REUTLINGEN. Die bewegte Geschichte der einzigen verbliebenen deutschen Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof (GKK) endet im Dunkel. Die Schuldnerin wurde im Insolvenzverfahren am 1. August 2024 per Gerichtsbeschluss in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt. »Galeria«, wie die Nachfolgefirma heißt, verlor zwei Namenszusätze; Beschäftigte, die jahrelang auf Lohn verzichtet hatten, verloren ihre Arbeit; und Gläubiger viel Geld. Die neue Galeria mit Sitz in Essen betreibt heute halb so viele Standorte wie vor fünf Jahren: 83. Dabei soll es bleiben. Für Reutlingen spielt das keine Rolle mehr.
Das 1952 in Rekordzeit erbaute Kaufhaus Merkur an der Karlstraße 20, ab 1967 unter dem Namen des Eigentümers Horten geführt und mit weißen Wabenkacheln verkleidet, gehörte Anfang 2024 zu den bundesweit 52 GKK-Niederlassungen, die abgestoßen wurden. Bis November stand das markante mehrstöckige Gebäude, von Architekt Egon Eiermann einst als würdiges Eingangstor zur Stadt geplant, mit 22.000 Quadratmetern Nutzfläche leer. Dabei hatte die Stadtverwaltung schon 2023 mit einer Hamburger Agentur sowie lokalen Akteuren ein Zwischennutzungskonzept erarbeitet. Gefördert vom Bundesprogramm »Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren« (ZIZ), sollten zumindest 1.200 Quadratmeter im Erdgeschoss ab 1. Juni 2024 auf vielfältige Weise übergangsweise belebt werden.
Vom Warenhaus zum Discounter
Doch die Eigentümer winkten kurzfristig ab. Erst Monate später, Mitte November, zog dort Discounter Tedi mit Ein-Euro-Schreibwaren, Geschenk-, Bastel- und Trendartikeln sowie Spielzeug ein. Gerade ist auch dieser Galeria-Tedi schon wieder zu. Vorläufig, wie es heißt. Ein Wasserschaden legte die Elektrik lahm.
Zum Jahrestag der Zerschlagung des GKK-Konzerns kommen Fragen nach der Zukunft der einstigen Filialen hoch. Auch in Reutlingen. Das markante Warenhaus gehört heute der New Yorker Investmentfirma Apollo Global Management. Seitens der Stadt heißt es nur, »wir sind in Gesprächen«. Es gebe einen »regelmäßigen Austausch«. Wirtschaftsförderer Markus Flammer betont, für solch einen großen Leerstand an exponierter Stelle wolle man »natürlich eine Folgenutzung«. Und um das Objekt zu entwickeln, brauche Apollo die Stadt: Bei der liege das Bau- und Planungsrecht. Mehr darf er dazu nicht sagen.
Viele Fragen bleiben unbeantwortet
Apollo selbst gibt sich verschlossen: Ein Sprecher der für Deutschland zuständigen Oberhausener Retail Management Expertise (RME) lässt auf GEA-Anfrage ausrichten, wie in der Vergangenheit gebe es »grundsätzlich keine Stellungnahmen des Eigentümers gegenüber der Presse«. Nicht mal die Frage, warum am Gebäude noch immer die grünen »Galeria Kaufhof«-Logos prangen, lässt sich klären. Werbung für einen Konzern, den es nicht mehr gibt? Auch über laufende Kosten, Visionen, Hintergründe zur Vermarktung solcher Objekte lässt das Unternehmen die Öffentlichkeit im Dunkeln.
Der Mieter agiert transparenter: »Verursacht wurde der Wasserschaden durch einen Rohrbruch«, teilt ein Tedi-Sprecher mit. Bezüglich der Wiedereröffnung habe er »zum aktuellen Zeitpunkt keine neuen Informationen«. Zur voraussichtlichen Mietdauer könne man sich nicht äußern. »Generell schauen wir bei Pop-up-Stores regelmäßig auf die Entwicklung der Filiale und wägen anhand dieser Entwicklung ab.« Denn auch der Discounter ist im Galeria-Gebäude nur als Interim. Zur Eröffnung hatte die Handelskette ihre Einmietung im einstigen Kaufhof als »Gewinn für alle« bezeichnet. Seitdem sei man mit dem Standort unweit der bestehenden Filiale in der Konrad-Adenauer-Straße zufrieden. Zu Umsätzen gibt es zwar keine Angaben, aber »bis auf die Filialleitung besteht das Team komplett aus neuen Arbeitskräften, die vorher nicht bei Tedi tätig waren. Aufgrund der vorübergehenden Schließung sind die Mitarbeitenden dieser Filiale – sofern von ihnen gewollt – selbstverständlich in umliegenden Tedi-Filialen weiter beschäftigt«, lässt das Dortmunder Unternehmen wissen.
