REUTLINGEN. »Das Recht auf Dunkelheit ist so eine Sache«, sagt Heinz Lenhart. Wenn der Astronom und Leiter der Reutlinger Volkssternwarte am Abend vom Dach der Steinbeisschule aus nach Süden blickt, schirmen zahlreiche Bäume in der Oststadt künstliches Licht der Straßenlaternen ab. Auf dem Schulgelände sind die früheren in alle Richtungen strahlenden Kugellampen durch moderne Leuchten »mit Deckel« ersetzt worden. Auch die Achalm, über der Gestirne nachts aufgehen, liegt von der Sternwarteterrasse aus betrachtet im Dunkeln. Über den Dächern der Stadt stechen allein die Marienkirche und das Tübinger Tor als angestrahlte Gebäude hervor. »Wenn man sonst nichts sieht, ist der Engel auf der Kirchturmspitze wenigstens ein himmlisches Objekt«, merkt er lächelnd an.
Anders stellt sich die Lage dar, wenn er eine halbe Drehung macht. Richtung Norden gleicht die Stadt einem "Disko-Standort": Die Karlstraße direkt unterm Planetarium erscheint als durchgehend angestrahltes Band. Auch wenn die Laternen mindestens zehn Meter unter der 20 Meter hohen Plattform enden, ihr Licht leuchtet nach allen Seiten. "Warum müssen Lampen nach oben strahlen?", fragt Lenhart. Weiter hinten gilt dasselbe für die B 28, dazu kommen weithin sichtbare Leuchtreklamen in den Industriegebieten. Tankstellen seien "Negativbeispiele in puncto zu viel Licht". "Für eine Sternwarte inmitten der Stadt nahe bei den Besuchern können wir zufrieden sein, findet Heinz Lenhart, doch übermäßige Beleuchtung in der Nacht "ist bei allen Sternwarten ein drängendes Thema". Der Blick ins dunkle Firmament wird unmöglich, die Milchstraße ist in Reutlingen nur noch selten zu sehen.

Nicht erst, aber verstärkt seit es Hochdrucklampen und helle LEDs gibt, sind Lampen, die in den Himmel strahlen, ein Problem für Mensch und Tier. Auch Katrin Reichenecker, Biologin und Fachgebietsleiterin für Natur-, Arten- und Bodenschutz im Amt für Tiefbau, Grünflächen und Umwelt der Stadt, stellt fest: Lichtverschmutzung ist »ein großes ökologisches Problem«. Nicht neu - seit mehr als zehn Jahren machen Forscher im Land und Ehrenamtliche des Projekts »Sternenpark Schwäbische Alb« auf katastrophale Folgen von zu viel Licht in der Nacht aufmerksam. Trotzdem nimmt Lichtverschmutzung bislang weiter zu.
Was bedeutet Lichtverschmutzung?
Der Begriff hat nichts mit unsauberem Licht zu tun, sondern bezeichnet ein Zuviel an nächtlicher Beleuchtung. Flächendeckende Dauerbeleuchtung bringt Säugetiere und Insekten aus dem Rhythmus. Das verändert ihr Brut- und Fressverhalten und gefährdet, zusätzlich zu anderen Umwelt- und Klimafaktoren, ihre Existenz. Biologen erkennen heute in Lichtverschmutzung eine Hauptursache des globalen Artensterbens. Ulli Lust verweist in ihrem mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2025 ausgezeichneten Comic »Die Frau als Mensch« auf Studien des Kirchheimer Ornithologen und Insektenforschers Dr. Wulf Gatter: Dessen Langzeitbeobachtungen am Randecker Maar ergeben einen Rückgang wandernder Insekten seit 1970 um 97 Prozent – dabei sind das wichtige Pflanzen-Bestäuber.
Was verursacht Lichtverschmutzung?
