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Was deutsche Städte gegen die Hitze unternehmen

Heiße Sommer sind in Großstädten manchmal unerträglich. Gerade zwischen Beton und Asphalt staut sich die Hitze. Helfen könnte ein Blick in die Trickkiste anderer Länder.

Hitzekampf im Städtebau
Begrünte Dächer wie bei diesen Öko-Häuser des Architekten Frei Otto in Berlin können die Umgebungstemperatur senken. Foto: Stephanie Pilick
Begrünte Dächer wie bei diesen Öko-Häuser des Architekten Frei Otto in Berlin können die Umgebungstemperatur senken. Foto: Stephanie Pilick

Würzburg (dpa) - Ungewöhnlich weiße Bahnschienen sorgen für Verwirrung bei Reisenden. Im Netz kursieren wilde Gerüchte: ein Rostschutz? Gegen Unkraut? Kalk? Alles falsch. Das Weiß ist ein Hitzeschutz.

Es soll die Schienentemperatur senken. In Italien gibt es weiße Schienen schon länger, seit kurzem auch in der Schweiz. Nun wurden im bayerischen Würzburg Straßenbahnschienen weiß getüncht.

»An sehr heißen Tagen haben wir hier zuvor an den Schienen 60 Grad Celsius gemessen«, sagt Jürgen Dornberger, Sprecher der Würzburger Verkehrs-GmbH. Durch die Hitze dehnten sich die Schienen aus; der Druck verschiebe die Gleise. Beim Hitzehoch Anfang Juli habe sich die Farbe bereits bewährt: Die Gleise seien um acht Grad kühler gewesen. Dabei sei es keine Spezialfarbe; nur der Farbton als solcher wirke.

Mit ähnlichem Ziel hat Los Angeles 2017 begonnen, Straßen hell zu gestalten. Das Projekt »Cool Pavement« (kühler Straßenbelag) soll laut Straßenamt hitzebezogene Todesfälle und den Energieverbrauch von Klimaanlagen reduzieren.

Auch für Häuser raten Experten zu hellen Flächen. Helle Farben erhöhen die Rückstrahlung, die sogenannte Albedo. »Nicht umsonst gibt es in Griechenland wie auf Santorin vor allem weiße Häuser«, sagt Stefan Emeis vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Auch hitzeabweisende Materialien werden erprobt.

Kalifornien und Griechenland sind schon lange warme Gegenden. Doch auch deutsche Städte geraten in Hitzestress. Straßen und Gebäude speichern die Wärme besonders stark. Zudem produzieren Menschen und Fahrzeuge zusätzliche Wärme. Auch kann Regen schlecht versickern, verdunsten und die Luft abkühlen. In Städten ist es bis zu zehn Grad wärmer als im Umland, so der Deutsche Wetterdienst (DWD).

Berlin hat schon im vergangenen Sommer begonnen, Straßen zur Abkühlung zu besprühen. Die Straßenberegnung wurde vorher unter anderem in Paris getestet. Ähnlich ging der Flughafen Hannover vor, nachdem die Start- und Landebahn durch zu hohe Hitze aufgerissen war.

Durch die Klimaveränderungen wird das Problem kontinuierlich größer. Das Umweltbundesamt prognostiziert zunehmende Hitzeperioden. Zudem ziehen mehr Menschen in die Städte. Gerade für ältere und kranke Menschen sowie für Kleinkinder ist die Hitze gesundheitlich kritisch.

Um gegen die Wärmeinseln vorzugehen, empfehlen Experten mehr Grün und Blau im Städtebau: Mehr Bäume, Rasen und Pflanzen sowie mehr Wasserflächen. Über das Portal Inkas des Deutschen Wetterdienstes können Kommunen herausfinden, was bei ihnen am wirkungsvollsten ist. Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) entwickelt zudem nach eignen Angaben für Städte eine Toolbox mit Beispielen für klimagerechte Umbauten.

Die Stadt Essen hat beispielsweise das Gelände einer ehemaligen Krupp-Fabrik teilweise in einen Park umgestaltet. »Gerade im Ruhrpott hat sich einiges getan«, sagt Wolfgang Groß, Umweltreferent beim Bundesverband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau (BGL).

