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Ein Plädoyer, mehr aus der Achalm zu machen

2009 hat die Stadt Reutlingen die Achalm gekauft. Doch seitdem ist auf dem Berg, der durchaus reizvoll ist, nicht viel geschehen. GEA-Autor Raimund Weible hat sich Gedanken gemacht, was auf dem Berg möglich wäre und bei der Stadt nachgefragt.

Die Achalm wird gerne auch »Reutlinger Hausberg« genannt. Doch hat sich seit dem Kauf durch die Stadt dort nicht viel getan in p
Die Achalm wird gerne auch »Reutlinger Hausberg« genannt. Doch hat sich seit dem Kauf durch die Stadt dort nicht viel getan in puncto Marketing. Foto: Manfred Grohe
Die Achalm wird gerne auch »Reutlinger Hausberg« genannt. Doch hat sich seit dem Kauf durch die Stadt dort nicht viel getan in puncto Marketing.
Foto: Manfred Grohe

REUTLINGEN. Es war ein Moment hoher Emotionalität, als Barbara Bosch am 10. Juni 2009 in einer Pressekonferenz den Kauf des Reutlinger Hausbergs, der 707 Meter hohen Achalm, verkündete. Einige Gemeinderäte waren bei dieser Sitzung auch dabei und sie zeigten sich sichtlich ergriffen ob dieser erfreulichen Nachricht, dass erstmals in der 920-jährigen Geschichte der Stadt sich die Achalm im Besitz der Gemeinde befindet.

»Die Achalm gehört zur Identität Reutlingen, deswegen war der Kauf richtig«, sagt OB Thomas Keck (SPD), »die Achalm prägt die Topographie Reutlingens zusammen mit dem Georgenberg.« Der Erwerb der Achalm war für die Stadt auch eine Genugtuung, nach all den Jahrhunderten, als von diesem Berg mit seiner fremden, der Stadt feindlich gesinnten Besatzung nichts Gutes kam. Für Keck war die Burg Achalm einst »ein Stachel im Fleisch der Stadt«, »ein Adlerhorst, von dem aus man die Reutlinger kujonieren konnte«.

»Die Achalm gehört zur Identität Reutlingen, deswegen war der Kauf richtig«

Das ist längst vorbei. Die emotionalen Reaktionen ließen erwarten, dass die Beziehung zu dem stattlichen Berg Folgen nach sich zieht. Für diese Erhebung, die ein wesentliches Element der landschaftlichen Schönheit der Stadt und ihrer Umgebung ist. Für diesen Berg, der Reutlingen einen ganz eigentümlichen Charakter verleiht. Doch auch 16 Jahre nach dem Kauf hat sich nur wenig getan. Die Liebe der Stadt zum Berg macht sich äußerlich kaum bemerkbar. Die Staffel an der Sommerhalde hoch zum Scheibengipfel ist ramponiert, verursacht auch durch Geländerutschungen. Der Fußweg vom Achalm-Restaurant hinauf zum Gipfel ist zum Teil in einem Zustand, der älteren oder gangunsicheren Besuchern den Auf- und Abstieg erschwert. Insbesondere das letzte Stück innerhalb der Ruine zum Bergfried ist schottrig und birgt Sturzgefahr. Rollstuhlfahrer erreichen den Gipfel nur unter großen Mühen und mit Hilfe von Begleitpersonen.

Aber vor allem: Es fehlt an Informationen über die bewegte Geschichte der Achalm und ihrer Burg, ihrer Burgherren, den Achalm-Grafen, über den Weinbau an Hängen des Bergs. Am Beginn des Fußwegs informiert zwar eine Tafel über die geologische Besonderheit der Achalm als Zeugenberg der Alb und über die Legende der Namensentstehung, die Ludwig Uhland in seiner Ballade über die »Schlacht bei Reutlingen« erwähnt.

