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Aktuell Medizin

Hilfe für Mini-Patienten im Reutlinger Kreisklinikum

In der Reutlinger Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Steinenberg wird die Reanimation von Früh- und Neugeborenen regelmäßig geübt. Die ist ganz anders als bei Erwachsenen.

Genau beobachtet absolvieren Pfleger und Ärzte das Reanimationstraining bei Früh- und Neugeborenen in der Kinderklinik am Steine
Genau beobachtet absolvieren Pfleger und Ärzte das Reanimationstraining bei Früh- und Neugeborenen in der Kinderklinik am Steinenberg. Foto: Stephan Zenke
Genau beobachtet absolvieren Pfleger und Ärzte das Reanimationstraining bei Früh- und Neugeborenen in der Kinderklinik am Steinenberg.
Foto: Stephan Zenke

REUTLINGEN. Dem Neugeborenen geht's nicht gut. Sein Blutdruck ist ebenso zu niedrig wie die Sauerstoffsättigung im Blut. Es besteht akute Lebensgefahr, bevor das neue Leben richtig begonnen hat. Damit Pfleger und Ärzte wissen, wie sie in so einem Notfall maximale Hilfe für Mini-Patienten leisten können, bietet die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Steinenberg regelmäßig »Reanimationstraining bei Früh- und Neugeborenen« fürs Personal an. Dabei sind die Neugeborenen natürlich keine kleinen Menschen, sondern Puppen. Aber alles andere als Spielzeug.

Paulchen, die Puppe zum Training der Reanimation von Frühgeborenen, sieht ziemlich lebensecht aus. Dr. Bianca Haase, Chefärztin
Paulchen, die Puppe zum Training der Reanimation von Frühgeborenen, sieht ziemlich lebensecht aus. Dr. Bianca Haase, Chefärztin der Kinderklinik, betont, wie wichtig realitätsnahes Training ist. Foto: Stephan Zenke
Paulchen, die Puppe zum Training der Reanimation von Frühgeborenen, sieht ziemlich lebensecht aus. Dr. Bianca Haase, Chefärztin der Kinderklinik, betont, wie wichtig realitätsnahes Training ist.
Foto: Stephan Zenke

Ganz ernst ist das Szenario, mit dem Oberärztin Dr. Lena Jaggy eine kleine Gruppe von Kursteilnehmern im Schockraum konfrontiert: »Schlappes zyanotisches Kind. In der Austreibungsphase zunehmend eingeengtes, zuletzt fast silente Kardiotokografie«. Liest sich krank und ist es auch. Das vermeintliche Neugeborene zeigt eine stark verringerte Atmung, ist vor Sauerstoffmangel bereits blau angelaufen. Vier junge Menschen stehen rund um eine der Puppen, was alle anscheinend sofort vergessen. Es geht um Leben oder Tod. Mit Notizblock in der Hand beobachtet die Ärztin, wie sich die Kollegen jetzt verhalten. Sofort wird mit Beatmung mittels Beutel begonnen, findet gleichzeitig eine Herzdruckmassage mit zwei Fingern statt. Sehr gut.

Realistische Übungen können Leben retten

»Zunächst keine Besserung«, verkündet die Leiterin des Reanimationstrainings, während die Monitore vor lauter kritischer Werte Warntöne von sich geben. Was dort angezeigt wird, kann mittels Fernbedienung so richtig realistisch gesteuert werden. Ein Gefäßzugang wird gelegt, um dem Kind Medikamente spritzen zu können. Trainerin Jaggy macht sich gemeinsam mit Intensivkrankenschwester Alexandra Bövers Notizen. Wie reagieren nun die Schulungsteilnehmer? Korrekt, sie rufen Hilfe aus der nahen Intensivstation. Wenige Augenblicke nach Beginn des Szenarios ist der Patient aus Gummi umringt von Fachfrauen und Fachmännern. Wäre das ein echter Notfall gewesen, hätte das Neugeborene allerbeste Überlebenschancen. Was auch an den Übungsgeräten liegt.

