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Aktuell INTERVIEW

Ex-Verkehrsminister Volker Wissing: »Ampel hätte Erfolg haben müssen«

Der ehemalige Verkehrsminister Volker Wissing blickt zurück auf das Scheitern und seine Ex-Partei, die FDP

Volker Wissing will wieder als Rechtsanwalt arbeiten. FOTO: VENNENBERND/DPA
Volker Wissing will wieder als Rechtsanwalt arbeiten. FOTO: VENNENBERND/DPA
Volker Wissing will wieder als Rechtsanwalt arbeiten. FOTO: VENNENBERND/DPA

BERLIN. Volker Wissing behielt im letzten Jahr sein Amt als Verkehrsminister und trat aus seiner Partei aus. Was er nun vorhat, was Verantwortung für ihn bedeutet und wem er eine Weihnachtskarte schreibt.

GEA: Herr Wissing, für Sie war die Weihnachtszeit im vergangenen Jahr eine aufwühlende Achterbahn der Gefühle. Trifft die Vermutung zu, dass Sie sich in diesem Jahr zum Fest vor allem Ruhe und Harmonie wünschen? Und wie werden Sie die Feiertage verbringen?

Volker Wissing:Tatsächlich konnte ich dieses Jahr die Adventszeit deutlich besinnlicher angehen, als das in den Jahren davor mit ihrem gewaltigen Termindruck als Bundesminister der Fall war. Ich habe das genutzt, um das Fest vorzubereiten, das wir traditionell in der Familie verbringen werden. Wir wohnen alle in derselben Region, sind an Heiligabend bei uns, am ersten Weihnachtsfeiertag bei meiner Mutter und am zweiten wieder bei uns. An Heiligabend bin ich dann auch der Koch und in diesem Jahr werde ich endlich wieder Zeit haben, ausgiebig zu kochen.

ZUR PERSON

Volker Wissing (55) war von 2021 bis 2025 Bundesverkehrsminister, zunächst gehörte er der FDP an, nach deren Ausstieg aus der Ampel-Koalition mit SPD und Grünen verließ er die Partei und blieb im Amt. Zusätzlich übernahm er das Justizministerium. Bei den Neuwahlen 2025 trat der Jurist nicht mehr an. Für die FDP hatte er zuvor zahlreiche Spitzenämter in der Bundes- und Landespolitik inne. Wissing ist verheiratet, Vater einer erwachsenen Tochter und calvinistischer Christ. (bju)

Ihre Familie besitzt ein Weingut in der Pfalz – was kommt bei Ihnen denn zu Heiligabend auf den Tisch?

Wissing:Eine sehr lang im Backofen geschmorte, gefüllte Poularde mit einer Morchelsoße, ein Rezept aus der französischen Küche. Als Beilage selbst gemachte kleine Kartoffelklöße, die ich vor dem Servieren noch einmal in der Pfanne anbrate, das liebt die Familie. Dazu gibt es einen Spätburgunder von unserem eigenen Weingut, den mein 2021 gestorbener Vater noch gekeltert hat – so sitzt auch er gewissermaßen mit am Tisch, ebenso erinnern wir in diesem Jahr besonders an meine erst vor Kurzem verstorbene Schwiegermutter.

»Aufgabe von Politik muss es sein, Brücken zu bauen und nicht, sie niederzureißen«

 

Als ausgebildeter Kirchenmusiker haben Sie lange die Orgel in Ihrer Kirchengemeinde gespielt – haben Sie auch dafür wieder mehr Zeit?

Wissing: Ich hatte insgesamt 13 Jahre eine Organistenstelle, doch als Bundesminister war das natürlich nicht mehr möglich. Jetzt habe ich mir fest vorgenommen, wieder mehr zu musizieren. Auch an Weihnachten wird Musik eine wichtige Rolle spielen, besonders die unglaublich komplexen und tiefgreifenden Kompositionen von Johann Sebastian Bach. Seine Fugen versetzen mich fast in Trance. Doch zum Üben bin ich noch nicht so viel gekommen, nach meinem Ausscheiden aus der Regierung musste ich zunächst viele organisatorische Dinge erledigen. Und ich habe ein Buch geschrieben, das im kommenden April erscheint.

