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AfD-Zoff um Russlandbeziehungen

»Mir hat Putin nichts getan«, sagt Tino Chrupalla. Doch Alice Weidel sieht das anders und widerspricht

Alice Weidel und Tino Chrupalla sind sich uneins darüber, wie böse Putin ist.  FOTO: NIETFELD/DPA
Alice Weidel und Tino Chrupalla sind sich uneins darüber, wie böse Putin ist. FOTO: NIETFELD/DPA
Alice Weidel und Tino Chrupalla sind sich uneins darüber, wie böse Putin ist. FOTO: NIETFELD/DPA

BERLIN. »Mir hat er nichts getan.« Das ist der Satz von AfD-Chef Tino Chrupalla, der seine Partei aufwühlt und ihn mit der Co-Vorsitzenden Alice Weidel aneinandergeraten lässt. Mit »er« ist Russlands Präsident Wladimir Putin gemeint, der die Ukraine seit über drei Jahren mit einem blutigen Krieg überzieht. Der über NATO-Territorium Kampfflugzeuge aufsteigen lässt und Drohnen schickt. In dessen Auftrag europäische Länder täglich von Computer-Hackern attackiert werden. Tino Chrupalla hat den Putin-Satz bei Markus Lanz gesagt. Er ist einer der beiden Vorsitzenden der stärksten Oppositionspartei, die in den Umfragen auf Platz 1 steht.

Die AfD pflegt ein enges Verhältnis zu Moskau und stellt sich gegen die Waffenhilfe an die Ukraine. Für den Kreml ist es bedeutend, welche Unterstützung Kiew aus dem größten Land Europas erhält. Käme die AfD an die Macht, müsste sich die Ukraine darauf einstellen, deutlich weniger Geld und Kriegsgerät zu erhalten. Doch der kindlich anmutende »Mir hat er nichts getan«-Satz ist selbst AfD-Abgeordneten peinlich. »Wir sehen jede Woche russische Waffensysteme in Gebieten, wo sie nichts zu suchen haben. Wir sehen einen Staat, der keine Bereitschaft zeigt, in Richtung Frieden zu gehen«, sagte der verteidigungspolitische Sprecher Rüdiger Lucassen der Bild-Zeitung.

»Russland zeigt keine Bereitschaft, in Richtung Frieden zu gehen«

Der frühere Bundeswehroberst konnte gar nicht fassen, wie sich sein Vorsitzender bei Lanz um Kopf und Kragen redete. Chrupalla hatte dort abstrakt auch Polen zur potenziellen Gefahr für Deutschland erklärt, weil es den Verdächtigen für die Sprengung der Nord-Stream-Pipeline nicht ausliefere. »Polen ist NATO-Partner, unsere Streitkräfte sind in ein gemeinsames Korps integriert. Eine solche Theorie ist abstrus«, schimpfte Lucassen. Wolle seine Partei in Regierungsverantwortung kommen, müsse sie staatspolitische Verantwortung zeigen.

Genau an dieser Stelle liegt der Grund für den Zwist, den Chrupalla mit Alice Weidel über Russland hat. Die 46-Jährige ist keineswegs eine entschiedene Gegnerin der kriegerischen Machtpolitik Putins, ihr geht es in diesem Falle um Wählbarkeit. Will die AfD bei der nächsten Wahl stärkste Kraft werden, darf sie nicht nur den Osten Deutschlands dominieren, sondern muss auch in West-Deutschland zulegen, wo ein anderes Russland-Bild herrscht als zwischen Rügen und dem Erzgebirge. Deshalb sprach sich Weidel gegen die geplante Russland-Reise zweier AfD-Abgeordneter aus. Und zwar nicht per Mitteilung, sondern neben Chrupalla stehend bei der Pressekonferenz vor der Fraktionssitzung. »Ich kann nicht nachvollziehen, was man dort eigentlich will.« Sie selbst würde eine solche Reise »weder unternehmen noch empfehlen«.

Die Tätschelei und Eintracht mit Putins Leuten ist ihr zu viel des Guten. In den AfD-Chatgruppen liefen danach die Drähte heiß, wie tief das Zerwürfnis mit Chrupalla reicht. Die Partei sah sich genötigt, eine Pressemitteilung zu versenden, garniert mit einem Bild, auf dem die streitenden Chefs milde lächeln. »Wir werden als Bundessprecher der Alternative für Deutschland auch zukünftig gemeinsam Politik für Deutschland und seine Bürger machen«, heißt es darin. »Dafür pflegen wir die guten Beziehungen zu unseren europäischen und internationalen Partnern.« Ob das Feuer damit ausgetreten ist, wird sich zeigen. Einer der beiden Abgeordneten hat die Reise abgesagt, wohingegen der andere darauf besteht.

»Ich kann nicht nachvollziehen, was man dort eigentlich will«

Neben der unterschiedlichen Akzentuierung in der Beziehung zum Putin-Regime spielt natürlich auch die Aussicht auf Macht in die Auseinandersetzung zwischen Weidel und Chrupalla hinein. Als Kanzlerkandidatin führte Weidel unter dem Motto »Alice für Deutschland« die Partei bei der Wahl mit 20 Prozent auf Rang 2. Das reine Protestpotenzial halten die Wahlforscher bei einem Viertel der Stimmen für ausgeschöpft, die AfD muss also den anderen Parteien Wähler abnehmen, wenn sie weiter wachsen will. Um sie zu gewinnen, hat sich die Fraktion einen neuen Verhaltenskodex verordnet. Weniger Krawall im Bundestag, ein gesitteter Ton und ein gemäßigtes Auftreten sollen die AfD für die Mitte der Gesellschaft wählbar machen. Die staatspolitische Verantwortung wird auch im staatspolitischen Gestus gezeigt, Inhalt und Form fallen zusammen. Damit ist auch die Hoffnung verbunden, dass die AfD den Wählern als weniger extrem erscheint und die Unterstützung der Bevölkerung für ein Verbotsverfahren schwindet. Frei nach dem Motto: Kein Extremist, wer im Bundestag nicht pöbelt und schreit. Ausgerechnet Alice Weidel ist es aber, die in ihren Reden durch eine schneidende Rhetorik der Kälte auffällt. (GEA)