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Aktuell Stadtplanung

Mutige Visionen für die Reutlinger Innenstadt

Von wegen Abriss: Architekten, Stadtplaner und interessierte Bürger haben eineinhalb Jahre lang Visionen für Reutlingen 2050 für den Galeria-Komplex, für die gesamte Innenstadt, für die Belebung öffentlicher Plätze und sogar für eine Bundesgartenschau 2039 entwickelt. Die Ausstellung »Deep Fake Reutlingen – Eine Vision für unsere Stadt 2050« ist in der VHS zu sehen.

Was geschieht mit dem Galeria-Gebäude am Listplatz? Geht es nach den Visionen der Planer, soll die Hochschule in Verbindung mit
Was geschieht mit dem Galeria-Gebäude am Listplatz? Geht es nach den Visionen der Planer, soll die Hochschule in Verbindung mit studentischem Wohnen, Veranstaltungsräumen und einem Mobility-Hub eine Rolle spielen. Foto: Carola Eissler
Was geschieht mit dem Galeria-Gebäude am Listplatz? Geht es nach den Visionen der Planer, soll die Hochschule in Verbindung mit studentischem Wohnen, Veranstaltungsräumen und einem Mobility-Hub eine Rolle spielen.
Foto: Carola Eissler

REUTLINGEN. Leerstände, abziehender Einzelhandel, verlassende Gebäudekomplexe wie Galeria am Listplatz und Breuninger mitten in der Wilhelmstraße: Dies alles ist für Architekten, Stadtplaner und Bürger mit Visionen kein Grund zur Resignation. Im Gegenteil: Die dramatische Entwicklung in den bundesdeutschen Innenstädten und auch in Reutlingen bietet Chancen, wie am Freitagabend bei der sehr gut besuchten Ausstellungseröffnung in der Volkshochschule Reutlingen deutlich wurde. Eineinhalb Jahre lang wurden unter der Regie der Architektenkammer Reutlingen und des Bundes deutscher Architekten, Kreisverband Neckar-Alb, mit über 20 Engagierten neue Konzepte für Reutlingen entwickelt, wie es Mitte dieses Jahrhunderts aussehen könnte. Die Ausstellung unter dem Titel »Deep Fake Reutlingen – Eine Vision für unsere Stadt 2050« ist im Foyer der VHS zu sehen.

Stadtentwicklung als Herzensangelegenheit

Christopher Schenk, Vorstand der Kammergruppe Reutlingen der Architektenkammer Baden-Württemberg, und Thomas Hartmetz, Kreisvorsitzender Neckar-Alb des Bundes deutscher Architektinnen und Architekten (BDA), sind davon überzeugt, dass Reutlingen enorme Chancen für neue Ideen, neue Nutzungen und neue Lebensräume bietet. »Nur Einzelhandel in der Innenstadt, das funktioniert nicht mehr. Wir haben die Hoffnung, dass die Leerstände neu genutzt werden können.« Anstoß zu der Aktion gaben immer wieder Nachfragen aus der Bevölkerung, auch an die Architekten gerichtet, was denn eigentlich mit dem Kaufhof-Gebäude passieren soll.

Im Foyer der VHS werden bis Monatsende Exponate der Visionen für Reutlingen 2050 gezeigt.
Im Foyer der VHS werden bis Monatsende Exponate der Visionen für Reutlingen 2050 gezeigt. Foto: Carola Eissler
Im Foyer der VHS werden bis Monatsende Exponate der Visionen für Reutlingen 2050 gezeigt.
Foto: Carola Eissler

»Als bekannt wurde, dass auch Breuninger schließt, war in der Stadt schon eine bedrückte Stimmung«, erzählt Thomas Hartmetz. »Uns wurde schnell klar, dass es nicht um einzelne Gebäude geht. Vielmehr musste es um die ganze Stadt und um eine Gesamtplanung gehen.« So starteten die Planer, Architekten, interessierten Bürger in Eigeninitiative, gründeten Themengruppen, trafen sich, entwickelten Visionen. Und kamen auf den Namen »Deep Fake«, weil es sich eben um Ideen für eine Stadtentwicklung in den nächsten 25 Jahren handelt, ohne Kostenberechnungen, ohne Zeitplan. »Kollegen, denen die Entwicklung der Stadt eine Herzensangelegenheit ist, haben sich hier eingebracht.«

Wie genau diese Entwicklungen aussehen könnten, das präsentierten die Architekten und Planer von vier interdisziplinären Arbeitsgruppen, die sich jeweils einem bestimmten Thema angenommen hatten. Es sollte ein inspirierender Blick in die Potenziale der Stadt sein, Workshops mit innovativen Konzepten, die allesamt eines zum Ziel haben: Die Reutlinger Innenstadt wieder zu einem pulsierenden Herz werden zu lassen. Es sollen mutige Konzepte sein, da sind sich die Protagonisten einig. Unter den Leit-Themen »Quo vadis Galeria Kaufhof«, »Öffentlicher Raum«, »Vitale Quartiere« und »Kunst, Kultur und Bildung« präsentierten die Teilnehmer ihre Visionen für das zukünftige Reutlingen in einer Zeit der Transformation. Dabei wurden auch die Probleme analysiert, diese blieben aber nicht im Vordergrund stehen.

