REUTLINGEN. »Wir kaufen Ihren Schmuck, Münzen oder Zahngold«. Beim Bummel durch die Reutlinger Einkaufsmeile in der Altstadt fallen Angebote wie diese an diversen Stellen auf. 21 Juweliere und andere Geschäfte, die mit Gold handeln, sind aktuell in der Innenstadt zu finden. Viele davon sind erst in der jüngeren Vergangenheit auf der Bildfläche aufgetaucht. Warum werden es immer mehr?
Ganz neu ist das Phänomen nicht, betont Herbert Waimer, Inhaber der Schwäbischen Goldverwertung. Sein Bruder Siegfried habe 1977 in der Albstraße das erste Reutlinger Altgold-Geschäft eröffnet. »Damals standen Antiquitäten im Vordergrund«, erinnert sich Waimer. Doch dann gewann Gold immer mehr an Bedeutung. Seine Erfahrung: »Wenn der Goldpreis steigt, steigt auch das Geschäft.« In den vergangenen Jahren ging es mit dem Preis immer nur steil nach oben. Viele Leute wollen das derzeit ausnutzen und ihre Wertanlage zu Geld machen. Auch in den vergangenen Jahrzehnten seien Juweliere mit Goldankauf-Geschäft »immer dagewesen«, nur nicht so auffällig, sagt der 75-Jährige. Verändert habe sich vor allem das Erscheinungsbild. »Die Läden heute sind richtig schick – Hochglanz, große Schaufenster, imposante Schilder.«
Eines dieser Geschäfte ist Idil Gold. Der Juwelier hat im April in der ehemaligen Apotheke an der Marienkirche eröffnet. In unmittelbarer Nachbarschaft: drei weitere Gold-Shops. Konkurrenz habe ihn nicht abgeschreckt, sagt Inhaber Ibrahim Ezer. Sein Unternehmen betreibt seit 2010 ein Geschäft in Esslingen, Spezialität: türkischer Schmuck. »Viele Kunden kamen aus Reutlingen, Tübingen und Balingen und haben gefragt, ob wir hier etwas eröffnen können.« Gesagt, getan: Auch in Reutlingen stehen Verkauf, Ankauf und Reparaturen im Angebot. Die Zielgruppe ist türkischsprachig, wie auch an der Werbung in den sozialen Medien zu erkennen ist. Zufrieden ist Ezer noch nicht. »In der oberen Wilhelmstraße kommt weniger Laufkundschaft vorbei.« Er habe lieber in die untere Wilhelmstraße gewollt, aber dort sei kein Laden frei gewesen. »Wir gehen unseren Weg weiter und ziehen nach einem Jahr unser erstes Fazit.«
Marktlücken in Reutlingen geschlossen
Dass Reutlingen für Goldhändler attraktiv geworden ist, überrascht Mohammed Maaroof nicht. Er betreibt seit 2010 ein Juweliergeschäft in der Metzgerstraße, sein Vater und Großvater waren ebenfalls in der Branche. »Das hat nichts mit dem Goldpreis zu tun, sondern mit der großen orientalischen Community«, sagt er. Für diese habe es lange keine Anlaufstelle gegeben. »Türken und Araber kaufen gerne sehr viel Gold, vor allem orientalischen Schmuck.« Die allermeisten der neuen Händler kenne er persönlich. Ein Clan, wie manche in Reutlingen munkeln, stehe nicht dahinter. »Die meisten sind aus Pforzheim hierhergekommen«, sagt Maaroof. Die »Goldstadt« ist bis heute Deutschlands führende Schmuckmetropole. Konkurrenz sehe er in den Neuankömmlingen nicht: »Jeder hat seinen Platz.« Er selbst sei beim Ankauf stark, die orientalischen Läden beim Schmuckverkauf für ihre Zielgruppe: »Die Kunden, die zu ihnen gehen, kommen nicht zu mir.«
Aber nicht nur orientalische Gold-Shops sind neu. Der Juwelier Sandkühler ist seit Mitte September im »Soft-Opening«, im Laufe des Novembers sollen dann alle Dienstleistungen angeboten werden, erklärt Store-Managerin Birgit Schönhaar. »Wir haben in Reutlingen noch eine Marktlücke gesehen.« Das Konzept: hochwertiger Schmuck aus zweiter Hand, Kooperationen mit Banken und Notaren, Gutachten bei Erbteilungen, Pfandkredite, Ankauf von Brillanten. »Damit heben wir uns ab«, sagt Schönhaar. Dass vor allem das Goldankauf-Geschäft gut angelaufen sei, obwohl man noch gar nicht die Werbetrommel gerührt habe, habe sie dennoch überrascht. »Offenbar hat sich schnell herumgesprochen, dass wir gute Preise zahlen.« Von vielen älteren Kunden höre sie häufig, dass sie sich freuen würden, dass sich ein deutsches Familienunternehmen hier angesiedelt habe — offenbar misstrauen sie anderen Anbietern.