Erzählen Sie mehr …

Wissing: Es dreht sich um das Thema Verantwortung und diesen Titel trägt es auch. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie wir unsere Demokratie in eine sichere Zukunft führen. Es gibt autobiographische Elemente aus 20 Jahren Berufspolitik, aber im Wesentlichen beschäftigt es sich mit dem Zustand unseres politischen Systems und unserer Gesellschaft, der mir große Sorgen macht.

Von »jauchzet, frohlocket«, wie es in Bachs berühmtem Weihnachtsoratorium heißt, konnte vor einem Jahr jedenfalls keine Rede sein. Politisch und damit auch in Ihrem Leben war vielmehr, verzeihen Sie den Ausdruck, die Hölle los: Die FDP, Ihre langjährige politische Heimat, war aus der Ampel-Regierung ausgetreten, Sie wiederum sind aus der FDP ausgetreten, weil Sie mit dem Schritt von Parteichef Christian Lindner nicht einverstanden waren. Manche aus der FDP nannten Sie einen Verräter. Und plötzlich waren Sie nicht mehr nur Bundesverkehrsminister, sondern auch Justizminister. Turbulenter kann die sogenannte stille Zeit kaum ausfallen … wie bewerten Sie diese Wochen heute?

Wissing: Mit meiner am 6. November 2024 getroffenen Entscheidung, im Amt zu bleiben und nicht zurückzutreten, war ich mir von Anfang an sehr sicher und bin es bis heute. Genau das bedeutet für mich Verantwortung. Ich hätte akzeptiert, wenn der Bundeskanzler mich entlassen hätte, aber er hat eine eigene Entscheidung von mir eingefordert, die ich nur so treffen konnte. Dass andere sich so entschieden haben, wie sie es getan haben, konnte ich nicht verhindern. Ich habe es versucht, doch es ist nicht möglich gewesen. Es hat mich sehr enttäuscht, dass die Ampel-Regierung keinen Erfolg hatte und ich war sehr unzufrieden, wie man ihr den Erfolg vereitelt hat – diese Regierung hätte erfolgreich sein müssen. Denn diese unterschiedlichen Strömungen, die sie vereint hat, existieren nun mal in unserer Gesellschaft. Und die Aufgabe von Politik muss es sein, Brücken zu bauen und nicht, sie niederzureißen. Ich war sehr bestürzt, in welchem Maße da eine Lust daran entstanden war, sich gegenseitig zu besiegen. Das sollte in der Politik nicht Schule machen. Wir sollten aufhören, uns in Lager aufzuspalten.

Das klingt, als zielten Sie vor allem auf den damaligen FDP-Chef und Bundesfinanzminister. Nun ist Weihnachten für Christen ja ein Fest der Versöhnung, der Vergebung und des Friedens – bekommt Christian Lindner von Ihnen einen Festtagsgruß?

Wissing: Ich habe nicht vor, viele Weihnachtskarten zu schreiben und ich habe auch keine Veranlassung, über andere Menschen zu richten. Von meiner Seite aus gibt es zwischen ihm und mir keine persönlichen Dinge aufzuarbeiten. Jeder muss seine Entscheidungen selbst verantworten. Generell würde ich denjenigen, die es nicht geschafft haben, die Ampel konstruktiv zusammenzuhalten, und auch denjenigen, die jetzt in der Verantwortung stehen, gern sagen, dass Weihnachten das Ereignis ist, das die Menschheit verbindet. Wenn weltweit die Demokratie von Autokratien herausgefordert wird, können wir aus der Weihnachtsbotschaft lernen, dass das Trennende keine Zukunft hat.

»Ich zerschneide keine Tischtücher, sondern versuche, Menschen zusammenzubringen«

 

Schreiben Sie SPD-Chef Lars Klingbeil eine Karte – der hat Ihnen ja bei seinen Sozialdemokraten eine neue politische Heimat angeboten?

