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Letzter Kronleuchter fällt – Ende für »Das Phantom der Oper«

Kein Stück lief länger am New Yorker Broadway, aber nach 35 Jahren und fast 14.000 Vorstellungen ist nun Schluss für das »Phantom«. Mit der Ankündigung vom Aus begann jedoch ein regelrechter »Phantom«-Hype.

»Phantom der Oper«
Im Majestic Theatre wird am 16.04.2023 nach mehr als 35 Jahren zum letzten Mal »Das Phantom der Oper« gespielt. Es ist das am längsten laufende Stück in der Geschichte des berühmten Theaterviertels. Foto: Christian Fahrenbach
Im Majestic Theatre wird am 16.04.2023 nach mehr als 35 Jahren zum letzten Mal »Das Phantom der Oper« gespielt. Es ist das am längsten laufende Stück in der Geschichte des berühmten Theaterviertels.
Foto: Christian Fahrenbach

Selten hat am New Yorker Broadway ein Bühnenelement so viele Schlagzeilen geschrieben wie der Kronleuchter aus »Das Phantom der Oper«. Er ist mehrere hundert Kilogramm schwer. Am Anfang liegt er auf der Bühne, bevor er zu Beginn an einem Seilmechanismus unter die Decke hochgezogen wird - und er kracht im Finale des ersten Akts nur wenige Meter über die Köpfe der Zuschauer hinweg wieder hinunter. Doch damit ist nun Schluss. Am Sonntag (16. April) wird der Kronleuchter in der geplanten 13.981. Vorstellung von »Das Phantom der Oper« zum letzten Mal über das Publikum im Majestic Theater sausen. Dann schließt nach mehr als 35 Jahren Laufzeit das am längsten laufende Musical in der Geschichte des Broadways.

Es ist das Ende eines beispiellosen Musical-Hits: Rund 19,5 Millionen Menschen sollen in New York das »Phantom« gesehen und dabei über die Jahre Tickets für 1,3 Milliarden Dollar gekauft haben, schrieb das Branchenmagazin »Playbill«. Rund 6500 Menschen haben demnach im Laufe der dreieinhalb Jahrzehnte an der New Yorker Produktion gearbeitet, allein das Live-Orchester besteht aus 27 Mitgliedern, eine heutzutage kaum noch vorstellbare Ensemblegröße. Besonders ungewöhnlich: Elf von ihnen waren laut »New York Times« bereits seit 1988 dabei, denn anders als die Stars auf der Bühne mit ihren Jahres-Engagements sehen die Musiker-Verträge in der Regel eine Anstellung bis zum endgültigen Ende der Spielzeit des Stücks vor.

Kritik nach der Premiere 

Doch die vom britischen Hit-Musical-Autor Andrew Lloyd Webber vertonte Geschichte des im Gesicht entstellten Phantoms, das im 19. Jahrhundert in den Katakomben der Pariser Oper lebt und sich unsterblich in die Sängerin Christine verliebt, hat von Anfang an nicht nur Fans gefunden. Die Show galt vielen immer schon als Spektakel, das weniger auf Charakterzeichnung und subtile Texte setzt als auf knallige Effekte und leicht zu erinnernde Ohrwürmer. 

Schon nach der Premiere am 26. Januar 1988, rund 15 Monate nach der Uraufführung in London, hielt sich die »New York Times« in ihrer Kritik nicht zurück. »Das Phantom ist LLoyd Webbers erster wirklicher Versuch, eine altmodische Romanze zu schreiben, die sich zwischen Menschen abspielt, anstatt zwischen Katzen oder Zügen«, hieß es damals als Seitenhieb auf die auch in Deutschland erfolgreichen Musicalmegahits »Cats« und »Starlight Express«.

Für die Hauptdarstellerin, Lloyd Webbers damalige Ehefrau, die später als Sängerin der Henry-Maske-Hymne »Time to Say Goodbye« zu Starehren kommen sollte, hagelte es Hohn. »Die unterkühlt attraktive Sarah Brightman besitzt gemessen an Broadway-Standards einen üppigen Sopran (zumindest in der Verstärker-Version), aber sie zeigt als Schauspielerin wenig Kompetenz«, schrieb die Zeitung. »Nach Monaten, in denen sie in London im «Phantom» spielte, simuliert sie immer noch Angst und Zuneigung gleichermaßen, indem sie ihr Gesicht zu käferäugigen Grimassen und Eichhörnchenbäckchen verzieht.«

Vom Spott zur Weltmarke

Solcher Spott war schnell vergessen, als das Musical dann doch sieben der Broadway-Preise Tony Awards gewann und Brightman genauso zum Star wurde wie in Deutschland die ersten Hauptdarsteller der 1990 gestarteten Hamburger Version, Peter Hofmann und Anna Maria Kaufmann. Das »Phantom« wurde zur Weltmarke mit Inszenierungen in mehr als zwei Dutzend Ländern, Album-Einspielungen unter anderem auf ungarisch und japanisch, einer Verfilmung mit Gerard Butler, und noch immer laufenden Produktionen in Ländern wie Griechenland, Schweden und China.

Es gibt sogar einen besonders berühmten Fan: 2004 schrieb der damals noch als Immobilienunternehmer und Star der Klatschspalten in Erscheinung tretende Donald Trump in seinem Buch »Think Like a Billionaire«, dass sein liebstes Musical aller Zeiten zwar »Evita« sei, aber: »Spitze war auch «Das Phantom der Oper»!« Im Wahlkampf 2016 ließ Trump immer wieder sogar die getragene Ballade »The Music of the Night« vor seinen Reden laufen.

Hohe Kosten und sinkende Nachfrage

Doch am Broadway kommt nun das Aus. Laut Produktionsfirma sind die laufenden Kosten zu hoch und die Ticketnachfrage sei wegen der Corona-Pandemie zu stark gesunken. Mit der Ankündigung vom Aus begann in New York aber ein regelrechter »Phantom«-Hype: Mit mehr als drei Millionen Dollar Wocheneinspiel ist das Stück derzeit die erfolgreichste Produktion an den rund 40 Broadway-Häusern, einzelne Premiumtickets wurden zuletzt für 697 Dollar verkauft und die zunächst für Mitte Februar angesetzte letzte Vorstellung wurde noch einmal verschoben. Über den 16. April hinaus soll es aber nicht gehen, weil das »Majestic«-Theater renoviert werden muss. 

Dafür hat jedoch der geschäftstüchtige Musical-Vater in einem Interview mit der Wirtschaftsseite »MarketWatch« angedeutet, dass er sich auch eine erneute Aufführung des Musicals am Broadway vorstellen kann – ein Schritt, den andere Großproduktionen wie »Les Miserables« auch gingen, die mit deutlich reduziertem Orchester und Ensemble zurückkehrten. »Das Phantom schickt mir von Zeit zu Zeit Nachrichten und schreibt darin, dass es in das New Yorker Publikum so verliebt sei, dass es nicht vom Broadway weggehen wolle«, sagte Lloyd Webber in dem Gespräch. »Ich denke, vielleicht könnte es eine gute Idee sein, sich nur ein bisschen auszuruhen.«

© dpa-infocom, dpa:230414-99-309730/2