Oben auf dem Gipfel findet der Wanderer im Innern des Bergfrieds aber nur noch eine angejahrte Tafel, die wohl 1932 (!) angebracht worden ist, als der Freiwillige Arbeitsdienst den baufälligen Turm saniert hat. Kein Wort über den Achalm-Grafen Rudolf, der durch die Heirat mit Adelheid von Wülflingen sein Territorium mit der Grafschaft Mömpelgard im Burgund und Besitztum im Thurgau erweiterte. Keine Information darüber, dass seine Söhne Liutold und Kuno das Kloster Zwiefalten gegründet haben. Schön wäre es auch, wenn gezeigt würde, wie wohl die Burg einst ausgesehen hat – Zeichnungen gibt es dazu.

»Es geht nicht, große Veranstaltungen auf dem Gipfel durchzuführen«

Erläuterungen fehlen auch am Denkmal für die 1945 erschossenen vier Geiseln am Schönen Weg, ebenso am Ludwig-Finckh-Denkmal, wo sich doch die meisten Passanten fragen, wie sich der Mann dieses Denkmal verdient hat und wer dieser Mann war – jener Reutlinger Dichter, der sich seine Freundschaft mit Hermann Hesse durch seine Nähe zu Hitlers Nationalsozialisten verscherzt hat. Wer siedelte einst am Rappenplatz, jener kleinen Terrasse am Berg oberhalb von Eningen? Eine kurze Zusammenfassung der Forschungsergebnisse könnte man schon erwarten.

Wie man mit seinem Hausberg umgeht, macht die Stadt Göppingen vor. Zwar kann sich die Achalm von der historischen Bedeutung her kaum mit dem Hohenstaufen messen, aus dem ein Kaisergeschlecht hervorging. Ein Museum wie auf dem Hohenstaufen gibt die Geschichte der Achalm, seiner Grafen und den späteren württembergischen Besatzern wohl auch nicht her. Dennoch: Es dürfte auf dem Gipfel durchaus mehr geboten werden als nur die Aussicht, die allerdings exzellent ist.

Ein exzellenter Ausblick bietet sich von der Achalm auf Reutlingen.
Ein exzellenter Ausblick bietet sich von der Achalm auf Reutlingen. Foto: Manfred Grohe
Ein exzellenter Ausblick bietet sich von der Achalm auf Reutlingen.
Foto: Manfred Grohe

Auf dem Hohenstaufen steht eine wunderschöne Stele mit den geschichtlichen Daten des Bergs und der Ruine, es gibt Kunstobjekte und es finden Konzerte statt, die der Aura des Ortes gerecht werden, am 1. Advent ist das »Berggglimmen« angesagt. Kann man sich da was abgucken? Ein Ideenwettbewerb wäre angebracht, der zu einer Aufwertung der Achalm führte.

Immerhin: Die Tourist-Information hat die Führung »Mystische Achalm – Wandern zwischen Sagen und Legenden« im Programm. Stadtführerin Sabine Szabo weiß sehr viel zu erzählen über diesen Berg, der einst mit einer der ältesten Höhenburgen Süddeutschlands bestückt war. Ebenfalls bieten die Stadttouristiker eine Weinwanderung hoch zum Scheibengipfel an. Chefin Anna Bierig spricht von einer »vollen Ideen-Schublade«, um die Achalm attraktiver zu machen, weist aber auch auf die knappe Stadtkasse und die fehlende Infrastrukturellen auf dem Gipfel hin. Auf der Plattform gibt es keinen Strom, kein Wasser, keine Toiletten. Anna Bierig: »Es geht nicht, große Veranstaltungen auf dem Gipfel durchzuführen.« Sie hofft auf die Bundesgartenschau 2039, bei der sicherlich auch Fördermittel zugunsten der Achalm fließen könnten.

Am Bergfried des Bussen, dem heiligen Berg Oberschwabens, hängt Michel Bucks Mundartgedicht »Uffm Bussa«. Da könnte doch auch Uhlands »Schlacht von Reutlingen« am Achalm-Turm angebracht werden mit den berühmten Zeilen, »Ach Allm´- stöhnt’ einst ein Ritter, ihn traf des Mörders Stoß — Allmächt’ger! wollt’ er rufen — man hieß davon das Schloss.«

Kampf gegen Windmühlen

Hildegard Hausch gibt nicht auf. Auch nachdem das Oberlandesgericht (OLG) Stuttgart ihren Antrag auf Prozesskostenhilfe am 8. August zurückgewiesen und die Beschwerde gegen diesen Beschluss am 4. September verworfen hat. Sie will von der Stadt Reutlingen die Achalm zurück.

