TÜBINGEN. »Nein«, so etwas habe er während seiner Trainer-Karriere noch nie erlebt, berichtete Henrik Sonko am Donnerstag. Der Headcoach der Tigers Tübingen blickt auf eine absurde Verletzungsmisere seines Teams. »Wir haben 15 Spieler unter Vertrag und hatten teilweise nur sechs Jungs im Training. Am Dienstag haben wir tatsächlich mal zu Zehnt trainiert und konnten Fünf-gegen-Fünf spielen. Das war sehr interessant«, sagte der schwedische Trainer des Basketball-Zweitligisten und schmunzelte.
Mit nur drei Siegen aus den vergangenen zehn Partien zählt seine Mannschaft zu den formschwächsten im deutschen Unterhaus. Und jetzt kommt ausgerechnet die, laut Sonko, »aktuell beste Mannschaft der Liga« in die Paul-Horn-Arena. Tabellenführer Phoenix Hagen gastiert am Samstag (19.30 Uhr, sporteurope.tv) in Tübingen. Sie sind einer der wenigen Clubs, die vor der Saison den Aufstieg als das klare Ziel ausgegeben haben. Auch die Verantwortlichen der Tigers gaben sich vor dieser Spielzeit ambitioniert. »Wir wollen auf jeden Fall in der Play-off-Runde unter die ersten vier Mannschaften kommen. Mit der Möglichkeit in die erste Liga aufzusteigen«, betonte Vorstandschef Michael Bamberg im September gegenüber dem GEA.
Statt Aufstiegskampf ist das triste Mittelfeld die schmerzhafte Realität
Die Realität ist nach fast der Hälfte der Saison eine komplett andere. Statt Aufstiegskampf heißt es in der Unistadt tristes Mittelfeld - mit Tendenz nach unten. Insbesondere die Verletzungssituation hat einen großen Anteil daran, dass die Sonko-Schützlinge bislang eine Runde zum Vergessen erleben. Erst verletzte sich der nach seinem Wechsel eingebürgerte Connor Nelson in der Vorbereitung am Sprunggelenk. Im November erwischte es schließlich den damals extrem formstarken Dreierspezialisten Isaiah Sanders am Knie, der erstmals wieder im Kader stehen soll. Gleiches Schicksal ereilte einige Wochen später JaCobi Wood. Der absolute Unterschiedsspieler brach sich Mitte Dezember ohne Gegnereinwirkung den Mittelfuß. Eine Rückkehr des US-Amerikaners ist noch lange nicht in Sicht.
Etwas Hoffnung machte zunächst die schnelle Nachverpflichtung des erfahrenen Spielmachers Larry Thomas. Am vergangenen Wochenende sollte der 32-Jährige sein Debüt in Crailsheim geben - eigentlich. Doch jetzt wird es richtig absurd: Beim Warmmachen klagte der Wood-Ersatz über Schmerzen am Fuß und musste passen. In dieser Woche hat Thomas noch nicht mit der Mannschaft trainiert. Ein Einsatz des Point Guards am Samstag ist dementsprechend mehr als fraglich. Dazu kommt, dass sich Kapitän Till Jönke mit Rückenproblemen rumplagt und letztmals am 22. November auf dem Feld stand. Auch gegen Hagen werden die Tigers auf seine Führungsqualitäten verzichten müssen. Den Tübingern bleibt derzeit nichts erspart.
Was Hoffnung für das Duell gegen den klaren Favoriten macht
Auch wenn es sich angesichts der Statistik komisch anhören mag: Die letzten Auftritte der Raubkatzen geben dennoch etwas Anlass zur Hoffnung auf ein gutes Spiel gegen den klaren Favoriten aus Hagen. Denn gegen starke Gegner spielten die Tigers zuletzt immer lange Zeit auf Augenhöhe. Erst in Bremerhaven, wo man mit der Schlusssirene die Siegchance vergab. Dann beim 75:83 gegen die Hakro Merlins Crailsheim, als die Sonko-Truppe über weite Strecken gut im Spiel war. »35 Minuten lang haben wir einen guten Job gemacht«, findet der 47-Jährige. Problematisch war jedoch die schwache Arbeit bei den Rebounds. Neben der schwachen Freiwurfquote (Platz 15 ligaweit) eines der leidigen Tigers-Themen in dieser Saison. »Wir müssen hier einfach deutlich aggressiver zu Werke gehen«, forderte der Skandinavier zum wiederholten Mal.
Ein weiterer Punkt, der Anlass zur Hoffnung gibt, dass die Tübinger am Samstag nicht ohne jede Chance sind: Die Hagener kassierten am vergangenen Spieltag die erste Heimniederlage - die insgesamt dritte - in dieser Saison. Die Feuervögel unterlagen den Eisbären Bremerhaven etwas überraschend mit 89:90. Dennoch besitzt der Club aus dem Ruhrpott mit Marcus Graves einen der besten Spielmacher der gesamten Liga (15,9 Punkten und 5,3 Assists). Zudem gehört die deutsche Rotation um Devin Schmidt, Tim Uhlemann, Dennis Nawrocki, Bjarne Kraushaar, Marvin Omuvwie und Fabian Bleck zur Crème de la Crème der Pro A. Es wird eine Herkulesaufgabe für die Raubkatzen. (GEA)

