REUTLINGEN. Wenn es eine Größe im Spiel der Young Boys Reutlingen gibt, auf die sich die Verbandsliga-Fußballer in dieser Saison zu 100 Prozent verlassen können, dann ist das ihr Herz im Mittelfeld: Kevin Haußmann. 13 von 14 möglichen Partien absolvierte der Sechser, der im Sommer 2024 den Sprung vom VfL Pfullingen nach Reutlingen wagte. Bereits bei seiner vorherigen Station war der 32-Jährige unverzichtbar. Zurzeit läuft es allerdings besser denn je.
Welch eine Freude es ist, den feinen Techniker aktuell kicken zu sehen, kann man sich vorstellen, wenn man seinen Trainer Volker Grimminger über ihn sprechen hört. »Er ist ein unheimlich schlauer Spieler, technisch überragend, hat eine extreme fußballerische Qualität.« Nach dem jüngsten Erfolg in Ehingen-Süd (3:1) lobte ihn der Kommandogeber gar für sein bestes Match für die Young Boys überhaupt. Doch was sind die Gründe für die Top-Form?
Extrem ehrgeizig
Die Antwort liegt darin, dass der Linksfuß seine Spielweise im fortgeschrittenen Fußballalter noch einmal umstellte, ohne seine alten Qualitäten zu verlieren. Seine Passquote: Weiterhin erstaunlich nah an der Perfektion. Sein Blick für die Teamkollegen: außergewöhnlich gut. Sein Repertoire hat Haußmann erweitert. »Ich würde sagen, dass ich mich im Spiel gegen den Ball verbessert habe«, sagt er im Gespräch mit dem GEA. Dazu kommt ein verbessertes Verständnis für das schnelle Umschaltspiel, das der Reutlinger Club zeigen will. »Früher hat er immer erst mal den flachen Kurzpass gespielt und sich erst zur Seite oder nach hinten orientiert«, erklärt Grimminger. Mittlerweile gehe der Blick direkt nach vorn und auch der hohe Ball über die Abwehrkette sei eine Option. »Es ist alles andere als selbstverständlich, seinen Stil in diesem Alter noch einmal komplett zu verändern«, lobt der 46-Jährige.
Haußmann ist extrem ehrgeizig und möchte deshalb unbedingt weiter besser werden. »Ich will ja nicht einfach nur dabei sein, sondern dem Team einen Mehrwert bieten. Sonst kann ich es bleiben lassen.« Seine Rolle auf dem Feld sieht er darin, Struktur und Rhythmus ins Spiel zu bringen. Ohne Frage ist er die Schaltzentrale der ambitionierten Mannschaft. Dass andere Kicker in den eigenen Reihen – sei es durch spektakuläre Dribblings oder Tore – mehr auffallen als er selbst, stört ihn nicht. »Ich mag es, die Jungs mit meinen Pässen einzusetzen. Wer am Ende in der Zeitung steht, ist mir egal.«
In die Führungsrolle gewachsen
Gerade in der Offensive mache sich sein Alter mittlerweile ohnehin ein wenig bemerkbar: »Du kommst nicht mehr so leicht vorbei, manchmal fehlen ein bis zwei Schritte«, erzählt er und lacht. »Man ist fußballerisch ja schon so ein bisschen in den letzten Zügen.« Genau deshalb versucht Haußmann auch, es zumindest etwas lockerer zu nehmen. Er wolle die Zeit jetzt mehr genießen. Aber nicht immer klappt das, denn »ich bin immer noch sehr streng und fordere manchmal zu viel von mir und meinen Teamkollegen«.
Auf der anderen Seite wächst er immer mehr in eine Führungsrolle hinein – auf und neben dem Platz, sagt sein Trainer. »Er ist für die Kabine sehr wichtig, hat immer einen guten Spruch auf den Lippen«, so Grimminger. Haußmann selbst fühlt sich pudelwohl, nicht nur, weil es sportlich läuft wie am Schnürchen, sondern weil das Gesamtpaket einfach passt. »Wir sind eine coole Truppe, alle aus der Region.« Und die steuert gerade Richtung Oberliga. Der 168-fache Verbandsliga-Fußballer könnte dort mit deutlich über 30 Jahren debütieren. Es wäre eine verrückte Geschichte, starten viele Spieler ihre Karriere doch höherklassig und lassen es am Ende ein bis zwei Ligen tiefer ausklingen. (GEA)