Dem Ehepaar Günter und Hildegard Hausch, deren Achalm-Lamm-Schlachterei an der B 28 mittlerweile der Sohn Sebastian führt, gehörten bis 2009 große Flächen am Hang der Achalm. Sie verkauften die 60 Hektar in jenem Jahr an die Stadt. Doch die ehemaligen Schafzüchter wollen diesen Verkauf rückgängig machen, weil die 750.000 Euro für die Weide zu wenig gewesen seien. Überhaupt: Sie seien damals von ihrem Steuerberater und von der Stadt zu dem Verkauf gedrängt worden.

Bereits 2014 fochten sie den notariellen Vertrag an, kamen damit aber beim Landgericht Tübingen nicht durch. Ein Zivilrichter wies die Klage 2016 ab, das Urteil wurde rechtskräftig. Hildegard Hausch lebt mit ihrem betagten kranken Mann inzwischen in Geislingen (Zollernalbkreis). Diesen Sommer, fast zehn Jahre später, nahm sie einen neuen Anlauf, um die Ländereien zurückzuerhalten oder einen höheren Preis herauszuschlagen.

Hildegard Hausch gibt an, im damaligen Prozess vor dem Landgericht sei ihr Recht auf den gesetzlichen Richter verletzt worden. Denn zum Schluss habe ein Einzelrichter das Verfahren übernommen, der im Geschäftsverteilungsplan als »beisitzender Richter auf Probe« aufgeführt worden sei. Ein solcher Richter auf Probe dürfe bei einem derart hohen Streitwert nicht eingesetzt werden, sagt Hildegard Hausch.

Dem widerspricht auf Anfrage Fabian Schmitt, Pressesprecher des Landgerichts Tübingen. Es sei nicht ersichtlich, dass der verfassungsrechtlich gewährleistete Anspruch auf den gesetzlichen Richter verletzt worden sei, erklärte er. Ein Richter auf Probe sei in seiner rechtsprecherischen Tätigkeit einem Richter auf Lebenszeit völlig gleichgestellt und damit voll handlungsfähig.

Es scheint so, als ließe sich die Familie Hausch auf einen Kampf gegen Windmühlen ein. Die Prozesskostenhilfe wurde ihr vom OLG versagt, weil es ihr Unterfangen als aussichtslos einstuft. Doch Hildegard Hausch will nun den Bundesgerichtshof anrufen. Und wenn der die Prozesskostenhilfe ebenfalls ablehnt? Die Klägerin: »Auch dann werde ich weitermachen.«

Eines hat der Prozess bewirkt: Der Kaufpreis für den Achalm-Deal wurde bekannt. Oberbürgermeisterin Barbara Bosch behandelte die Kaufsumme damals als Geheimnis.

Für Ludwig Finckh war die Achalm »der schönste Berg auf Gottes Erdboden«, »eine holde, grüne Königin«. Der Maler Gerhard Grimm nannte die Achalm liebevoll »mein Fuji«, und HAP Grieshaber, der Holzschneider, verewigte sie in seinen Holzschnitten. Die Gemeinde Eningen widmet ihrem berühmten Künstler einen Kunstpfad am Hang der Achalm. Doch Grieshaber darf auch als der Reutlinger Künstler gesehen werden. Sein prächtiger Sturmbock mit Szenen der Stadtgeschichte schmückt das Foyer des Rathauses. Wie wäre es mit Reproduktionen seiner Achalm-Bilder auf dem von ihm geliebten Berg, mit einer Fortsetzung des Eninger Grieshaber-Wegs auf Reutlinger Gemarkung?

Die letzte große Tat für die Achalm war der Bau des Bergfrieds, veranlasst durch den württembergischen König Wilhelm I. Das ist 200 Jahre her. Die Reutlinger werden gern Achalmstädter genannt. So hießen sie schon, als ihnen die Achalm noch nicht gehörte. Jetzt sollte man der Achalm angedeihen lassen, was sie verdient hat. OB Keck räumt Defizite bei der Würdigung der Achalm ein. Er verspricht, das Thema aufzugreifen, nicht erst im Zuge der Bundesgartenschau.