Wissing: Das war sehr nett, ich schätze Lars Klingbeil sehr, aber sein Angebot habe ich nicht angenommen, weil ich im Herzen ein Liberaler bleibe. Es gibt eine ganze Reihe von Personen, denen ich in diesen Tagen digitale Botschaften schreibe. Wer auf jeden Fall dazugehört, ist Olaf Scholz, der ein guter Bundeskanzler war und mit seiner besonnenen Art dem Land gutgetan hat.

Die FDP hat nach dem Ampel-Aus den Wiedereinzug in den Bundestag verpasst und kämpft nun ums politische Überleben – im kommenden Jahr auch in Ihrer Heimat Rheinland-Pfalz – drücken Sie Ihren Ex-Parteifreunden, trotz allem, was passiert ist, die Daumen?

Wissing: Ich freue mich natürlich, wenn politische Arbeit auch honoriert wird, dass die FDP durch dieses Vorgehen auf Bundesebene in schwierige Fahrwasser geraten ist, war für mich aber absehbar, darauf habe ich intern hingewiesen. Diejenigen, die das so entschieden haben, müssen das jetzt auch verantworten. Ich werde in diesen Wahlkampf nicht eingreifen, weil ich die Partei ja verlassen habe. Es war nicht kompatibel, einer Oppositionspartei anzugehören und gleichzeitig ein Regierungsamt auszuüben.

Ist das Tischtuch auf ewig zerschnitten oder halten Sie eine Rückkehr in den Schoß der Partei für denkbar?

Wissing: Ich zerschneide generell keine Tischtücher, sondern versuche Menschen zusammenzubringen. Zerschnittene Tischtücher bringen niemanden weiter. Aber es ist kein Geheimnis, dass die Partei sich in eine Richtung entwickelt, die ich kritisch sehe.

Einem möglichen Rechtsruck der Liberalen sind Sie energisch entgegengetreten, haben etwa die vom heutigen CDU-Kanzler Friedrich Merz angezettelte Abstimmung zum Zustrombegrenzungsgesetz zusammen mit der AfD scharf kritisiert. Wie müsste die FDP sich inhaltlich aufstellen, damit Sie die Gunst der Wähler zurückerobern kann?

Wissing: Die Partei müsste sich liberal aufstellen, das heißt, sich der Frage zuwenden, wie man die Freiheit aller Menschen mehren kann und nicht nur die Freiheit derer schützt, die bereits frei sind. Das bedeutet auch, dass man den Staat nicht als Gegner begreift, sondern sich mit Freude an die Gestaltung der Gesellschaft macht. Liberalismus heißt eben auch, für Menschen zu kämpfen, die bislang noch nicht ausreichend Zugang zu Bildung oder finanziellen Möglichkeiten haben oder etwa mit einer Behinderung leben und Barrierefreiheit brauchen. Das kann nur gelingen, wenn der Staat sich in die Verantwortung für die Gemeinschaft begibt.

»Es gibt eine ganze Reihe von Personen, denen ich in diesen Tagen digitale Botschaften schreibe«

 

Zum Jahreswechsel gehört der Blick in die Zukunft. Was planen Sie persönlich und beruflich für 2026? Darf es wieder etwas turbulenter werden?

Wissing: Ja! Ich habe im Augenblick eine Gastprofessur an der Universität Duisburg-Essen, im kommenden Jahr, nach dem Ende meiner Karenzzeit als Minister, werde ich wieder in meiner Rechtsanwaltskanzlei arbeiten. Und ich freue mich auf meine Tätigkeit als Beiratsvorsitzender der Investment-Firma meines Freundes Harald Christ …

… dem Unternehmer, der zunächst lange in der SPD war, dann zur FDP wechselte, bis er wie Sie enttäuscht ausgetreten ist …

Wissing: Genau, da wird es darum gehen, aus Vielfalt Neues und Großes entstehen zu lassen, Ideen zu verwirklichen und Menschen zusammenzuführen. Das ist sehr erfüllend. Es wird mir also nicht langweilg werden. (GEA)