REUTLINGEN. Mehr als ein Drittel aller Erwachsenen in Deutschland (37 Prozent) hat Mobbing am eigenen Leib erfahren. Das ist eine erschreckend hohe Zahl, wenn man sich vor Augen hält, dass es dabei um systematische Beleidigungen, Beschimpfungen und Drohungen über einen langen Zeitraum geht. Den Opfern setzt die Schikane massiv zu: Sie leiden unter schwindendem Selbstwertgefühl, Depression und psychosomatischen Erkrankungen.
Nun kann man Gegenmaßnahmen fordern von Lehrern, Arbeitgebern, Gesetzgebern, Plattform-Betreibern. Zu Recht: Schließlich sind diese Autoriäten dafür zuständig, in ihren jeweiligen sozialen Räumen Diskriminierung zu unterbinden und für ein faires Miteinander zu sorgen. Doch wie realistisch ist dieser Wunsch? In Schule, Beruf, Gesellschaft und Internet gibt es viel zu viele unbeaufsichtigte Ecken. Oft sind die Täter den Wächtern einen Schritt voraus. Und die Strafen sind zu lasch, um wirksam abzuschrecken.
Statt die Symptome zu bekämpfen, sollte man die Ursachen hinterfragen. Das gesellschaftliche Klima ist rauer geworden: Die Zahl sozial auffälliger Personen im öffentlichen Raum ist gefühlt gestiegen, Aggressionen werden teils ungeniert ausgelebt, soziale Medien schaffen ungeschützte, anonyme Räume. Die menschliche Verrohung ist sicher auch Folge von gesellschaftlicher Heterogenität, wirtschaftlichem Abstieg und politischer Polarisierung - aber nicht nur. Nun hilft es den Opfern wenig, sich die Hintergründe bewusst zu machen. Das beendet nicht ihr Leiden. Am schnellsten wirkt wohl Selbsthilfe: sich den eigenen Wert bewusst machen, Verbündete im privaten Umfeld suchen, Täter hart konfrontieren. Denn selbstbewusste Macher eignen sich schlecht als hilflose Opfer. (GEA)