Zwischennutzungen haben sich bewährt
Generell sagt Flammer zur Zukunft einstiger Konsumtempel: »Es sollte jedem klar sein, dass nie wieder im gesamten Gebäude Einzelhandel einziehen wird.« Viel lieber spricht der Leiter der Abteilung Wirtschaftsförderung aber übers Licht am Ende des Kaufhaussterben-Tunnels. Die Zwischennutzungen, die mithilfe der 750.000 Euro an ZIZ-Mitteln für GKK-gebeutelte Metropolen in Reutlingen umgesetzt wurden, ziehen Kreise. Das Geld ließ sich umwidmen und mit den Kaufhof-Interimsideen wurden ein halbes Jahr lang drei kleine Leerstände in der Innenstadt belebt: Der Verein Netzwerk Kultur machte auf vielfältige Aktivitäten aufmerksam. Die Zukunft des Artspace ist nach dem Versiegen der ZIZ-Mittel für die Wilhelmstraße 109 und Metzgerstraße 59 zwar ungewiss. Doch ins W 109 zog Silke Brucklacher vom benachbarten Dessousgeschäft zuletzt mit einem Bademoden-Pop-up-Store ein.
Auch der einstige Pop-up in der Rathausstraße ist wieder belegt. »Fritzer’s Frische« bietet dort in Kühl-Automaten hochwertige Produkte aus der Region. Vom ehemaligen »Fridi unverpackt« an der Marienkirche nahmen Ehrenamtliche der »3 Musketiere« ihr Gastro- und Unterhaltungskonzept mit an die Echazterrassen. Der Laden steht im Moment leer. »Da kommt aber wieder was rein«, versichert Flammer.
Die Vorgeschichte von Galeria Karstadt Kaufhof
Der Anfang von Galeria Karstadt Kaufhof (GKK) reicht noch weiter zurück als der Reutlinger Merkur: 1879 eröffnete Leonhard Tietz in Stralsund einen Garn-, Knopf-, Stoff- und Wollwarenladen, 1881 folgte in Wismar Rudolph Karstadt mit seinem »Tuch-, Manufactur- und Confektionsgeschäft«. Aus ersterem wurde die Warenhauskette Galeria Kaufhof, deren jüdischstämmige Eigentümer - wie einst auch den Merkur-Besitzer - die Nationalsozialisten enteigneten und ihre Kaufhäuser an Banken verscherbelten.
Nach dem Boom der Wirtschaftswunderjahre gerieten die Konsumtempel Ende des vergangenen Jahrhunderts ins Straucheln: Die Kaufhof AG übernahm deshalb 1994 ihren Konkurrenten Horten, Karstadt verleibte sich Hertie ein. Zahlreiche Übernahmen und Fusionen später entstand 2018/19 aus Karstadt und Kaufhof die in Essen eingetragene GKK. Deren Insolvenzverfahren endete zum 1. August 2024 mit der Umwandlung in eine Kommanditgesellschaft: Galeria, vertreten durch Naboo Holdings in Luxemburg. (dia)
Entsprechend erkennt der Bund als ZIZ-Geber »vorläufige Ansätze für eine erfolgreiche Innenstadt- und Zentrenentwicklung«: Die Erfahrungen der Programmkommunen stellen eine strategische Grundlage für die Innenstadtentwicklung dar und dienen als Richtschnur für die weitere Transformation. Mit der Verwaltung als zentralem Partner lassen sich Innenstadtakteure aktivieren und breit angelegte Kooperationen schaffen. Leuchtturmprojekte umzusetzen, stärke Innenstädte und aktiviere die Stadtgesellschaft. Zwischennutzungen in Leerständen ermöglichen, »neue Allianzen zu schaffen und auf ihre Tragfähigkeit zu überprüfen sowie Veränderungsprozesse anzuschieben«, stellt das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung fest. Also: Erfolgreiche Innenstadtentwicklung ist eine Daueraufgabe, ämterübergreifend und unter Einbindung der Leute vor Ort. (GEA)

