe holen können und wollen dazu beitragen, dass sie über ihre Rechte und Möglichkeiten Bescheid wissen«, sagt Myria Böhmecke, Leiterin des Referats »Gewalt im Namen der Ehre« von Terre des Femmes. Denn die Konsequenzen können vor allem für Mädchen und junge Frauen dramatisch sein: »Eine Zwangsheirat bedeutet häufig das Ende der Kindheit, Schulabbruch, frühe Schwangerschaften, oft lebenslange Abhängigkeit sowie eine erhöhte Gefahr von häuslicher und sexualisierter Gewalt«, so Böhmecke.

Hohe Dunkelziffer

Dass Mädchen gegen ihren Willen verheiratet werden, passiert immer noch viel zu oft - auch in Deutschland. Weltweit wird alle zwei bis drei Sekunden eine Jugendliche unter 18 Jahren in eine Ehe gezwungen. Die Vereinten Nationen gehen von zwölf Millionen solcher Zwangsheiraten aus. Derzeit leben rund 640 Millionen Mädchen und Frauen auf der Welt, die vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet wurden. Offizielle Zahlen des Problems in Deutschland gibt es jedoch kaum, doch Böhmecke weiß aus ihrer Arbeit: »Auch hierzulande werden junge Mädchen zur Verheiratung ins Ausland verschleppt.« Laut einer Studie aus dem Jahr 2008 waren bundesweit 3.443 Personen von Zwangsheirat bedroht oder betroffen. Terre des Femmes geht von einem Anstieg der Zahlen in den letzten Jahren aus, die Dunkelziffer dürfte aber noch weitaus höher sein.

Die Präventionskampagne »Weiße Woche« findet zum vierten Mal statt. Gemeinsam mit der Berliner Polizei werden in Workshops Schülerinnen und Schüler zu den Themen Selbstbestimmung und Zwangsheirat sensibilisiert und über Rechtslage und Hilfsangebote aufgeklärt. Lehrkräfte und die Schulsozialarbeit sollen für das Problem besonders sensibilisiert werden, denn die Schule, so Terre des Femmes, sei beim Thema Zwangsheirat auch deshalb so wichtig, weil sie oft der einzige Ort sei, wo sich gefährdete Mädchen außerhalb ihrer Familie frei bewegen dürften und keiner direkten Kontrolle ausgesetzt seien.

Angst vor Konsequenzen

Dass die »Weiße Woche« nicht bundesweit startet, hat schlicht damit zu tun, dass es dem Verein an Personal und Geld fehlt. Terre des Femmes setzt deshalb auch auf die mediale Verbreitung des zu diesem Zweck produzierten Videoclips »Der letzte Schultag«.

Betroffen sind meist Mädchen aus arabischen Ländern, den Balkanstaaten, aber auch aus Afrika und Asien. Zwangsheirat sei jedoch kein rein islamisches Phänomen, so Böhmecke, es komme in allen stark patriarchalisch geprägten Gesellschaften vor: »Die Eltern suchen hier den Mann aus, die Mädchen sollen als Jungfrau in die Ehe gehen, früh schwanger werden. Hinter allem steht meist das «Ehrkonzept»: Kein Freund vor der Ehe und Mädchen möglichst früh verheiraten, um das Risiko vorehelichen Geschlechtsverkehrs zu minimieren.« Wenn die Mutter zwangsverheiratet wurde, sei die Wahrscheinlichkeit hoch, dass auch die Tochter zwangsverheiratet werde.

Problem Patriarchat

Ein großes Problem bleibe aber nach wie vor, dass viele Mädchen aus Angst vor den Konsequenzen sich gar nicht erst trauten, Hilfe zu suchen. »Die Mädchen haben Angst, dass sie die Familie verlassen müssen, wenn das Jugendamt eingeschaltet wird, und das wollen sie meist nicht«, weiß die Frauenrechtlerin. Den endgültigen Bruch mit der Familie wollen die allermeisten Betroffenen vermeiden, oft werden im Vorfeld einer Zwangsheirat auch Drohungen ausgesprochen, selbst physische Gewalt ist keine Seltenheit.

Es sei wichtig, meint Böhmecke, dass vor allem auch Schulen über die Rechtslage Bescheid wüssten, denn vielen Mädchen und auch Lehrkräfte wäre nicht klar, dass das Mindestalter für eine Heirat bei mindestens 18 Jahren liege. »Und nicht etwa bei 16 Jahren mit der Zustimmung der Eltern«, betont die Frauenrechtlerin.

Sollte sich eine Schülerin vertrauensvoll an eine Lehrkraft wenden, gelte es, Vertrauen aufzubauen. »Auf gar keinen Fall sollte eine Lehrkraft im Alleingang mit den Eltern sprechen, denn als Konsequenz könnte das Mädchen sofort ins Ausland gebracht werden«, warnt Böhmecke. Besser sei es, zunächst eine spezialisierte Beratungsstelle einzuschalten, mit der man dann alle weiteren Schritte bespricht.

Beratungsstellen zum Thema Zwangsheirat

Terre des Femmes bietet selbst keine Beratung an, über www.zwangsheirat.de findet man Beratungsstellen für jedes Bundesland. In Tübingen gibt es etwa den Verein »Frauen helfen Frauen«, in Stuttgart etwa »Yasemin«, die Fachberatungsstelle zu Gewalt im Namen der »Ehre« .