REUTLINGEN. »Ohne unseren Otto-Motor würden wir heute nicht hier sitzen«, betonte Mimi Böckmann als Koordinatorin von Lebenswert bei der Zehnjahres-Feier. Mit dem Otto-Motor meinte Böckmann den Initiator, Antreiber und eben Motor dieser besonderen Plattform, nämlich Otto Haug. Er selbst versuchte, bei der Feier »dem Kern oder dem Geheimnis von Lebenswert« auf den Grund zu gehen: »Ich glaube, wir vertrauen auf die Fähigkeiten der Bürgerschaft, wir setzen auf ihre Talente.« Begonnen hatte Lebenswert mit gerade mal acht Initiativen und Projekten, »heute sind es mehr als 70«, so Böckmann. Darunter Abendliedersingen, ein Männer-, Frauen- und ein Politischer Stammtisch, Helfende Hände, Literatur bis hin zum Projekt »Hallo Nachbarn«.
»Sie feiern zehn Jahre Gestaltung von Vielfalt und Teilhabe«, lobte Sozialminister Manne Lucha per Videobotschaft. »Als Sie gestartet sind, waren Sie Ihrer Zeit voraus, denn es ist wichtig, füreinander da zu sein.« Laut Utz Wagner, Vorsitzender des Stiftungsrats, sagte war am Anfang der Plattform der Aufwand überschaubar gewesen, »doch schnell wurde klar, dass es eine hauptamtliche Koordination braucht«. Die langfristige Finanzierung einer Stelle wurde über mehr als 100 Stifter gesichert, »ab 2019 haben wir über 200.000 Euro gesammelt«, so Wagner.
Diakonische Aufgaben
»Als Kirchengemeinde haben wir viele Aufgaben diakonischer Art übernommen und immer Leute dafür angestellt«, erinnerte Stefan Sigloch, Pfarrer an der Reutlinger Kreuzkirche. Dabei sei fast vergessen worden, dass es die Aufgabe der Kirchengemeinde sei, »uns in die Gemeinschaft und die Gesellschaft einzubringen«. Mit Lebenswert habe sich das radikal geändert.
Susanne Stutzmann, »Frau der ersten Stunde«, bemerkte, dass schon vor der Plattform so manche Projekte entstanden waren. »Dann hat die Kirchengemeinde es aber gewagt, den Schritt in die Stadtteilarbeit zu wagen.« Stutzmann selbst hat dabei wesentlich mitgewirkt. Genauso wie Karin Lohmayer, die als Finanzfachkraft gewonnen werden konnte.
Verzaubertes Publikum
Gabriele Blum-Eisenhardt ist ebenfalls von Beginn an dabei: »Die Kirchengemeinde ist durch die Plattform noch offener geworden.« Otto Haug musste noch weitere lobende Worte über sich ergehen lassen: »Du bist ein großartiger Anstifter, du reißt die Menschen mit und lässt sie nicht mehr los.« Haugs Antwort darauf: »Toll, dass sich so viele tolle Menschen mit tollen Ideen anstiften lassen.«
Immer wieder verzauberte das Duo »Junge Junge« die Gäste, bestehend aus den Brüdern Wolfram und Dr. Gernot Bohnenberger – Letzterer ist zudem Koordinator des Projekts »Hallo Nachbarn« im hinteren Ringelbach. Als Gastredner trat Professor Reimer Gronemeyer ans Mikrofon. Er verzauberte die Gäste ebenfalls, aber ganz anders. »Ich habe heute Hermine mitgebracht«, sagte der 86-jährige Theologe und Soziologe.
Hermine lebt in Namibia in einer Hütte aus Pappe, Blech und Autoreifen. Hermine ist 108 Jahre alt und fragt sich, »warum sie noch diesen einen Zahn hat«. Ihr Leben lang habe sie kein fließendes Wasser gehabt, sie sei nicht zur Schule gegangen, habe niemals einen Arzt gesehen. »Sie lebt ohne all das, worauf wir glauben, nicht verzichten zu können«, so Gronemeyer. »Wir haben immer gedacht, wenn wir ein Problem haben, kaufen wir uns professionelle Dienstleistungen ein.«
Sorgende Gesellschaft
Doch das funktioniere nicht mehr, »überall bröckelt’s, in der Kinderbetreuung, in der Pflege, in Krankenhäusern«. Hermine sei unser Rettungsring, erinnere uns daran, dass »wir eine sorgende Gesellschaft brauchen, wir müssen uns fragen, was brauchen wir, wenn die Krisen sich verschärfen«, so Reimer Gronemeyer. Die Plattform Lebenswert sei ein Schritt in die Richtung hin zur »caring society«.
Das letzte Wort gehörte Reutlingens OB: »Im Quartier um die Kreuzkirche herum wird der Einsamkeit bewusst das Prinzip der Gemeinschaft entgegengesetzt.« Der gesellschaftliche Zusammenhalt werde dort ebenso gestärkt wie die Solidarität – und auch die Demokratie, lobte Thomas Keck. Die Plattform Lebenswert mache Begegnung und Austausch möglich. »Hier wird Vertrauen zueinander aufgebaut, sodass ein Wir-Gefühl entstehen kann«, sagte Keck und dankte allen Beteiligten von Lebenswert. »Jeder Euro, der hier in die Quartiersarbeit gesteckt wird, ist eine gute Investition in die Zukunft.« (GEA)

