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Zuschüsse, Kosten, Personal: Reutlinger Kultur in Zahlen

Foto: Gerald Matzka/dpa
Foto: Gerald Matzka/dpa

REUTLINGEN. Die renommierte Württembergische Philharmonie (WPR), die klassische Musik einem immer breiteren Publikum zugänglich machen möchte, das Kulturzentrum franz.K mit seinen weiten Freiräumen für jegliche Form des künstlerischen Ausdrucks, das Theater Die Tonne, das Menschen mit Behinderung auf die Bretter, die die Welt bedeuten, holt: Sie seien exemplarisch genannt für das breite Reutlinger Kulturangebot, das diese Stadt so sehr bereichert.

Der Wert dieser Kultur ist nicht (hoch genug) bezifferbar, Kosten und Zuschüsse sehr wohl: Der GEA hat bei Matthias Schmied, dem Verwaltungsleiter des Tonne-Theaters, bei WPR-Intendant Cornelius Grube und bei franz.K-Vorstand Andreas Roth nach den nackten Zahlen gefragt, denn Kultur ist immer auch ein Ringen mit eben diesen Zahlen. Corona hat die Kunst zusätzlich gebeutelt. Alle Befragten kämpfen mit den Folgen, mit noch immer reduzierten Zuschauerzahlen und neuen Gewohnheiten eines entwöhnten Publikums, das im Lockdown gelernt hat, sich umfassend an Bildschirmen zu vergnügen. Und so gilt es in diesen Zeiten auch, Publikum zurückerobern, das den »Wert der Live-Kultur in allen Bereichen entdeckt«, wie es Matthias Schmied ausdrückt.

Tonne-Theater: »Entwöhntes« Publikum?

Die Tonne muss den Theaterbesuch nach der Pandemie erst wieder »selbstverständlich« machen. Foto: Privat
Die Tonne muss den Theaterbesuch nach der Pandemie erst wieder »selbstverständlich« machen.
Foto: Privat

GEA: Wie hoch ist Ihr jährliches Budget?

Matthias Schmied: Circa 2 Millionen Euro.

Wie hoch ist die Ausgabendeckung durch Eigeneinnnahmen?

Schmied: 2018 bis 2021: Zwischen 20 und 33 Prozent.

Wie hoch sind die Zuschüsse?

Schmied: In 2023 Stadt: 1,441 Millionen Euro.

Landkreis: 194.820 Euro.

Land: 190.000 Euro.

Seit 2020 hat die Stadt die Zuschüsse eingefroren, zugleich müssen Sie Tariferhöhungen fürs Personal und steigende Energiekosten verkraften: Wie kommen Sie damit zurecht?

Schmied: Das hat aktuell noch keine Folgen, da das Theater alle Gehaltserhöhungen seit 2020 aus den Rücklagen finanziert. Es hat keine Auswirkungen auf das Programm. In den Jahren 2020 bis 2022 hat das Theater sich bei sämtlichen postpandemischen Unterstützungsprogrammen des Landes erfolgreich beworben, dazu von April 2020 bis März 2022 Kurzarbeit angemeldet und so Kurzarbeitsgeld erhalten.

Wie hoch ist Ihr Personalbudget?

Schmied: Wir haben derzeit 19 Stellen, davon 6 für die Darsteller. Der Etat für sämtliche Personalausgaben lag 2022 bei rund einer Million Euro für Gehälter der ganzjährig Festangestellten, der Schauspieler mit Teilspielzeitverträgen sowie Honorare für Musiker, Tänzer sowie Regieteams.

Was zahlen Sie jährlich an Miete?

Schmied: Etwa 790.000 Euro für den Neubau an der Jahnstraße, den Spitalhofkeller, ein externes Materiallager sowie zwei Theaterwohnungen. Von der Stadt erhält das Theater dafür Miet- und Nebenkostenzuschüsse in Höhe von 770.000 Euro.

Wie viele Veranstaltungen bieten Sie jährlich in Reutlingen an?

