REUTLINGEN. Städtepartnerschaften haben in Reutlingen eine lange Tradition. Schon seit 1958 steht man im Austausch mit Kommunen in fremden Ländern. Über die Jahrzehnte haben sich darüber zahlreiche Beziehungen entwickelt und viele Projekte realisieren lassen. Als das Leben ab 2020 durch Corona eingeschränkt wurde, mussten auch die Reutlinger Partnerschaften auf die Bremse treten. Nach der Pandemie geht es nun langsam wieder aufwärts, doch es tauchen neue Herausforderungen auf.
Reutlingen pflegt stolze sieben Städtepartnerschaften. Die erste wurde 1958 mit Roanne, Frankreich unterzeichnet. Die Achalmstadt war damit eine der ersten 50 Städte, die eine Partnerschaft mit einer französischen Stadt begonnen habt. Eine zweite Partnerschaft ging Reutlingen 1966 mit Ellesmere Port in England ein. Besonders ist die Verbindung mit der Stadt Bouaké in der Cote d'Ivoire. 1970 wurde diese Verbindung durch die Firma Danzer realisiert, die dort tätig ist. Reutlingen ist die einzige Stadt, die eine Partnerschaft mit diesem Land pflegt.
Auch in die Alpen gibt es eine Verbindung. Seit 1986 besteht die Beziehung mit Aarau in der Schweiz, in der einst Reutlingens berühmter Sohn Friedrich List einige Jahre wohnte. Weitere Partnerschaften pflegt die Achalmstadt seit 1990 mit Duschanbe (Tadschikistan) und Szolnok (Ungarn), seit 1998 mit Reading, Pennsylvania (USA). Dazu bestehen mit Pirna in Sachsen und Pistoia in Italien Städtefreundschaften, die aber nicht so tiefgreifend sind, wie Partnerschaften.
Erschwerte Bedingungen nach der Pandemie
Die Aktivitäten, die die Städte miteinander planen und ausführen, sind breit gefächert. Schüleraustausche, Studienfahrten, Chorworkshops, gemeinsame Theaterstücke, Kunstausstellungen oder die Ausrichtung des toskanischen Markts sind nur einige der vielfältigen Projekte, die über die Städtepartnerschaften und -freundschaften stattfinden. Aber auch Delegationen bilden einen wichtigen Teil des Konzepts. Ulrich Track, Abteilungsleiter für Städtepartnerschaften, Vereins- und Heimatpflege im Rathaus, erläutert: »Das sind alles Beiträge zur Völkerverständigung. So haben unsere Bürger die Möglichkeit, sich als Schüler oder Erwachsener Beziehungen zu Personen in Partnerstädten aufzubauen«. Um möglichst viele Projekte gemeinsam zu stemmen, tauschen sich die Städte und Vereine regelmäßig über Videokonferenzen oder, wenn möglich, in Präsenz aus. »So nahmen allein den vergangenen 30 Jahren zwischen 1993 und 2023 27.062 Personen an den Aktivitäten teil.«
Allerdings gestaltet sich nicht überall die Zeit nach Corona so problemlos. Vor der Pandemie, 2019, wurden über die Städtepartnerschaften 46 Begegnungen von Schulen und Vereinen realisiert. Mit den Restriktionen waren's 2020 nur noch fünf. Auch die beiden Folgejahre waren mau. 2021 gab es zwölf, 2022 nur elf Aktivitäten. Seit 2023 befindet man sich zwar mit 28 Begegnungen wieder im Aufwind, dennoch stellt Track klar: »Es herrscht inzwischen ein gewisses Spannungsfeld. Einerseits wollen wir motivationsfördernde Maßnahmen ergreifen, um die Städtepartnerschaften neu zu beleben. Andererseits haben wir ein deutlich geringeres Budget und damit weniger Handlungsspielraum. Zudem müssen wir uns Herausforderungen in der Personalsituation stellen.«
Als Konsequenz darauf müsse es eine Priorisierung der Aktivitäten geben, so der Abteilungsleiter. »Wir brauchen auch eine verstärkte Einbindung von Partnern zur Durchführung von Projekten auf Fachebene.« Zudem sei man auf EU-Förderung und Netzwerkarbeit angewiesen.
Über das Fassrollen zur Freundschaft
Erschwerend kommt auch hinzu, dass mit einigen Vereinen kein Kontakt mehr fortgesetzt werden kann. »Das hat vielfältige Gründe«, meint Track. »Dazu gehören personelle Änderungen im Leitungsgremium, durch die persönliche Kontakte dann nicht mehr vorhanden sind. Oder die Auflösung des Vereins, etwa aus Altersgründen.« Zum Beispiel habe die Deutsch-Französische Gesellschaft Reutlingen die Stadt über ihren Schlussstrich informiert, genauso wie der Reutlinger Filmclub, der sich aus alterstechnischen Gründen nicht mehr beteiligt. »Das muss aber nicht bedeuten, dass die Kontakte zur Stadtverwaltung nicht mehr bestehen«, stellt Track klar.
Doch es gibt auch positive Nachrichten. Erst kürzlich begrüßte die Stadt Gruppen aus Reading und Aarau zur Graffiti-Aktion »urbana.rt« Und die nächsten Highlights stehen schon in den Startlöchern. Schüleraustausche mit Roanne und Reading, Weihnachtsmarktstände von Ellesmere Port, Aarau und Szolnok oder der Besuch aus Bouaké im Rahmen des Projekts Nachhaltige Stadt. Oder das Gulaschfestival in der ungarischen Partnerstadt im September.
Eine Vorzeige-Veranstaltung der Städtepartnerschaften findet wieder am 30. August statt. Das Fassrollen auf dem Reutlinger Weindorf ist schon seit über 30 Jahren Tradition. Organisiert wird das Ereignis von der hiesigen Feuerwehr, die dazu ihre Kollegen aus Aarau einlädt. Inzwischen verbindet sie weit mehr als nur das Wetteifern mit den Weinbehältern. Frank Wittel von der Reutlinger Feuerwehr sagt: »Es gibt viel Kontakt über das Jahr mit Aarau. Unsere Kollegen kommen zu uns zum Weihnachtsmarkt, wir gehen in die Schweiz zum Maienzug und wir besuchen uns zu diversen Feuerwehrveranstaltungen.« So wären auch Freundschaften entstanden, meint Wittel, die man auch privat pflegt. »Städtepartnerschaften sind eine tolle Möglichkeit, um seinen Horizont zu erweitern. Ohne sie hätte ich die Schweiz nie so kennen gelernt.« In der Corona-Zeit gab es zwar eine Delle, die hat die Feuerwehr aber gut weggesteckt: »Wir haben quasi nur um die Aufhebung der Restriktionen gewartet. Jetzt ist alles wieder wie vorher.« So geht's also auch. (GEA)

