BERLIN. Fast eine Woche liegt der An-schlag auf das Berliner Stromnetz zurück. Aber über die Täter ist weiterhin wenig bekannt. Dabei geben die sich alle Mühe, sich zu erklären. Im Netz findet sich jedenfalls eine ganze Reihe von Bekennerschreiben.
Zunächst gestand eine selbst ernannte »Vulkangruppe«, den Angriff auf das Berliner Stromnetz begangen zu haben (»Wir haben heute das Gas- und Dampfturbinen-Heizkraftwerk in Lichterfelde angegriffen«). In einem zweiten Brief be-schwerten sich die mutmaßlichen Täter über die Presse, weil man sich nicht ausreichend zitiert fühlte. Und in einem Dritten wollte man betonen, dass man diese Straftat auch wirklich ganz alleine begangen habe – und nicht etwa der russische Geheimdienst.
Die vielen Bekennerschreiben wiederum gefielen einer Organisation überhaupt nicht, nämlich der mutmaßlich ursprünglichen Vulkangruppe, die sich von dem Anschlag in Berlin distanzierte (»Die Texte und Aktionen der letzten Jahre stammen nicht von uns«). So weit, so verwirrend.
Mehrere »Vulkan«-Gruppen
Um diese Verwirrung aufzuklären, meldete sich glücklicherweise eine vermeintlich dritte Vulkangruppe zu Wort, um zu betonen, dass es eben nicht die eine Vulkangruppe gebe, sondern mehrere Gruppen unter einem Namen (»Es ist mittlerweile eine Bewegung«). Und um auch wirklich gehört zu werden, kündigte diese Gruppe gleich noch einen Anschlag in Marzahn-Hellersdorf an, der sich aber als leere Drohung herausstellte.
So weit der Stand der Bekennerschreiben. Klar scheint bisher nur: Die Täter lassen sich dem linksextremen Spektrum zuordnen. In diese Richtung ermittelt der Generalbundesanwalt. Auch der Innenminister sieht das so. »Der Linksterrorismus ist mit steigender Intensität in Deutschland zurück«, erklärte Alexander Dobrindt (CSU) nach dem Anschlag auf das Berliner Stromnetz in der Bild-Zeitung.
Was ist dran an der Aussage? Zwar liegt eine abschließende Statistik des Innenministeriums über die politisch motivierten Straftaten im Jahr 2025 noch nicht vor. Eine vorläufige Statistik des Innenministeriums aber zeigt: Tatsächlich steigt die Zahl der Straftaten von links, zumindest was die besonders schweren Gewaltdelikte angeht – Körperverletzung also, Brandstiftung oder auch Mord. Das geht aus einer Antwort des Innenministeriums auf eine kleine Anfrage der AfD hervor, die unserer Redaktion vorliegt.
Bis zum 30. November 2025 lag die Zahl der Gewaltdelikte aus dem linken Spektrum deutschlandweit bei 931. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres wurden nur 644 Straftaten gemeldet. Doch ablesen lässt sich auch: Die Delikte aus dem linken Spektrum steigen zwar stärker an, liegen aber weiterhin deutlich unter der Zahl der rechten Gewaltdelikte. Bis zum 30. November verzeichneten die Ermittlungsbehörden 1.302 Gewaltdelikte aus dem rechten Spektrum, im Vorjahreszeitraum waren das noch 1.243. Besonders groß ist der Unterschied bei den Tötungsdelikten: Von rechten Tätern wurden bis November 2025 fünf solcher Delikte begangen, aus einem linken Tatmotiv nur eines. Deutlich höher sind die Zahlen auf der linken Seite dagegen bei Brandstiftungen, Raub oder Sprengstoffdelikten. Die Werte sind noch nicht final, betont das BMI, und können sich durch Nachmeldungen noch verändern.
Schwere Delikte nehmen zu
Über die besonders schweren Delikte hinaus kann das Innenministerium noch keine Aussage bilden. Eine Abfrage unserer Redaktion unter den 16 Landeskriminalämtern zeigt aber: Auch hier nehmen die Zahlen wohl zu. Beispiel: Baden-Württemberg. Dort lag die Zahl der Delikte in den ersten drei Quartalen des Jahres 2025 bei 570. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres wurden nur 375 Delikte gemeldet. Bayern meldet in den ersten drei Quartalen gar über 1.000 Straftaten aus dem linken Spektrum. Besonders hoch war der Wert mit 631 bei der Sachbeschädigung. In beiden Bundesländern war die Zahl der rechten Straftaten mehr als doppelt so hoch.
Die Union will auf den Anstieg reagieren. »Bundesjustizministerin Hubig hat nun endlich einen Referentenentwurf zu der im Koalitionsvertrag festgeschriebenen Speicherung von IP-Adressen vorgelegt«, sagt der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Alexander Throm, unserer Redaktion. »Dieser Entwurf gibt nur dem Bundeskriminalamt das Recht, zur Gefahrenabwehr Sicherungsanordnungen zu erlassen.« Hier müsse aber nachgeschärft werden. »Wir brauchen diese Kompetenz für alle Sicherheitsbehörden, ganz besonders für das Bundesamt für Verfassungsschutz. Hier muss die Koalition jetzt liefern, weitere Verzögerungen können wir uns nicht leisten.«
Kritik an den Plänen kommt von Linken und Grünen. "Statt Grundrechte an-zugreifen, soll sich die Union lieber "ernsthaft mit der Frage beschäftigen, wie die kritische Infrastruktur besser ge-schätzt werden kann", sagte Clara Bünger, rechtspolitische Sprecherin der Linken, unserer Redaktion. (GEA)

