HECHINGEN/BURLADINGEN. Die Staatsanwaltschaft Hechingen hat gegen zwei Brüder Anklage wegen versuchten Mordes erhoben. Die beiden jungen Männer sollen im Juni im Burladinger Teilort Gauselfingen mit ihrem Wagen auf Bauarbeiter zugerast sein, mit der Absicht »diese zu töten«, so die Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Hechingen. Sie sollen dabei sogar über die Baugrube »geschanzt« sein. Danach sollen sie mit einem Wagenheber beziehungsweise einem Feuerlöscher zurückgekommen sein und den Bauleiter und einen seiner Arbeiter mit den Geräten angegriffen und dabei bewusst auf die Köpfe der Angegriffenen gezielt haben, »um den nun gemeinsam gefassten Plan, die Bauarbeiter zu töten, in die Tat umzusetzen«.
Am zweiten Verhandlungstag - am ersten wurden die Angeklagten und die ermittelnden Polizisten gehört - kamen die Angegriffenen zu Wort. Und manches klang dann doch anders. Was Richter Volker Schwarz nicht erfreute: »Sagen Sie heute die Wahrheit oder haben Sie vor der Polizei wahrheitsgemäß ausgesagt?« Das fragte er - sinngemäß - mehrfach. Schließlich säßen seit Ende Juni beziehungsweise Anfang Juli zwei junge Männer wegen der Aussagen kurz nach dem Vorfall in Untersuchungshaft.
Widersprüchliche Aussagen
Was war passiert? Eine rumänische Baukolonne hatte in Gauselfingen Glasfaserkabel verlegt. Über die Schulstraße zog sich ein offener Schacht. Fahrzeuge wurden bei Bedarf mittels Überfahrhilfen über die Baugrube geführt. Die Angeklagten wohnen unweit der Baustelle in einer Asylbewerberunterkunft und hatten am 24. Juni die Baugrube schon mehrfach passiert. Beim dritten oder vierten Mal rasteten die zwei Brüder aber aus. Sie setzten mit ihrem roten Peugeot zurück, rasten mit hoher Geschwindigkeit und quietschenden Reifen, so die Zeugen einhellig, auf die Baugrube zu.
Die Bauarbeiter brachten sich in Sicherheit - so weit, so übereinstimmend. Von einem Sprung über die Grube war im Prozess keine Rede mehr. Und ob die Angeklagten gezielt auf Arbeiter zugefahren waren, war auch nicht mehr so klar. Einig waren sich die Zeugen aus der Baukolonne darin, dass die Brüder zu schnell für den improvisierten Übergang - der auch erstmal angebracht werden musste oder vielleicht wegen eines anderen Fahrzeugs auch schon lag, hier waren sich die Zeugen nicht ganz einig - unterwegs waren und knapp vor der Grube zum Stehen kamen.
Auf die Unterschiede in ihren Aussagen kurz nach der Tat und denen vor Gericht hingewiesen, begründeten das alle Zeugen mit Erinnerungslücken. Möglicherweise auch mit Übersetzungsfehlern des von der Polizei hinzugezogenen Dolmetschers, eines älteren Herrn, so einer der Arbeiter. Außer dem Bauleiter spricht keiner flüssig Deutsch. »Absichtlich überfahren klingt anders«, kommentierte Richter Schwarz eine der Aussagen.
Im Gerichtssaal
Richter: Vizepräsident des Landgerichts Hechingen Volker Schwarz, Richterinnen Christina Selig und Sina Boss. Schöffen: Hartmut Höfler, Andrea Prokoph. Verteidiger: Klaus Armbruster, Georg Gracza, Christian Sieber. (GEA)
Der Bauleiter wurde von seinen Jungs informiert, kam zurück und war vor Ort, als die Brüder wieder auftauchten. Über das, was jetzt geschah, sind sich die Zeugen einig. Der Bauleiter ging zum roten Peugeot, der Fahrer stieg aus, holte aus dem Kofferraum ein schwarzes Werkzeug und ging ansatzlos damit auf den Bauleiter los. Der wehrte die Schläge mit dem Wagenheber ab und wurde dabei erheblich an der Hand verletzt. Mit der Linken schickte er den Angreifer zu Boden, der dann »wie ein Hase« die Flucht ergriff. Gefolgt von seinem Bruder. Der soll mittlerweile mit dem Bordfeuerlöscher des Kleinwagens auf einen Arbeiter losgegangen sein, der seinem Chef zur Seite stehen wollte. Der Angegriffene wurde bei der Abwehr ebenfalls am Arm verletzt, sein Angreifer sei ebenfalls ohne zu Zögern zum Kofferraum gelaufen, habe den Feuerlöscher geschnappt und habe versucht, damit auf ihn einzuschlagen, »auf den Kopf«. Die anderen Zeugen hatten mehr auf den Angriff auf den Chef geachtet, der Angegriffene erinnerte sich allerdings sehr präzise.
Bewaffnete Großfamilie im Anmarsch
Damit ist die Geschichte nicht zu Ende. Die Angeklagten sind ukrainische Staatsbürger, sprechen aber ungarisch. Sie sind mit zahlreichen Familienmitgliedern mit Asylbewerberstatus unweit der Baustelle untergebracht. Den Polizisten, die am ersten Verhandlungstag aussagten, ist die Großfamilie wegen zahlreicher Delikte bekannt. Man hält zusammen. Als einer der Angeklagten verletzt zu Hause ankam, machten sich »sieben bis zehn« Familienangehörige aller Altersklassen und Geschlechter auf den Weg zur Baustelle, bewaffnet mit Stangen und ähnlichem - auch hier waren sich die Zeugen einig. Da war bereits die Polizei im Anmarsch, schon das Martinshorn vertrieb den Aufmarsch, als die Beamten ankamen, herrschte Ruhe.
Die Verhandlung wird am Montag fortgesetzt, es werden weitere Zeugen und Sachverständige gehört. (GEA)

