DORTMUND. Es war keins von den Spielen, das schnell abgehakt wird. Dazu schlugen die Emotionen zu hoch. Erst eine Gewitter-Unterbrechung, dann fünf denkwürdige Minuten und am Schluss prägten begeisterte deutsche Fans und frustrierte Dänen ein wildes Spektakel von EM-Partie.
Dass der 2:0-Achtelfinal-Sieg letztlich verdient war nach der fulminanten Anfangs-Phase und gemessen an der Zahl der Torchancen, wollte keiner in Abrede stellen. Doch letztlich hing der Erfolg der deutschen Elf in Dortmund an einem seidenen Faden, nachdem der dänische Außenverteidiger Joachim Andersen die vermeintliche Führung für die Nordeuropäer erzielt hatte (48.). Ob sich die deutsche Elf von diesem Rückstand erholt hätte - diese Frage bleibt unbeantwortet. Ob aber ein Abseits vor dieser Szene vorlag, entschied der Video-Schiedsrichter (VAR) mit Ja. Dänemarks Coach Kasper Hjulmand, normalerweise ein ruhiger Vertreter seiner Zunft, brachte das auf die Palme. Er hielt sein Handy mit einer Grafik hoch, in der sein Spieler Thomas Delaney mit einer Fußspitze vor der deutschen Abwehr stand. »Das ist ein Zentimeter«, klagte er. »Kann das wirklich die zweifelsfreie Wahrheit sein? Ist die Technik so genau? Lässt sich der Zeitpunkt des Abspiels so genau bestimmen? Ich habe Fragen.«
»So sollte Fußball nicht sein - Kasper Hjulmand«
Und es kam noch dicker für seine Mannschaft. Kurz darauf schlug David Raum eine Flanke in den dänischen Strafraum und machte damit Andersen endgültig zum großen Pechvogel dieser Partie, denn der Ball sprang ihm aus kurzer Entfernung an die Hand (52.) . In beiden Fällen ließ der englische Schiedsrichter Michael Oliver zunächst weiterspielen, ehe sich der VAR einschaltete. So kam es nach dieser Szene zum Handelfmeter, den Kai Havertz zur wichtigen Führung verwandelte. »Er machte eine normale Handbewegung beim Laufen. Es ist frustrierend. Ich bin dieser lächerlichen Handspiel-Regel so müde«, sagte Hjulmand und schloss seine Kritik mit den Worten: »So sollte Fußball nicht sein. Wenn wir führen - das hätte alles geändert.« Auch Andersen verstand die Welt nicht mehr: »Er schießt mich aus einem halben Meter an. Was soll ich tun?«
Auf der Gegenseite stießen die Wikinger mit ihrem Unmut auf Verständnis. »Ich würde mich auch aufregen, wenn wir in der Situation wären«, sagte Bundestrainer Julian Nagelsmann. Zur Abseits-Situation meinte er: »Auch wenn's sehr knapp ist, ist es aber auch eine faktische Entscheidung.« Den Elfmeter-Pfiff hielt er ebenfalls für »hart, aber auch ich müsste mich der Regel beugen«. Auch Kapitän Ilkay Gündogan, der die Handspiel-Szene nicht aus der Nähe sehen konnte, meinte: »Ich glaube, dass nicht alle Regeln im Sinne des Fußballs sind.« Um ihre Entscheidungen zu treffen, verlassen sich die Referees bei der EM auch auf die Daten, die ein Chip im Ball an den Video-Schiedsrichter überträgt.
Stimmung beflügelt
Auf deutscher Seite waren die Emotionen andere. Die euphorische Stimmung schien das Team förmlich zu tragen. Von den »besten ersten 20 Minuten im Turnier« geriet Nagelsmann fast ins Schwärmen. Am Schluss, als die Dänen nach dem Rückstand aufmachten, lag den deutschen Fans der Torschrei erneut mehrfach auf den Lippen. Nico Schlotterbeck schwärmte in seiner Heim-Arena: »Das Stadion hat gebebt.«
Der Innenverteidiger hatte wie erwartet den gelb-gesperrten Jonathan Tah ersetzt und bis auf einen groben Patzer eine ansprechende Partie geliefert. Selbstkritisch meinte der 24-Jährige, dass er sich den meisten Druck mache. »Ich bin gottfroh, dass wir zu Null gespielt haben«, sagte Schlotterbeck, der sich schon auf das Viertelfinale am Freitag (18 Uhr) in Stuttgart freut. Er sei »fünf Minuten von dort« aufgewachsen, schickte der gebürtige Waiblinger hinterher.
Überraschung durch Sané
Nagelsmann bescheinigte dem Borussen eine sehr gute Leistung trotz der »kleinen Unsicherheit in der Box«, will das aber nicht verstanden wissen, als dass sich Schlotterbeck nun bereits den Stammplatz auch für die kommende Partie erkämpft habe. Der Bundestrainer spricht von keiner leichten Entscheidung: »Das ist ein Luxusproblem.« Ein anderer Wechsel im Team war eine Überraschung. Leroy Sané erhielt den Vorzug in der Anfangsformation vor Florian Wirtz. Nagelsmann urteilte über den Münchner, der im Saisonverlauf durch Verletzungspausen zurückgeworfen worden ist und zuvor bei der EM die Rolle des Einwechselspielers hatte: »Es war nicht einfach für ihn. In der zweiten Halbzeit hat er es besser gemacht.« (GEA)

