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Bestseller-Autor Jan Weiler und die Überforderung der Männer

Der alte weiße Mann hat Angst, in #MeToo-Zeiten etwas falsch zu machen, Angst vor feministischen Frauen und Angst um die eigene Bedeutung. Aus dieser Angst hat der Erfolgsautor Jan Weiler nun ein Buch gemacht. Im dpa-Interview erklärt er, warum.

Jan Weiler
In Jan Weilers neuem Buch geht es um das schwierige Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Foto: Henning Kaiser/dpa
In Jan Weilers neuem Buch geht es um das schwierige Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Foto: Henning Kaiser/dpa

MÜNCHEN. Es sind die großen gesellschaftlichen Debatten, die Jan Weiler interessieren: Migration, verdrängte Vergangenheit, soziales Gefälle. Jetzt nimmt der Bestseller-Autor (»Maria, ihm schmeckt's nicht«) sich den Kampf der Geschlechter vor.

In seinem neuen Buch »Kühn hat Hunger« lässt er seine Hauptfigur nicht nur an seiner Diät und einem brutalen Mord verzweifeln - sondern auch an der eigenen Männlichkeit. Die große Frage: Wann ist der Mann ein Mann?

Im Interview der Deutschen Presse-Agentur in München spricht Weiler (51) über männliche Überforderung, sein neues Buch - und wie es sich anfühlt, wenn Leser seine Geschichten ganz anders verstehen, als er sie gemeint hat.

Frage: Herr Weiler, wie geht es Ihnen, wenn ein neues Buch von Ihnen auf den Markt kommt?

Redaktion: Es ist wahrscheinlich ähnlich wie bei einem Architekten oder einem Bauunternehmer. Wenn man ein Haus baut, dann ist man währenddessen wahnsinnig involviert und man guckt bei jeder Steckdose und bei jedem Wasserhahn, ob das alles richtig ist. Und wenn das Ding dann fertig ist und es wohnen Leute drin, dann muss man loslassen. Wenn sich die Leute das Buch kaufen, dann ziehen sie in mein Haus und dann muss ich die machen lassen.

Frage: Fällt Ihnen das schwer, die Leute machen zu lassen und vielleicht auch hässliche Gardinen aufhängen zu lassen?

Antwort: Damit muss man leben. Das gab's bei dem ersten Buch, bei »Maria, ihm schmeckt's nicht«. Für mich war das ein Buch über Migration und die Angst vor dem Fremden. Aber die Leute sind eingezogen und fanden es lustig. Man verliert die Deutungshoheit über das Buch.

Bei den »Kühn«-Büchern hieß es dann, es seien Krimis, obwohl es aus meiner Sicht Gesellschaftsromane sind. Ja, es gibt ein Opfer, es gibt einen Täter, und es gibt einen Polizisten und eine Ermittlung. Aber deswegen ist es für mich noch lange kein Krimi. Es geht um diese Hauptfigur und es geht um dessen Leben. Der hätte auch Glaser sein können oder Fliesenleger. Aber ich wollte, dass er einen gesellschaftlich wichtigen Auftrag hat. Aber ich kann mich ja nicht beklagen. Immerhin kaufen die Leute das ja und das ist wichtig.

Frage: Wenn »Maria, ihm schmeckt's nicht« ein Buch über die Angst vor dem Fremden war, ist »Kühn hat Hunger« die Angst des weißen Mannes, seinen Platz in der Gesellschaft zu verlieren.

Antwort: Ja, es geht um dieses wahnsinnig schwierige Verhältnis zwischen Männern und Frauen, das immer komplizierter wird. Diese Frage ist im Alltag für viele Männer - jedenfalls im städtischen Raum - eine große Überforderung. Ich bewerte das gar nicht, sondern ich nehme das erst einmal als Folie für meine Geschichte. Ich finde das interessant, weil es sich so durchzieht durch unser Leben im Moment.

Ich habe letzte Woche auf Facebook einen Ausschnitt aus einer alten Folge »TV Total« mit Stefan Raab gesehen. Da ist eine Weltmeisterin im Kickern zu Gast und Raab fragt sie, ob sie bei jedem Seitenwechsel Prosecco trinken. Das war damals schon ein blöder Witz. Aber wenn man den heute machen würde, müsste man damit rechnen, richtig angepfiffen zu werden.

