HAMBURG. Endlich, der HSV ist zurück in der Bundesliga. Die Euphorie nach dem Aufstieg war gewaltig, tagelang wurde an der Elbe gefeiert, vieles aber auch kaschiert, denn der Hamburger SV war keineswegs das Überflieger-Team der 2. Bundesliga, was in den Jubelarien im Mai gerne vergessen wurde. Die Dramaturgie für die Bundesliga hätte nicht besser sein können: Nach dem Auftakt in Gladbach kommt es am 29. August zum Stadtderby gegen St. Pauli. Freitagabend. Flutlicht. Mehr geht nicht.
- Ist der HSV reif für die Bundesliga?
Das ist die Frage, die derzeit noch niemand beim HSV beantworten mag. Gleich nach dem Aufstieg hatte es die Antwort vom Vorstandschef Stefan Kuntz gegeben: »Mit unseren Laufdaten würden wir abgeschlagen auf Platz 18 der Bundesliga liegen.« Deshalb hat der HSV auf dem Transfermarkt vor allem Spieler gesucht und gefunden, die läuferisch und kämpferisch Bundesligareife mitbringen sollen. Gleichzeitig versuchten die Verantwortlichen die Euphorie nach dem Aufstieg in eine neue Richtung zu leiten. Das Bekenntnis: »Wir sind der HSV« soll nicht mehr als Leitmotiv stehen. »Demütig« und »bodenständig« – das sind die neuen Tugenden, die Kuntz gerne gebraucht.
- Hat der HSV aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt?
Unbedingt, in früheren Zeiten wurden Verträge mit Publikumslieblingen wie Rafael van der Vaart oder Bobby Wood verlängert, auch wenn sportlich nicht unbedingt viel dafür gesprochen hatte. Jetzt hat der HSV den Aufstiegs-Helden Davie Selke ziehen lassen und mit Bakery Jatta wurde auch dem dienstältesten HSV-Spieler klar gesagt, dass er es schwer haben wird, im Kader zu stehen. Sportlich richtige Entscheidungen.
- Welche Ziele setzt sich der HSV?
Klassenerhalt. Mannschaft und Fans sollen auf einen Abstiegskampf eingestellt werden und nicht von großen Zielen träumen, stattdessen sich an Niederlagen gewöhnen. Solche Töne ohne Selbstüberschätzung waren beim HSV lange nicht zu hören. Kuntz hat es in einem Jahr zusammen mit seinem Kollegen Eric Huwer geschafft, die scheinbare angeborene Arroganz des HSV zu beenden. »Es wird anspruchsvoller auch, weil wir uns darauf einstellen müssen, dass wir wahrscheinlich auch mal ein paar Wochen kein Spiel gewinnen«, warnte Huwer, der den HSV wirtschaftlich saniert hat, was die Basic für die Rückkehr nach sieben Jahren in die Beletage des deutschen Fußballs ist.
- Warum sollte Davie Selke gehen und wer soll ihn als Leader ersetzen?
Dass Selke keinen neuen Vertrag bekommen hat, war eine strategische Entscheidung. Der Aufstiegsheld und Torschützenkönig versucht künftig sein Glück bei Basaksehir Istanbul. Robert Glatzel ist der gleiche Stürmertyp, dazu kommt der erstarkte Ransford Königsdörffer und als neuer Leader Yussuf Poulsen. »Yussuf hat etwas andere Qualitäten, die zur Bundesliga etwas besser passen«, erklärte Kuntz die Verpflichtung des 31-jährigen Stürmers von RB Leipzig.
- Was wird neu sein beim HSV in der Bundesliga?
Der HSV muss Abschied nehmen vom lange geliebten und gelebten Ballbesitz-Fußball der Zweiten Liga. Der HSV will eklig spielen und über Kampf in der Liga bestehen. Mit Rayan Philippe (Braunschweig), Nicolás Capaldo (Salzburg) und Nicolai Remberg (Kiel) wurden drei Mittelfeldspieler verpflichtet, die alle als lauf- und kampfstark gelten. Mit Jordan Torunarigha (KAA Gent) kam ein Innenverteidiger und mit Daniel Peretz (Bayern) ein neuer Torhüter als Ersatz für Matheo Raab. Ein Rechtsverteidiger und ein weiterer Innenverteidiger stehen noch auf der Transfer-Wunschliste.
- Kann Trainer Polzin Bundesliga?
Das weiß noch niemand. Fakt ist, dass der junge Trainer mit dem Aufstieg das geschafft hat, was zuvor die Erfahrenen wie Dieter Hecking, Tim Walter, Steffen Baumgart nicht erreicht haben. Merlin Polzin ist Teamplayer, hört auf seine Co-Trainer und sieht vor allem auch seinen Chef Kuntz als einen engen Berater. Kuntz hat die Erfahrung im Fußballgeschäft, die dem 33-jährigen Polzin noch fehlt. Unter dem Strich hat der HSV nach dem Aufstieg vieles richtig gemacht. Platz 15 sollte eine realistische Platzierung sein. (GEA)