Schmied: Spielzeit 2018/2019: 255 (außerhalb: 13)

2019/2020 mit Lockdown ab März 20: 179

(8 außerhalb).

2020/2021 mit Lockdown November 2020 bis Mai 2021: 53 (4 außerhalb).

Spielzeit 2021/2022: 208 (außerhalb 28).

Haben Sie die Coronaspätfolgen überstanden?

Schmied: Nein, das wird bei fast allen Kulturinstitutionen noch dauern, bis das ehemalige Publikum wieder in vollem Umfang kommt und die von der Pandemie und den Schulschließungen betroffenen Schülerjahrgänge etwa einen Theaterbesuch wieder als selbstverständlichen Bestandteil des kulturellen Angebots betrachten.

Was brauchen Sie am dringendsten?

Schmied: Wertschätzung und Neugierde des Publikums, das nach zweieinhalb Jahren der Entwöhnung wieder die Live-Kultur in allen Bereichen entdeckt. (eg/GEA)

Mehr Raum für Musikvermittlung: Württembergische Philharmonie Reutlingen

Das Orchester der Württembergischer Philharmonie Reutlingen (WPR) bei der Benefiz-Gala für die Ukrainehilfe von WPR GEA und Stadt Reutlingen am 14. April 2022 in der Stadthalle Reutlingen. Foto: Jürgen Meyer
Das Orchester der Württembergischer Philharmonie Reutlingen (WPR) bei der Benefiz-Gala für die Ukrainehilfe von WPR GEA und Stadt Reutlingen am 14. April 2022 in der Stadthalle Reutlingen.
Foto: Jürgen Meyer

GEA: Wie hoch ist Ihr jährliches Budget?

Cornelius Grube: Etwa 8 Millionen Euro.

Wie hoch ist die Ausgabendeckung durch Eigeneinnnahmen?

Grube: Vor Corona waren die Eigeneinnahmen mit fast 25 Prozent sehr hoch – in deutschen Orchestern und Theatern liegen sie bei durchschnittlich etwa 18 Prozent. Nach Corona, bedingt durch weniger Zuschauer und nach wie vor abgesagte Konzerte, liegt der Anteil zurzeit bei etwa 17 bis 18 Prozent.

Wie hoch sind Ihre Zuschüsse?

Grube: Stadt: Etwas über 3,1 Millionen Euro.

Landkreis: Knapp 160.000 Euro.

Land: Knapp 3 Millionen Euro.

Seit 2020 hat die Stadt die Zuschüsse eingefroren. Wie kommen Sie damit zurecht?

Grube: Ein Orchester hat ein sehr intensives Personalaufkommen, davon sind natürlich die meisten als Musikerinnen und Musiker angestellt. Die Orchester sind tarifgebunden. Es werden die Tariferhöhungen des TvöD übernommen. Zu erwarten ist, dass für 2023 eine Tariferhöhung von mindestens 5 Prozent vereinbart wird – die WPR hat in ihrem Etat jedoch nur 2 Prozent eingerechnet. Wenn das zu erwartende Loch nicht durch die Träger abgedeckt wird, wird die WPR zwangsläufig Kürzungen in allen Bereichen, auch im Personal, vornehmen müssen und beispielsweise nicht mehr so viele Konzerte anbieten können. Eigeneinnahmen brechen weg – es beginnt eine Spirale nach unten, die die hohe Qualität der WPR gefährdet. Die Energiekostensteigerungen halten sich derweil für das eigene Probenhaus in überschaubaren Grenzen. Spürbarer sind sie bei der erhöhten Miete der Stadthalle und den höheren Buskosten zu auswärtigen Konzerten. Ein Teil der Energiekostensteigerungen kann über den »Kulturfonds Energie« des Bundes abgedeckt werden. Konzertprogramme werden zwei Jahre im Voraus festgelegt, Gastsolisten und -dirigenten mindestens zwei Jahre im Voraus engagiert. Großes Einsparpotenzial ist hier also nicht.