Das hat sich unglaublich geändert, und es ist für Leute, die in den 40ern oder in den 50ern sind, ganz schwierig. Für meine Kinder übrigens überhaupt nicht. Die würden solche Scherze nicht machen. Mein Sohn zuckt bei solchen Witzen mit den Schultern und versteht die gar nicht mehr. Aber in meiner Generation ist das noch anders. Da ist man noch mit sehr merkwürdigen Rollenbildern aufgewachsen, die auch nicht ernsthaft in Frage gestellt wurden - auch nicht von den Müttern. Meine Mutter hat mal gesagt: Ich bin die letzte angeschmierte Frauengeneration.

Frage: Gab es einen Auslöser, einen Moment, in dem Sie wussten, dass Sie dies zum Thema Ihres neuen Buches machen wollen?

Antwort: Ich suche für meine Bücher immer ein Meta-Thema. Beim ersten »Kühn«-Buch war es die verdrängte Vergangenheit, was ein Riesenthema ist für uns Deutsche, im zweiten ging es um die unfassbaren sozialen Unterschiede in einer Großstadt wie München, und das dritte ist nun das Zusammenleben von Männern und Frauen, der Wandel in der Gesellschaft, dem man sich stellen muss. Das hatte auch damit zu tun, dass ich in die Stadt gezogen bin. Das verändert den Blick auf gesellschaftliche Dinge total.

Hier sieht man auf dem Gehweg auch immer mal so tickende Zeitbomben: Männer, die überhaupt keine Frau kennen lernen und wahnsinnig viel Zeit im Internet verbringen mit einer vom Pornokonsum gesteuerten Wunschvorstellung von irgendwas. Diese Leute erleben täglich, dass ihre Träume mit der Wirklichkeit nicht kompatibel sind. Es gibt da einige - wenige - frustrierte Typen, die jederzeit explodieren können. Es gibt regelrechte Frauenhasser. Und die werden auch noch ständig von außen bestätigt. Schauen Sie sich nur Donald Trump an. Der Mann ist über 70 und schafft es nicht, respektvoll über Frauen zu reden.

Frage: Ist das jetzt die gegenläufige Tendenz zu Bewegungen wie #MeToo? Das Zurückschlagen des weißen, alten Mannes?

Antwort: Das weiß ich nicht. Was ich merke, ist, dass es ein Backlash gibt zur Bewegung und auch zum Neo-Feminismus. Es gibt einfach Männer, die sich davon beleidigt, angegriffen, unterworfen, gedemütigt fühlen und die natürlich dann nicht adäquat darauf reagieren können. Das ist etwas sehr Menschliches. Die Männer sind die, die etwas zu verlieren haben.

Frage: Geschlechterrollen sind traditionell ein sehr emotional debattiertes Thema. Freuen Sie sich auf solche Diskussionen?

Antwort: Ja, ich freue mich immer darauf, mit anderen Leuten über diese Themen zu sprechen. Bei dem Buch könnte es allerdings sein, dass es auch Leute gibt, mit denen ich gar nicht reden will. Aber da muss man durch. Ich halte das Buch für total feministisch. Es wirbt zwar auch um Verständnis für diesen Martin, aber eigentlich ist es ein Buch für Frauen.

ZUR PERSON: Jan Weiler wurde in Düsseldorf geboren, lebt heute in München und hat seinen Hauptberuf als Journalist (unter anderem als Chefredakteur des SZ-Magazins) inzwischen gegen den des Bestseller-Autors eingetauscht. Seinen Durchbruch hatte er gleich mit seinem ersten Buch »Maria, ihm schmeckt's nicht«. Es folgten unter anderem »Das Pubertier«, »Kühn hat zu tun« sowie »Kühn hat Ärger«. Sein neues Buch »Kühn hat Hunger« ist das dritte der Reihe um den Kriminalkommissar Martin Kühn. (dpa)

Jan Weiler, Kühn hat Hunger, Piper München, 416 Seiten, EAN 978-3-492-05876-6

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