Viele fachkundige Hände kümmern sich um das von einer Puppe dargestellte Neugeborene.
Viele fachkundige Hände kümmern sich um das von einer Puppe dargestellte Neugeborene. Foto: Stephan Zenke
Viele fachkundige Hände kümmern sich um das von einer Puppe dargestellte Neugeborene.
Foto: Stephan Zenke

Paulchen nennen alle eine der Puppen, die wirklich lebensecht aussehen und funktionieren: 35 Zentimeter lang und gerade mal 1.000 Gramm leicht, repräsentiert die Gestalt aus einer Art Silikon eine Frühgeburt drei Tage nach Ablauf der 27. Schwangerschaftswoche - eine normale Schwangerschaft würde 40 Wochen dauern. Paulchen besitzt anatomisch perfekt korrekt nachgebildete Atemwege hinter seiner kleinen Nase und dem putzigen Mund. Finanziert wurde das Wunderwerk der Technik vom Reutlinger Verein Frühchen, verrät die Chefärztin der Kinderklinik, Dr. Bianca Haase.

Wenn Neugeborene keine Luft kriegen

Auf »extrem winzige, aber extrem realistische Atemwege« kommt es laut Haase an, wenn es ums Training von Wiederbelebungsmaßnahmen bei Früh- oder Neugeborenen geht. Die Reanimation ist ganz anders als bei Erwachsenen, wo üblicherweise Herzprobleme vorliegen. »Bei der Versorgung von Früh- und Neugeborenen geht es im Notfall vor allem um zwei Dinge: Warmhalten und Atmung sichern. Wenn wir es schaffen, die kleinen Patientinnen und Patienten warmzuhalten und ihnen Luft zu geben, ist das bereits der wichtigste Schritt, um ihr Überleben zu sichern«, sagt die Chefärztin, »die Komplikationsrate direkt nach der Geburt liegt bei zehn Prozent«. Das bedeute konkret bei (zu) früh auf die Welt gekommenen Menschlein eine unreife Lunge oder bei normalen Neugeborenen etwa noch Fruchtwasser in der Lunge. In solchen Fällen kriegen die neuen Erdenbewohner schlichtweg keine oder zu wenig Luft.

Winzige Instrumente im Einsatz

Aber Mund und Atemwege frisch auf die Welt gekommener Menschen sind zu winzig für übliche Masken oder Gerätschaften zur Intubation, dem Einführen eines Beatmungsschlauches in den Rachen. Chefärztin Haase spricht aus Erfahrung, wenn sie »Training, Training, Training« fordert. Zwölf Jahre lang ist sie Kinderkrankenschwester gewesen. Sie hat Medizin studiert, war ein weiteres Dutzend Jahre Ärztin - davon drei in Nürnberg und dann am Universitätsklinikum Tübingen. Zusätzlich zu dieser langen Praxis von der Pike auf hat sie sich in den Bereichen Neonatologie – das ist die Pathologie und Physiologie menschlicher Neugeborener – und Kinderradiologie mit Schwerpunkt pädiatrische Sonografie mehr als nur spezialisiert. Haase ist die Erfinderin einiger lebensrettender Geräte für Neugeborene. Die sind ebenso winzig, wie beeindruckend.

Die Puppe namens Paulchen besitzt anatomisch perfekt korrekt nachgebildete Atemwege hinter seiner kleinen Nase und dem putzigen
Die Puppe namens Paulchen besitzt anatomisch perfekt korrekt nachgebildete Atemwege hinter seiner kleinen Nase und dem putzigen Mund. Foto: Stephan Zenke
Die Puppe namens Paulchen besitzt anatomisch perfekt korrekt nachgebildete Atemwege hinter seiner kleinen Nase und dem putzigen Mund.
Foto: Stephan Zenke

Auf den kleinen Mund von Übungspuppe Paulchen passt die von ihr mit entwickelte Beatmungshilfe perfekt. Das Ding versorgt diese ganz besonders empfindlichen Menschlein mit dem nötigen Atemdruck, um möglichst eine maschinelle Beatmung zu verhindern. Falls die Sauerstoffversorgung so nicht ausreicht, würde der winzige Körper durch die Nase mit einem Schlauch beatmet, dessen korrekter Sitz mit einem im Vergleich zum Gerät für Erwachsene stark geschrumpften Spatel überprüft wird.

»Die Überlebenschancen von Frühgeborenen sind in den letzten Jahren stark gestiegen«, sagt Haase. Das liege an passenden Hilfsmitteln plus praxisnahen Trainings so wie im Klinikum am Steinenberg. Werdenden Müttern versichert die Chefärztin deswegen: »Wir versorgen Frühchen.« Und zwar so gut wie möglich. Außerdem empfiehlt sie allen Frauen, die eine Hausgeburt erwägen, das Angebot des hebammengeleiteten Kreißsaals zu nutzen. Damit, falls es Probleme gibt, die medizinischen Möglichkeiten des Kreisklinikums nur eine Tür weit entfernt sind. (GEA)
www.fruehchen-reutlingen.de