Wie hoch sind Ihre Personalausgaben?

Grube: Die WPR verfügt über gut 90 Angestellte, davon 74 Musikerinnen und Musiker (Teilzeitkräfte, gering Verdienende und zeitweise Beschäftigte mit eingeschlossen). Sie machen etwa 80 Prozent des Gesamtbudgets aus. Hinzu kommen Honorare für Gastdirigenten und -solisten.

Was zahlen Sie jährlich an Miete?

Grube: Das Thema Miete ist für die WPR heikel. Hier laufen weiterhin Gespräche mit allen Verantwortlichen. Das Probengebäude der WPR ist Eigentum der Stiftung Volksbildung, die Konzerte der WPR finden (zumeist) in der Stadthalle (Stadthallen GmbH) statt.

Wie viele Veranstaltungen haben Sie im Jahr?

Grube: 2023 machen wir 69 Veranstaltungen in Reutlingen, vier CD-Produktionen und drei Radio-Mitschnitte. Hinzu kommen 41 auswärtige Konzerte in Deutschland, der Schweiz, Italien und Frankreich.

Wie haben Sie die Coronaspätfolgen überstanden?

Grube: Die Kultur befindet sich noch mitten in den Coronaspätfolgen. Es wird Jahre dauern, bis das gute Niveau der Vor-Coronazeit wieder erreicht wird. Gleichzeitig lässt sich feststellen, dass sich die gesellschaftliche Situation grundlegend verändert hat – keine Folgen von Corona, aber in dieser Zeit besonders deutlich hervorgetreten. Die Württembergische Philharmonie befindet sich deshalb zurzeit mitten in einer Umorientierung, mit der wir uns – bedingt und beschleunigt durch Corona – seit 2020 versuchen, neu aufzustellen: Die Reisetätigkeiten fallen zunehmend in Orchestern mittlerer Größe weg, Konzertformate ändern sich, das Abonnementssystem wird überdacht, die Digitalität nimmt zu. Das Thema der Nachhaltigkeit stellt sich dabei natürlich auch besonders für uns als Reiseorchester. Über diese Umorientierung haben wir in den letzten drei Jahren viel nachgedacht und diverse neue Ansätze gefunden. Wir wollen zunehmend Projekte realisieren, die sich mit der Frage, wie Musikkultur auch in die ländlichen Regionen kommt, die bisher keinen Zugang zur klassischen Musik hatten, beschäftigen. Ein Beispiel für Umorientierung mag auch unsere Kooperation mit dem Empowermentprojekt TALK mit marginalisierten Menschen mit Diskriminierungserfahrung zeigen – eine Begegnung der sogenannten »Hochkultur« mit der Subkultur. Die WPR ist hier also auf einem hervorragenden Weg, wie auch die Auszeichnung als »Innovatives Orchester« 2019 gezeigt hat.

Was braucht die Philharmonie aktuell am dringendsten?

Grube: Ein wichtiger Bestandteil des Veränderungsprozesses ist die zunehmende Bedeutung der Musikvermittlung in alle gesellschaftlichen Schichten hinein. Mehr für alle Menschen da zu sein, jegliche Art von Musik »erlebbarer« zu machen, verlangt jedoch auch, mehr Räume nutzen zu können. Über diese Räumlichkeiten verfügen wir aber nicht, und es fehlt bisher an einer Finanzierungsmöglichkeit. Letztendlich ist der dringendste Bedarf der WPR neben einer finanziellen Absicherung für die kommenden Jahre also ein entsprechender Anbau mit weiteren Räumlichkeiten ans bestehende Probenhaus. (eg/GEA)

Kulturzentrum franz.K wünscht sich »adäquate Lastenverteilung«

Sänger Arnim Teutoburg-Weiß von den Beatsteaks beim Auftritt am 30. Juli 2022 im Echaz-Hafen im Rahmen des Hafensounds-Festivals des franz.K. Foto: Jürgen Spieß
Sänger Arnim Teutoburg-Weiß von den Beatsteaks beim Auftritt am 30. Juli 2022 im Echaz-Hafen im Rahmen des Hafensounds-Festivals des franz.K.
Foto: Jürgen Spieß

GEA: Wie hoch ist Ihr jährliches Budget?

