BERLIN. Mehr als sieben Jahre sind es her, dass sich Greta Thunberg mit einem Schild mit der Aufschrift »Skolstrejk för klimatet«, zu Deutsch »Schulstreik für das Klima«, vor das Parlamentsgebäude in Stockholm setzte. Damit löste sie eine globale Klimabewegung aus. Jede Woche streikten Schülerinnen und Schüler für das Klima. Beim globalen Klimastreik am 20. September 2019 gingen weltweit etwa vier Millionen Menschen in 161 Ländern auf die Straße, alleine 1,4 Millionen davon in Deutschland. Davon ist heute wenig übrig.
Mitte November stehen zahlreiche Aktivisten vor dem Brandenburger Tor. Die Polizei spricht von rund 600 Teilnehmenden, die Organisatoren von 2.000. Während die UN-Klimakonferenz in Belém zu diesem Zeitpunkt in vollem Gange ist, hat Fridays For Future zum Internationalen Klimastreik aufgerufen. Mit mäßigem Erfolg.
Statt Klimaschutz stehen nun andere Themen im politischen Rampenlicht. Dabei ist die Klimakrise nicht überwunden – im Gegenteil. Doch die Menschheit, so scheint es vielen Demonstrantinnen und Demonstranten, sieht weg. Über Menschen, die nicht aufgeben wollen, obwohl ihnen oft nicht zugehört wird.
»Vieles wurde nicht umgesetzt, deswegen haben sich radikalere Gruppen gebildet«
Nele Evers ist bei Fridays for Future aktiv, seit sie 14 Jahre alt ist. Sieben Jahre ist das her. »Mich beschäftigt die Klimakrise so sehr, ich kann das nicht einfach so stehen lassen.« Damals erlebte Fridays for Future eine Hochphase. Jeden Freitag gingen Menschen auf die Straße: Zunächst Schülerinnen und Schüler, die unter Aufschrei einiger Lehrkräfte, Eltern und Politiker einige Unterrichtsstunden verpassten, um für ihre Zukunft zu demonstrieren. »Das war eine kluge Taktik«, erklärt Sebastian Koos, Soziologieprofessor an der Universität Konstanz, der zur Klimabewegung forscht. »Es ist nicht ganz schlimm, aber schon widerständig.«
Es war die große Zeit der Klimabewegung: Markus Söder umarmte öffentlichkeitswirksam Bäume, Greta Thunberg lieferte ihre legendäre Rede vor den Vereinten Nationen: »How dare you?« rief sie die Staatengemeinschaft an. »Wie könnt ihr es wagen?« Der Bundestag verabschiedete das Klimaschutzgesetz, die EU stellte den Green New Deal vor. Zunächst sollte Europa klimaneutral werden, die restliche Welt würde bald folgen. »Zunächst wurden wir gefragt, wie lange wir das durchhalten«, erzählt Evers. »Aber dann wurde uns zugehört.«
Und dennoch steuert die Welt auf zwei bis drei Grad Celsius Erderwärmung zu, anstatt, wie im Pariser Klimaschutzabkommen von 2015 beschlossen, die Erwärmung auf möglichst 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Was ist passiert?
Zunächst bremste die Corona-Pandemie die Klimabewegung aus. Zwar wurden Klimaziele zwischenzeitlich eingehalten, da Wirtschaft und Verkehr stillstanden. Langfristige Umstellungen gab es jedoch nicht. Es folgte die Energiekrise infolge der russischen Invasion in der Ukraine. Mittlerweile treibt die seit Jahren schwächelnde Wirtschaft die Leute um. Der Klimaschutz? Geriet ins Hintertreffen. »Zwar gibt es Fridays for Future noch, Luisa Neubauer schreibt manchmal Bücher und hält Motivationsreden auf Instagram, aber es ist schwer zu glauben, nur mit Demos noch etwas zu erreichen«, sagt Ronja Künkler, eine Aktivistin aus Regensburg.
Da andere Themen, allen voran die schlechte Wirtschaftslage, an Bedeutung gewannen, wurden Klimaziele aufgeweicht, aufgeschoben oder ganz gestrichen. Die Rückschläge haben auch die Klimabewegung verändert. »Vieles wurde nicht umgesetzt, deswegen haben sich neben Fridays for Future auch radikalere Gruppen gebildet«, erklärt Koos von der Uni Konstanz. Als sich Aktivistinnen und Aktivisten der Letzten Generation auf Straßen klebten, um auf die Folgen der Klimakrise aufmerksam zu machen, war der gesellschaftliche Aufschrei groß. Auch Fridays for Future geriet in die Kritik. »Die Leute konnten nicht differenzieren, wer sich da festklebt«, sagt Koos. Die Klimabewegung wurde auf beiden Seiten zerrieben. Manche warfen der Klimabewegung vor, dass sie zu radikal sei. Andere, dass die Aktivisten zu wenig erreichen.
»Man hat sich daran gewöhnt, dass die Klimakatastrophe kommt«
Koos ist nicht überrascht, dass Fridays for Future heute weniger Menschen auf die Straße bringt. "Bewegungen fallen immer ab, Proteste lassen immer nach." Das sei jedoch normal. Und obwohl das Thema nicht mehr oben auf der Tagesordnung steht, bedeute das nicht, dass viele Menschen Klimapolitik nicht mehr wichtig fänden. »Man hat sich daran gewöhnt, dass die Klimakatastrophe kommt«, sagt Künkler. Früher wurde die Bewegung noch gehört, das sei mittlerweile nicht mehr der Fall. Nach dem Internationalen Klimastreik ist auch die Klimakonferenz vorbei. Auf einen Fahrplan zum Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas konnte sich nicht geeinigt werden. "Das Ergebnis der Klimakonferenz ist extrem enttäuschend", sagt Nele Evers von Fridays for Future. Eigentlich habe das Format ganz viel Potenzial, welches jedoch genutzt werden müsse. "Wir sind als Bewegung massivst enttäuscht."
Es ist nicht mehr viel übrig geblieben vom Aufwind der Anfangsjahre. Laut einer Studie ist nur noch ein Drittel der Befragten davon überzeugt, dass Deutschland die Folgen des Klimawandels angemessen bewältigen kann. So niedrig war der Wert zuletzt im Jahr 2002. Ronja Künkler findet es jedoch unfair, der Klimabewegung die Schuld dafür zu geben, wie es oft geschehe. »Die Frage sollte nicht sein, was die Klimabewegung falsch gemacht hat, sondern: Wo hätten alle anderen mal überhaupt etwas machen können?«
Die Aktivisten der Klimabewegung machen trotzdem weiter, allen Widerständen zum Trotz. Für die Korallen ist es bereits zu spät. Maximal 1,2 Grad Erwärmung halten die Tiere aus. Dieser Wert wurde bereits überschritten. Drei Viertel bis 99 Prozent aller Korallen weltweit werden absterben. »Die Klimakrise wartet nicht«, sagt Evers. »Doch das sagen wir seit sieben Jahren.« (GEA)

