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Herber Stimmungsdämpfer für den VfB Stuttgart

Ein aussichtsreicher Freistoß fliegt dem VfB Stuttgart beim Hamburger SV in der 94. Minute gnadenlos um die Ohren und sorgt für die 1:2 (0:1)-Niederlage gegen den Bundesliga-Aufsteiger. Ein Mann nimmt die Schuld auf sich.

Einfach nur frustriert: Chema Andres, Trainer Sebastian Hoeneß, Deniz Undav und Chris Führich (von links).
Einfach nur frustriert: Chema Andres, Trainer Sebastian Hoeneß, Deniz Undav und Chris Führich (von links). Foto: Charisius/dpa
Einfach nur frustriert: Chema Andres, Trainer Sebastian Hoeneß, Deniz Undav und Chris Führich (von links).
Foto: Charisius/dpa

HAMBURG. »Das habe ich so noch nie erlebt«, zeigte sich Sebastian Hoeneß auch einige Minuten nach dem Last-Minute-K.o. im Hamburger Volksparkstadion noch immer ein Stück weit ungläubig. »Das Ende ist brutal«, ergänzte der Coach des VfB Stuttgart mit betröppelter Miene nach der 1:2 (0:1)-Pleite beim HSV. Es war die insgesamt vierte Niederlage in der zwölf Spiele alten Bundesliga-Saison.

»Eine komische Situation«, sagte Stuttgarts eingewechselter Flügelspieler Jamie Leweling über die Szene, die im Schwabenländle noch einige Tage für reichlich Gesprächsstoff sorgen dürfte. Es war ein aussichtsreicher Freistoß an der rechten Strafraumkante, der dem VfB in der 94. Minute gnadenlos um die Ohren flog. »Wir wollten etwas ausspielen. Das hat aber nicht geklappt und dann machen die so einen Konter mit einem Mann weniger«, sprach Leweling frustriert weiter.

Misskommunikation zwischen Undav und Stiller

Was genau war passiert? »Das war eine Misskommunikation zwischen mir und Angelo (Stiller). Ich habe ihm was erklärt, was er nicht ganz verstanden hat. Deswegen nehme ich das auf meine Kappe«, sparte Deniz Undav am Dazn-Mikro nicht mit Selbstkritik. Der Plan der beiden war demnach, den Ball flach in den Rücken der einlaufenden Abwehr zu spielen. Dort wäre Undav dann, so der Plan, frei zum Abschluss gekommen.

Die Theorie klingt gut, in der Praxis ging's dann aber gehörig schief. Stiller passte den Ball in der Mitte direkt in den Fuß von Nicolás Capaldo. Der Argentinier leitete die Kugel direkt weiter zum blitzschnellen HSV-Eigengewächs Fabio Baldé, das den Turbo zündete und einen 70-Meter-Sprint hinlegte. Am Ende landete der Ball irgendwie in der Strafraum-Mitte bei Arsenal-Leihgabe Fabio Vieira, der in der 94. Minute eiskalt ins linke untere Eck zum 2:1 vollstreckte. Ein Konter wie aus dem Lehrbuch, der das Volksparkstadion zum Beben brachte. Interessant: Beide Mannschaften sind zum letzten Mal im Juni 2023 aufeinander getroffen. Damals schaffte das Hoeneß-Team im Relegationsrückspiel gegen die Hamburger den Bundesliga-Klassenerhalt. Nun also verkehrte Gefühlswelt im Duell der beiden Traditionsclubs.

Erzielt den Last-Minute-Treffer: Hamburgs Fabio Vieira (Mitte).
Erzielt den Last-Minute-Treffer: Hamburgs Fabio Vieira (Mitte). Foto: TimGroothuis/Witters
Erzielt den Last-Minute-Treffer: Hamburgs Fabio Vieira (Mitte).
Foto: TimGroothuis/Witters

Es war der klassische Fall von: Eigentlich spricht alles für dich und doch stehst du am Ende mit leeren Händen da. Schließlich hatten sich die Stuttgarter nach einer schwachen ersten Hälfte immer besser in die Partie reingekämpft und erzielten - natürlich - durch Undav nach 54 Minuten das 1:1. In bester Stürmer-Manier war der 29-Jährige bei einem Schuss von Leweling aus dem Rückraum vors Tor gesprintet. Hamburg-Keeper Daniel Heuer Fernandes wehrte den strammen Abschluss nur nach vorne ab, dort stand Undav goldrichtig und staubte ab. Diese Szene dient als Anschauungsmaterial für alle ambitionierten Nachwuchstorjäger. Zu Undav: Sechs Treffer in den letzten drei Bundesliga-Spielen- dieser Mann hat einfach einen Lauf.

Zur Wahrheit gehört jedoch, dass der DFB-Pokalsieger danach nicht wirklich zwingend wurde. Gegen den kompakt stehenden Aufsteiger fehlten dem VfB über die gesamte Spieldauer die zündenden Ideen. Doch spätestens als Alexander Rössing-Lelesiit, der den 1:0-Führungstreffer von Robert Glatzel überragend vorbereitet hatte, in der 81. Minute die Gelb-Rote Karte sah, schien die Stunde der Stuttgarter geschlagen zu haben. Denkste. Für die Hamburger war es übrigens bereits die vierte Ampelkarte in dieser Saison, dazu kommt einmal Glattrot. Nicht von schlechten Eltern.

Sieben Leistungsträger zu Beginn auf der Bank

VfB-Coach Hoeneß hatte eine klare Meinung über das chancenarme Auswärtsspiel im hohen Norden, das eigentlich keinen Sieger verdient gehabt hätte: »Am Ende musst du einfach mit dem Punkt nach Hause gehen, das Spiel analysieren und dir den Mund abputzen.« Der 45-Jährige hatte mal wieder kräftig die Rotationsmaschine angeworfen und im Vergleich zum 4:0-Sieg in der Europa League am Donnerstag gegen Deventer mit Finn Jeltsch, Lorenz Assignon, Atakan Karazor, Maximilian Mittelstädt, Leweling, Stiller und Undav gleich sieben Leistungsträger auf die Bank beordert.

Das war allerdings ganz sicher nicht der Grund für das Gegentor nach dem Slapstick-Freistoß kurz vor Schluss, der für einen Stimmungskiller nach zuletzt erfolgreichen Wochen im Stuttgarter Lager sorgte. So etwas kann passieren. Das Gute: Viel Zeit zum Überlegen haben die VfB-Profis nicht. Es geht weiter Schlag auf Schlag. Am Mittwochabend (18 Uhr) gastieren Undav, Stiller und Co. beim VfL Bochum im Achtelfinale des DFB-Pokals, bevor am Samstagmittag kein Geringerer als der FC Bayern München zum Südschlager nach Stuttgart reist. Spätestens da wird niemand mehr über den Freistoß in Hamburg sprechen. (GEA)