Unseriöse Händler versuchen Kunden zu täuschen
Erfahrungen, die auch Waimer von der Schwäbischen Goldverwertung gemacht hat. »Viele Deutsche gehen lieber zum deutschen Händler.« Dass es unter den Reutlinger Shops durchaus auch dubiose Händler gibt, haben ihm seine Kunden berichten. Zum Beispiel sei einer Kundin für eine Unze Krügerrand-Goldmünze nur 1.800 Euro angeboten worden — etwa 1.300 Euro unter dem Wert. »Das ist fast schon kriminell.« Versuche, unerfahrene Kunden zu täuschen, gebe es regelmäßig.
Zuständig für die Zuverlässigkeitsprüfung der Händler ist die Stadtverwaltung. Dazu muss derjenige nach seiner Gewerbeanmeldung ein Führungszeugnis und einen Auszug aus dem Gewerbezentralregister vorlegen, erklärt Torben Engelhardt, stellvertretender Leiter des Ordnungsamts. Weitere Vorschriften – etwa nach dem Geldwäschegesetz – lägen außerhalb der direkten Zuständigkeit der Verwaltung. »Falls sich der Betreiber schon bei der Anmeldung oder später während des laufenden Betriebs als unzuverlässig erweisen sollte, können wir ihm die Fortführung seines Gewerbes untersagen.« In der »jüngeren Vergangenheit« sei dies aber nicht vorgekommen, sagt Engelhardt. »Bis jetzt gibt es keine Erkenntnisse, dass in dieser Branche in Reutlingen etwas Krummes läuft.«
Aber wie erkennen Kunden seriöse Händler? Waimer rät, zwei bis drei Vergleichsangebote einzuholen. »Seriöse Händler haben damit kein Problem.« Druck aufzubauen oder sofortige Entscheidungen zu verlangen, sei ein Alarmzeichen. Schönhaar sieht vor allem auch Preisverhandlungen kritisch: »Da sollte man skeptisch werden.« Seriöse Betriebe erklärten verständlich, wie sich der Ankaufspreis zusammensetzt und warum er immer unter dem Börsenkurs liegt: Prüf- und Schmelzkosten, unternehmerisches Risiko, Gewinnmarge müssen schließlich abgedeckt werden. Ein professioneller Goldankauf nutzt moderne Prüfverfahren wie die Röntgenfluoreszenzanalyse (XRF), um den exakten Feingehalt zu bestimmen. Die Gewichtsermittlung muss auf geeichten Waagen erfolgen. Transparenz sei dabei Pflicht, sagt Maaroof vom Juwelier Johann. Kunden müssen immer zusehen dürfen. Das Vorhandensein einer Webseite und langjährige Erfahrung im Business seien weitere Indizien für Seriosität.
Die alteingesessenen Reutlinger Gold-Experten erwarten weitere Neueröffnungen in naher Zukunft, halten aber nicht alle für dauerhaft überlebensfähig. »Der Markt wird sich bereinigen«, sagt Maaroof. Auch Waimer glaubt an Schwankungen: Das Goldgeschäft habe Zyklen. Weil er nicht wie viele Mitbewerber ausschließlich auf Gold setze, sondern auch andere Edelmetalle und Antiquitäten handele, »bleibe ich aber entspannt«. (GEA)