Es braucht in Zukunft mehr Schatten in der Stadt

Beispiel öffentlicher Raum: Kultur und Veranstaltungen können zu einer besseren Aufenthaltsqualität beitragen, Begrünung sogt für mehr Schatten im Sommer. Ohnehin, so verdeutlichten die Teilnehmer dieses Aspekts, müsse man in Zukunft mit mehr Hitze im Sommer und einem Klima wie in der Toscana rechnen. Deshalb müssten Städte sich grundsätzlich in ihrer Gestaltung auf diese sich verändernden Bedingungen einstellen. Die Belebung des öffentlichen Raums hängt aber auch direkt mit vitalen Quartieren und neuen Wohnquartieren zusammen, die nicht mehr monostrukturiert sein sollen. Lebendige Nachbarschaften seien die Wohnquartiere der Zukunft. Als Beispiel führten die Teilnehmer das Steingau-Quartier in Kirchheim/Teck an, mit Förderung des sozialen Zusammenhalts und ökologischer Qualität. In ein solches Quartier könnte man, so die Visionäre, auch das Wohnquartier zwischen Karlstraße, Kaiserstraße und Bismarckstraße umwandeln, die Karlstraße soll dabei zum Stadtboulevard werden. Kunst, Kultur und Bildung sollen neue Impulse für vitale Stadtquartiere geben und als Motor fungieren. Die Teilnehmer der Arbeitsgruppen denken da an offene Bühnen, kleine Werkstätten, freie Ausstellungsflächen, Informationsportale. Klar ist für alle Workshop-Gruppen, dass Verkehrsflächen zurückgebaut werden und Autos keine zentrale Rolle mehr spielen.

Großes Interesse findet freilich die Zukunft des Galeria-Komplexes. Das ehemalige Kaufhaus soll zum Hochschulcampus und Lebensraum für viele werden. Die Vision der Arbeitsgruppe: ein pulsierender Lern- und Wohnort für alle Generationen mit Mobility Hub, kleinen Appartements, offenen Vorlesungen, kleinen Restaurants. Alles unter dem Blick auf Transformation statt Abriss. Die entsprechende Umnutzung würde auch, da sind sich die Planer einig, den gesamten Bereich rund um den Hauptbahnhof und am Listplatz aufwerten.

Echaz soll zentrale Rolle spielen

Eine bedeutendere Rolle soll nach der Vision der Planer in Zukunft auch die Echaz spielen. Der Fluss, der einst zentrale Lebensader der Stadt und Motor der Industrialisierung war, ist Teil der Gründungsgeschichte der Stadt und soll auf seiner Gesamtstrecke durch die Stadt wieder mehr in den Fokus genommen werden. Auch im Hinblick auf eine mögliche Bundesgartenschau 2039.

Baubürgermeisterin Angela Weiskopf ist sich sicher, dass die Architektenkammer und der BDA mit diesem Prozess neue Wege gehen. Denn, so Weiskopf, die Innenstadt sei aktuell ein ganz wichtiges Thema. »Wir befinden uns in einer tiefgreifenden Transformation«, was nicht nur Reutlingen betreffe. Der Einkauf vom Sofa aus führe dazu, dass der Einzelhandel vor ganz großen Herausforderungen stehe. Das Sterben der Kaufhäuser habe bereits wesentlich früher begonnen. »Die weitere Herausforderung ist der Klimawandel. Wir werden 2050 ein Klima haben wie in Mittelitalien«, ist sich Weiskopf sicher. Deshalb müssten öffentliche Räume klimagerecht weiterentwickelt werden.

Die Innenstadt sei Herz und historische Identität der Stadt. Nutzungsvielfalt sei der Stadt sehr wichtig. Derzeit gebe es zwar einen Wandel pro Gastronomie. Aber die Stadt denke auch an die Ansiedlung kleiner Manufakturen, an Räume für Initiativen wie beispielsweise das Nabu-Büro im Gerberviertel, an Kulturräume, an die Integration der Hochschule in der Innenstadt, aber natürlich auch an Wohnraum. »Ein positiver Wandel kann in der Innenstadt nur erreicht werden, wenn viele mitwirken.« Diese Arbeit der Initiatoren sei deshalb überaus wichtig. »Das ist ein Wert, der geschaffen wurde für die ganze Stadt. Wir werden als Stadtverwaltung davon profitieren. Wir werden diese Ideen auf jeden Fall mitnehmen und schauen, wie wir sie in unseren weiteren Planungen verankern können.«

Eine Vision für unsere Stadt 2050

»Building the Future - ein Blick in die Zukunft von Stadt und Architektur«: Unter diesem Motto präsentieren Reutlinger Architekten, Stadtplaner, Landschaftsarchitekten und interessierte Bürger ihre Vision einer zukünftigen Innenstadt. In vier Themen-Workshops haben sie Konzepte erarbeitet. Die Exponate zu den Themen »Öffentlicher Raum«, »Quo vadis Galeria Kaufhof«, »Vitale Quartiere« und »Kunst, Kultur und Bildung« sind noch bis 30. April im Foyer der Volkshochschule Reutlingen zu sehen. (ce)

Das Interesse an den Visionen der Planer für eine zukünftige Stadt Reutlingen war bereits am Eröffnungsabend sehr groß. Die Ausstellung selbst, die nunmehr in der VHS zu sehen ist, ist für Christopher Schenk und seine Mitstreiter nicht weniger, als die »Belohnung für unsere über einjährige Arbeit«, wie er verdeutlichte. (GEA)