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Reformjahr 2026: Was Aristoteles Merz lehren kann

Friedrich Merz (CDU) nach dem EU-Gipfel: Der Kanzler hätte der Ukraine gern eingefrorene russische Gelder gegeben.
Friedrich Merz (CDU) nach dem EU-Gipfel: Der Kanzler hätte der Ukraine gern eingefrorene russische Gelder gegeben. Foto: Michael Kappeler/dpa
Friedrich Merz (CDU) nach dem EU-Gipfel: Der Kanzler hätte der Ukraine gern eingefrorene russische Gelder gegeben.
Foto: Michael Kappeler/dpa

Glück ist kein Zustand, der vom Himmel fällt wie Sterntaler. Selten geschehen diese Wunder einer ganzen Nation. Darauf zu bauen, ist keine verlässliche Strategie. Den Deutschen ist das Glück abhanden gekommen. Überall Missmut, Gejammer und Gemecker über die Gesamtsituation, gepaart mit Schwarzseherei.

Der Soziologe Andreas Reckwitz hat ein ganzes Buch darüber geschrieben. Seine These: Den Deutschen fehlt die Hoffnung darauf, dass es besser wird, weil der Wandel mehr schlechte Nachrichten als positive produziert. Der Fortschritt ist nicht mehr hell, sondern düster. Erderwärmung, der Abstieg des Westens als Zentrum der Welt, die Sorgen um den Arbeitsplatz wegen des Aufstiegs Künstlicher Intelligenz. In der Tat eine Mischung für schlechte Laune.

Im Gegensatz zur verdrießlichen Sicht auf die gesellschaftliche Lage steht die positive Bewertung der individuellen Situation. In Umfragen gibt eine deutliche Mehrheit an, dass es ihr persönlich gut geht. Dieser Widerspruch zwischen Mikro- und Makroperspektive ist nicht leicht zu erklären. Ein Grund mag sein, dass riesige Probleme wie Klimawandel, die Rückkehr des Krieges nach Europa oder die Wirtschaftskrise vom Einzelnen nicht beeinflusst werden können. Sie sind zu groß für ein kleines Menschlein.

Hingegen: Für mein eigenes Wohlbefinden und das meiner Familie kann ich aktiv etwas tun. Sport und gute Ernährung für die Gesundheit, mehr Zeit zum Spielen mit Kindern und Enkeln, beruflicher Erfolg durch Ehrgeiz und Beharrlichkeit sind in meinen Händen. Im Tätigsein und Tüchtigsein liegt das Glück, dem Passiven wird es nur dann und wann zuteil. Das wusste schon der Philosoph Aristoteles .

Diese Perspektive gilt es von der Mikro- auf die Makroebene zu heben, vom Einzelnen auf Wirtschaft, Gesellschaft und Staat. Die Unternehmen brauchen bessere Bedingungen, um in Deutschland erfolgreich produzieren zu können. Gesundheitswesen, Rentensystem und die Pflege müssen an die alternde Gesellschaft angepasst werden. Der Staat selbst hat sich durch überbordende Bürokratie und die Verliebtheit in papierne Akten von den Bürgern entfernt.

Doch sobald Politiker Veränderungen nur antippen, setzt das große Wehklagen einzelner Gruppen und Parteien ein. Dieses oder jenes gehe gar nicht, habe man in Deutschland noch nie so gemacht, sei ungerecht und gemein. Die Einsicht, dass sich etwas ändern muss, wird weithin geteilt, nur bitte fangt mit den Veränderungen nicht bei mir an. Die Einsicht in die Notwendigkeit aber wäre die Voraussetzung, dass Reform den Geruch des Schimpfworts loswird.

Dabei hilft der Blick auf das eigene Leben, um Veränderungen zu akzeptieren, sie bewusst anzugehen. Jeder, der Karriere machen will, muss ein paar Stunden mehr arbeiten. Jeder, der abnehmen will, muss mit Sport anfangen und dranbleiben. Ein Gang ins Fitnessstudio wird die Traumfigur nicht bringen. Die verkorkste Beziehung wird nicht durch einen Blumenstrauß repariert.

Warum soll gesellschaftlich nicht möglich sein, was auf der individuellen Ebene sehr wohl möglich ist und jeden Tag millionenfach getan wird? Warum nicht ein, zwei Stunden pro Woche länger arbeiten für die Zukunft des eigenen Unternehmens und des Standorts insgesamt? Warum nicht ein leicht gedämpftes Ansteigen der Renten hinnehmen, so dass das System für die Einzahlenden finanzierbar bleibt? Warum nicht ein Jahr zur Armee gehen, damit alle in Sicherheit Leben können?

Das neue Jahr will Bundeskanzler Friedrich Merz zum Jahr der Reformen machen. Seine wichtigste Aufgabe: Es zur großen Erzählung machen, dass es sich lohnt, Veränderungen anzugehen. Dass man als Gesellschaft darauf stolz sein kann, die Dinge zum Besseren zu wenden. Es funktioniert im Kleinen. Und im Großen kann es das auch.

 

politik@gea.de