Andreas Roth: Knapp 1,7 Millionen Euro.

Wie hoch ist die Ausgabendeckung durch Eigeneinnahmen?

Roth: Etwa 60 Prozent.

Wie hoch sind Ihre Zuschüsse?

Roth: Stadt: Etwa 460.000 Euro Regelzuschuss.

Kreis: Etwa 30.000 Euro Regelzuschuss. Dazu kommen Projektzuschüsse.

Land: Verhältnis 2:1 (Kommune/Land).

Seit 2020 hat die Stadt die Zuschüsse eingefroren. Wie kommen Sie damit zurecht?

Roth: Das Einfrieren der städtischen Zuschüsse bedeutet für uns automatisch auch das Einfrieren der Landeszuschüsse und trifft uns damit sozusagen anderthalbfach. Wir kommen bisher nur deshalb einigermaßen damit zurecht, weil wir a) während der Pandemie eine ganze Reihe von Projektzuschüssen einwerben konnten und Kurzarbeitergeld erhalten haben sowie b) seit 2021 mit dem Echazhafen die Möglichkeit erschließen konnten, Überschüsse aus Großveranstaltungen zu erzielen, die wir aktuell zum Stopfen von Etatlöchern verwenden. Mit dem Auslaufen der Corona-Projektgelder seit Ende 2022 müssen wir auf Verschleiß (in Personal und Einrichtungen) fahren und haben auch das Programmangebot, wenn nicht deutlich, so doch spürbar reduziert.

Wie viele Angestellte haben Sie?

Roth: Wir haben Personalkosten von rund 600.000 Euro bei insgesamt um die 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern (Azubi, Bufdie, Mini- und Midi-Jobber sowie 14 Beschäftigten im Hauptberuf). Wir beschäftigen darüber hinaus regelmäßig nicht bei uns angestellte Technik- und Security-Kräfte und ab und zu Honorarkräfte in Projekten.

Was zahlen Sie jährlich an Miete?

Roth: Wir sind Mieter bei der Stadt Reutlingen und zahlen für Gebäude, Biergarten und Echaz-Hafen knapp 200.000 Euro.

Wie viele Veranstaltungen bieten Sie jährlich in Reutlingen und außerhalb an?

Roth: Vor Corona 280 bis 300, in 2023 etwa 50 weniger. Soziokulturelle Zentren sind generell stark ortsbezogen, wir bieten höchstens projektgebundene Eigenproduktionen auch mal nach außen an. Oder Beratung und Unterstützung von lokalen Akteuren außerhalb.

Wie haben Sie die Coronaspätfolgen überstanden?

Roth: Das wissen wir noch nicht genau, denn die halten schon noch an. Trotzdem ist für die Spielzeit 2022/2023 die Situation bisher besser als befürchtet. Aber eine Rückkehr zu den Verhältnissen vor Corona dürfte insgesamt eher schwer werden.

GEA: Was braucht das franz.K am dringendsten?

Roth: Das franz.K braucht vor allem die Unterstützung des Publikums, also so viel wie möglich Kulturhungrige, -neugierige und -interessierte nach Jahren der Einschränkungen. Und das franz.K braucht eine adäquate Lastenbeteiligung der Stadt Reutlingen, von der die Beteiligung des Landes direkt abhängt. Momentan ist die Lastenbeteiligung durch die Stadt angesichts des vom franz.K gebotenen Kultur-Programms und der damit verbundenen Kosten und Risiken nicht adäquat. Das franz.K hat auch zusätzlichen Raumbedarf, der allerdings vor Corona am deutlichsten zu spüren war und sich nun erst erneut zeigen muss. (eg/GEA)