Alle nächtlichen Lichtquellen: Straßenlaternen, beleuchtete Parkplätze, Autoscheinwerfer, Schaufensterlichter und Werbebildschirme. Verstärkt um Industrieanlagen, aber auch Flutlicht auf Sportplätzen, Außenlampen an Häusern und Solarlampen in Gärten.

Wo gibt es Licht-Smog?
Ein internationales Team mit Forschern des Berliner Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) folgerte aus Satellitenbildern im Mai: Lichtverschmutzung betreffe fast die Hälfte der Erdoberfläche. In Reutlingen fallen etwa hell erleuchtete Gewerbeflächen und Parkplätze in Stadtrandlagen auf, aber auch taghell erleuchtete Fußgängerüberwege und Radstrecken. Künstliches Nachtlicht nimmt weltweit jährlich um zwei bis zehn Prozent zu. Das wahre Ausmaß der Zunahme wird laut IGB eher noch unterschätzt.
Welche Tiere stört das?
Die Folgen der Lichtverschmutzung für Tiere sind groß: Etwa 60 Prozent der Insekten und 30 Prozent der Säugetierarten in Deutschland sind laut Bundesamt für Naturschutz dämmerungs- oder nachtaktiv, neben Eule, Glühwürmchen und Fledermaus auch Schmetterlinge. Dazu kommen tagaktive Tiere: »Die Nacht zu verkürzen, ist auch für Singvögel ein Thema«, erklärt Dr. Andreas Lengerer vom Amt für Tiefbau, Grünflächen und Umwelt der Stadt Reutlingen. Jüngste Studien nennen Vögel, die in stark beleuchteten Regionen im Schnitt täglich länger singen als in dunkler Umgebung.
Wie wirkt sich die menschengemachte Helligkeit auf Tiere aus?
Dass die Nacht zum Tag wird, hat teilweise fatale Folgen: Rotkehlchen, eigentlich auf Dämmerung gepolt, sind die ganze Nacht aktiv - manche sterben an Erschöpfung. Lengerer, der sich als Biologe damit befasst, wie der urbane Raum und die Ökologie gut zusammengebracht werden können, zählt dazu Nachtfalter, Fledermäuse, aber auch bestimmte Fischarten auf, die bei Beleuchtung nicht weiterziehen oder deren Jungfische unter Lichtkegeln abhauen.
Strahlende Lichtglocken von Städten leiten nachtaktive Zugvögel in die Irre, was vermehrt zu Zusammenstößen mit Fensterscheiben führt. Insekten, die sich am Mond orientieren, werden durch Licht verwirrt, andere Tiere trauen sich nicht aus der Deckung. Die biologische Uhr etwa von Feldhamstern gerät aus dem Takt, mit Auswirkungen auf Winterschlaf und Paarungszeit, Reproduktion und Fütterung ihrer Jungen. Thomas Höfer vom Nabu Reutlingen verweist auf Milliarden Insekten, die allein durch Straßenbeleuchtung verenden, wenn sie ins Leuchtgehäuse geraten und verbrennen oder verhungern. Sie fehlen in der Nahrungskette, mit Auswirkungen auf das ganze Ökosystem, erklärt Lengerer.
Was sind Auswirkungen auf den Menschen?
Für Menschen verschwimmt der Unterschied zwischen Tag und Nacht ebenfalls: In Innenräumen sind wir tagsüber viel weniger Licht ausgesetzt als im Freien, während der Tag abends künstlich verlängert wird. »Da wissen die Zellen nicht mehr so genau, was sie machen sollen«, erklärt Franz Hölker vom IGB. Die Folge: Schlafstörungen, erhöhtes Krebs-Risiko, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Adipositas, Depressionen, geschwächtes Immunsystem. »Studien zu den Auswirkungen von nächtlicher Lichteinwirkung zeichnen ein beunruhigendes Bild«, meint Eva Schernhammer von der Medizinischen Universität Wien.

Was können Staaten und Kommunen dagegen tun?