Eine Kommune, die Taten offenbar nötig hätte, ist das bayerische Kitzingen. Die 90.000-Einwohner-Gemeinde war in den vergangenen Jahren die heißeste Stadt Deutschlands. Das Thermometer überstieg gar die 40-Grad-Marke. Gegenmaßnahmen sind aber erst in Planung. Die Stadt will laut einer Sprecherin mehr Bäume pflanzen. »Aber das geht zu Lasten von Parkplätzen.« Und sorge damit für Konflikte.

Dabei ließen sich alternativ ungenutzte Flächen begrünen. Im niederländischen Utrecht wurden laut Medienberichten Dächer von Bushaltestellen in Blumenwiesen verwandelt. Einige deutsche Städte haben an Straßenbahntrassen Rasen ausgesät oder erwägen es zumindest, etwa Frankfurt, Nürnberg, Stuttgart und Mainz.

Mainz begrünt auch die Fassade eines Parkhauses - hier beißen sich Parkraum und Grün nicht. Etliche Städte wie Berlin, Düsseldorf, Hannover und Stuttgart fördern private Begrünung. Düsseldorf hat kürzlich die Anzahl der Gründächer gezählt. Stand Oktober waren es 2861 - 3,3 Prozent aller Dachflächen.

Viele Maßnahmen sind aber noch in Erprobung. Denn sie sind nicht ohne Risiko. Heller Straßenasphalt kann laut Wissenschaftlern in der Herstellung umweltschädlicher sein als herkömmlicher Asphalt. Zudem könnten komplett weiße Häuser und Straßen blenden und die Ozonbildung in Bodennähe erhöhen, meint KIT-Forscher Emeis. Auch mehr Schadstoffe könnten laut Emeis auf der Negativseite stehen: Bei dichten Bäumen und mehr Kühle steige die Luft samt Schadstoffen schlechter auf.

Für mehr Stadtgrün wird zudem mehr Wasser benötigt - bei Trockenheit problematisch. Auch bei Fassadenbegrünungen gibt es Einschränkungen. »Das funktioniert nur bei Neubauten wirtschaftlich gut«, sagt Jürgen Eppel vom Institut für Stadtgrün und Landschaftsbau der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG). Denn die Begrünung müsse mit dem Gebäude zusammenpassen, mit Material und Statik.

Auf Kritik stieß ebenfalls die Berliner Straßenberegnung. Der Wetterexperte und Meteorologie-Unternehmer Jörg Kachelmann twitterte, dass die »sehr lustige Idee« noch die Schwüle erhöhe und es damit »noch ein bisschen fieser« werde.

Berechnungen, wie sich das Stadtklima mit und ohne Stadtanpassung entwickeln wird, gibt es etliche. Ebenso Leitfäden und Ideen, was man tun könnte. Doch umgesetzt scheint weit weniger, vor allem kein umfassendes Konzept. »Im Moment redet Gott und die Welt über klimagerechte Städte, auch die Politik«, sagt BGL-Referent Groß. Aber er argwöhnt, dass die Politik Gelder für Digitalisierung verbrate und am Ende kein Geld mehr fürs Stadtgrün übrig bleibe.

Andere Hürden als finanzielle sieht Forscher Emeis: Architekten müssten bereit sein, Abstriche bei ihren ästhetischen Vorstellungen zu machen. Und Städte existierten bereits. »Wenn eine Stadt komplett neu gebaut wird, hätte man viel größere Freiheit.« Sinnvoll seien etwa enge Gassen, damit die Sonne nicht mehr durchkomme. »Aber das ist bei unserem Verkehrsaufkommen kaum zu machen«, so Emeis.

In mediterranen und arabischen Städten sind schattige Gassen Alltag. Hier gibt es noch mehr Kreatives: Im saudi-arabischen Medina werden Moschee-Besucher von riesigen Sonnenschirmen geschützt. Die Vereinigten Arabischen Emirate setzten laut Emeis auf Windtürme. »Die Türme saugen die warme Luft quasi aus der Stadt raus nach oben.«

Ideen aus einer Region lassen sich allerdings nicht unbedingt auf andere übertragen. Selbst innerhalb Deutschlands nicht, sagt BBSR-Mitarbeiter Fabian Dosch. »Jede Stadt muss eigene Akzente setzen.« Oder wie es KIT-Forscher Emeis ausdrückt: »Eine Stadt wirklich gut gegen Hitze zu wappnen, ist nicht trivial.«