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Monatelange Wartezeit für Kinder

Wenn die Kleinen schlecht hören, hat das gravierende Folgen. HNO-Ärzte schlagen Alarm

Ein Arzt untersucht ein Kind. Schnelle Abhilfe ist bei einer Erkrankung wichtig, doch bei Hals-Nasen-Ohren-Ärzten ist die Warte
Ein Arzt untersucht ein Kind. Schnelle Abhilfe ist bei einer Erkrankung wichtig, doch bei Hals-Nasen-Ohren-Ärzten ist die Wartezeit oft lang. FOTO: GOLLNOW/DPA
Ein Arzt untersucht ein Kind. Schnelle Abhilfe ist bei einer Erkrankung wichtig, doch bei Hals-Nasen-Ohren-Ärzten ist die Wartezeit oft lang. FOTO: GOLLNOW/DPA

BERLIN. Wer als Kind schlecht hört, der kann es später im Leben schwer haben. Denn wenn die Sprachentwicklung verzögert ist, leidet auch das Verständnis von Zusammenhängen. Wer Zusammenhänge schlechter versteht, dem wird die Schule eher zur Last. Drei bis vier Prozent der Kinder werden mit Hörproblemen eingeschult.

Schnelle Abhilfe ist also wichtig, doch in Deutschland haben sich die Wartezeiten für die kleinen Patienten bei Hals-Nasen-Ohren-Ärzten in den vergangenen Jahren merklich verlängert. Dabei geht es um Eingriffe, die einmal Standard waren. Die Entfernung von Polypen in den Hörgängen und die Verkleinerung von vergrößerten Mandeln sowie das Einsetzen von Röhrchen in das Trommelfell helfen gegen die Schwerhörigkeit der Kleinen. Die Wartezeiten auf diese OPs betragen aber mittlerweile zwischen sechs Monaten und einem Jahr.

»Was wir mit den Kindern machen, das geht überhaupt nicht«

Für Kleinkinder ist das eine Spanne, in der sie große Sprünge machen in der Entwicklung – oder auch nicht. »Was wir mit den Kindern machen, geht überhaupt nicht«, sagt der bayerische Landesvorsitzende des HNO-Ärzteverbandes, Bernhard Junge-Hülsing. »Seit drei Jahren renne ich mir bei Politik und Kassen den Kopf ein, es passiert aber nichts. Das System ist im Eimer«, beklagt der Mediziner mit Praxis in Starnberg. Der Grund für die Misere: Nur noch 13 Prozent der niedergelassenen HNO-Ärzte operieren bei Kindern. Nach Junge-Hülsings Daten waren es im Jahr 2000 noch 40 Prozent. Wenn immer weniger Ärzte am OP-Tisch stehen, verlängert sich die Wartezeit auf einen Eingriff. Bei Junge-Hülsing sind es mittlerweile acht Monate. »Die Lage ist überall in Deutschland gleich, weshalb Kinder auch aus dem ganzen Land zu mir kommen«, berichtet er.

Hinter dem OP-Stau steckt fehlendes Geld. Die Ärzte bekommen zu geringe Beträge von den Krankenkassen für die Eingriffe, zum Beispiel 130 Euro für die Entfernung vergrößerter Mandeln. Das ist zu wenig, um kostendeckend zu arbeiten. Häufig werden die Eingriffe nicht in der eigenen Praxis, sondern in Krankenhäusern und OP-Zentren gemacht.

Mediziner wie Bernhard Junge-Hülsing stellen sich dann für einen oder zwei Tage die Woche in den OP-Saal, den sie als Belegärzte nutzen. Sie bekommen ihr Honorar, die Kliniken eine Fallpauschale. Für Belegeingriffe ist die Pauschale aber geringer als für OPs, die von den Kliniken selbst erbracht werden. »Deshalb schmeißen die Kliniken zuerst die Kinder-Eingriffe der Belegärzte raus. Wenn Du zu viele Kinder machst, machst Du zu wenig Geld«, sagt Junge-Hülsing. Den Eltern seiner kleinen Patienten rät er, den Politikern zu schreiben.

Auch bei der CSU-Gesundheitspolitikerin Emmi Zeulner sind diese Briefe eingetroffen. »Die HNO-Versorgung bei Kindern ist leider sehr unterschiedlich, in einigen Regionen ist sie so schlecht, dass es fast an einer Verweigerung der medizinischen Hilfe grenzt«, beklagt die Bundestagsabgeordnete. Sie fordert die Gesundheitsminister von Bund und Ländern auf, etwas gegen den Notstand zu tun. »Die müssen da ran«, sagt Zeulner und meint damit auch die bayerische Ministerin und CSU-Parteifreundin Judith Gerlach.

»Die Gesundheitsminister der Bundesländer müssen da ran«

In der Pflicht sieht Zeulner die Kassenärztliche Vereinigung, die aus ihrer Sicht dem Versorgungsauftrag nicht gerecht wird. »Kriegen wir das nicht hin, können wir die Kassenärztliche Vereinigung zumachen«. Ihren Informationen zufolge beträgt die Wartezeit im Raum Augsburg rund ein Dreivierteljahr, ebenso im Großraum München.

Der Verband der HNO-Ärzte verlangt eine höhere Fallpauschale, damit sich die OPs wirtschaftlich lohnen. Sie sollen unabhängig davon bezahlt werden, ob der Eingriff stationär oder ambulant über den Belegarzt erfolgt. (GEA)