Umweltorganisationen fordern, das Licht häufiger mal auszulassen. Vor allem den Blau- oder UV-Anteil gelte es zu verringern, erklärt Lengerer. Lenhart fordert: »Die Kommunen sollten darauf achten, dass alle Lampen ausschließlich nach unten abstrahlen und Kugellampen ersetzt werden.« Biosphären- und Alb-Kommunen wie Münsingen, Römerstein, Sonnenbühl gehen seit Jahrzehnten voran, indem sie etwa Straßenbeleuchtung in der tiefen Nacht ausschalten. Tübingen setzt vermehrt auf »Licht nach Bedarf« - durch Bewegungsmelder, auch an Straßen. Auch Reutlingen wird entsprechend Paragraf 21 des baden-württembergischen Naturschutzgesetzes die Beleuchtung im öffentlichen Raum anpassen. Angestrahlt werden dürfen etwa nur noch Fassaden von kulturhistorisch bedeutsamen Bauten. Was die Lichtfarbe angeht - warmes, gelbstichiges Licht stört die Tierwelt weniger -, werde nach und nach umgerüstet, erklärt Lengerer. Klaus Leibfritz von den Reutlinger Stadtwerken verweist auf die »Pflicht zur Straßenbeleuchtung innerhalb der geschlossenen Ortschaft«. Reutlingen übertrug diese Aufgabe an die FairNetz. Gesetzliche Vorgaben seien die Straßen- und Wegegesetze der Länder und die EU-Norm DIN EN 13201.
Warum gibt es in Reutlingen so viele unterschiedliche Lampen?
Die FairNetz ist in Reutlingen und Umgebung für Planung, Betrieb und Instandhaltung von rund 13.000 Straßenleuchten zuständig. »Entsprechend gibt es eine Vielzahl an optischen und technischen Varianten«, erklärt Klaus Leibfritz. Tatsächlich unterliegen auch Straßenleuchten gewissen Moden: »Je nachdem, in welchem Zeitraum Wohnviertel entstanden sind, können sich die Leuchten zum Teil deutlich unterscheiden, in Optik und Technik.« In Altstadtbereichen werden sie optisch teils der historischen Umgebung angepasst, aber von den Leuchtmitteln her »nach und nach durch moderne, sparsamere Technik ersetzt«.
Gibt es zurzeit einen Gesinnungswandel hin zu weniger Licht-Smog?
»Seit Jahren ist das Thema Energieeinsparung - und damit Kostenreduzierung - bei den Kommunen ein Thema«, erklärt Leibfritz. Da spiele auch die Umrüstung der Straßenbeleuchtung auf energiesparende LED-Leuchten eine Rolle. Seit Jahren gebe es in Reutlingen »eine in der Stärke reduzierte Nachtbeleuchtung«. Dadurch wurden »erhebliche Kosten eingespart«. Es komme vor, dass sich Bürger mit einem entsprechenden Wunsch an die FairNetz wenden. Dann »prüfen wir den jeweiligen Sachverhalt, um zu klären, ob das Vorhaben technisch, wirtschaftlich und rechtlich umsetzbar ist«. Überwiegend in Industriegebieten werde die Straßenbeleuchtung »in Halbnachtschaltung betrieben«. Jene Leuchten sind gemäß Straßenverkehrsordnung mit einem roten Laternenring gekennzeichnet.

Was kann jeder Einzelne tun?
Metzingen ermahnte jüngst Privatleute, Haus- und Gartenlichter sparsam einzusetzen. Modeerscheinungen wie von unten angestrahlte Bäume haben kaum Nutzen, vertreiben jedoch Nistvögel ebenso wie Fledermäuse und Insekten. »Solarleuchten für den Garten, die nicht abschaltbar sind, halten meist nicht lange und schädigen nachtaktive Insekten«, erklärt Hofer vom Nabu. Lengerer zufolge wäre es generell »wünschenswert, wenn weniger Licht eingesetzt würde, und nur dort, wo man’s braucht«. (GEA)



