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Ministerin an der Trochtelfinger Werdenbergschule

Landeskultusministerin Theresa Schopper besucht die Gemeinschaftsschule in Trochtelfingen. Vom Campus war sie sichtlich angetan.

Cindy Holmberg (MdL/Grüne) und Kultusmisiterin Theresa Schopper mit Schülern der Werdenbergschule.
Cindy Holmberg (MdL/Grüne) und Kultusmisiterin Theresa Schopper (Mitte) mit Schülern der Werdenbergschule. Foto: Steffen Wurster
Cindy Holmberg (MdL/Grüne) und Kultusmisiterin Theresa Schopper (Mitte) mit Schülern der Werdenbergschule.
Foto: Steffen Wurster

TROCHTELFINGEN. Gemeinschaftsschulen seien nicht mehr so sexy, wie sie es mal waren, meint Andree Fees, Schulleiter der Werdenbergschule in Trochtelfingen. Weswegen sich seine Schule im Wettlauf um Nachwuchs bei Schülern und Lehrern besonders anstrengen muss. Wie das in der Praxis aussieht, konnte Theresa Schopper, die Ministerin für Kultus, Jugend und Sport des Landes Baden-Württemberg, bei einem Besuch auf der Alb in Augenschein nehmen. Die Herrin über die Schulen im Ländle kam auf Einladung von Cindy Holmberg, Landtagsabgeordnete der Grünen im Wahlkreis Hechingen-Münsingen.

Die Werdenbergschule hat Konkurrenz durch die nahe gelegenen Realschulen und Gymnasien, von einer Schulkarriere in einer Gemeinschaftsschule muss man die Eltern überzeugen. »Die Außendarstellung kostet Kraft und Zeit, macht uns aber auch besser«, sagt Fees. Dabei gibt es viele gute Gründe, es mit dieser Schulart zu versuchen. Bei den Eltern, deren Kinder bereits hier in die Grundschule gehen, haben Fees und sein Kollegium leichtes Spiel: Etwa die Hälfte der Kinder bleibt auf der Werdenbergschule. Von den anderen Trochtelfinger Grundschulen fänden dagegen nur wenige den Weg hierher. »Für viele ist das hier noch die Hauptschule, die Hauptschüler von früher sind die Eltern von heute«, glaubt Trochtelfingens Bürgermeisterin Katja Fischer, die die Ministerin sowie Martin Fouqué, Leiter des Staatlichen Schulamts Tübingen, begleitete.

Lehrer für alle Schularten qualifiziert

Ist sie aber nicht. Was zum Beispiel nur wenigen bekannt sein dürfte ist, dass zurzeit zehn der 54 Lehrkräfte Gymnasiallehrer sind - auf den Wechsel nach dem Realschulabschluss in Trochtelfingen auf eine weiterführende Schule werden die Werdenberger also gut vorbereitet. Dazu kommen viel selbstbestimmtes Lernen und Leben auf dem Campus. Schopper wurde von einer Tanz AG begrüßt, soweit nicht ungewöhnlich. Aber die Tänzerinnen aus den Grundschulklassen werden von vier Trainerinnen aus den sechsten Klassen, die auch die Idee zur AG hatten, angeleitet. Komplett selbstständig und in ihrer Mittagspause sind sie damit jetzt schon ein wichtiger Baustein der Ganztagsbetreuung.

Ohne die Mitarbeit der Schüler würde es auch in der Klasse von Kathrin Hauptmann nicht klappen. Sie ist Klassenlehrerin von 32 Viertklässlern. Den großen Klassenverband wollten Fees und Hauptmann nicht auseinanderreißen. »Trennen ist tödlich«, weiß der Rektor, die Schüler werden jetzt parallel in zwei benachbarten Räumen unterrichtet. Füchse, Adler und Delfine arbeiten weitgehend selbstständig in den drei Gruppen und helfen sich gegenseitig, angeleitet, unterstützt und unterrichtet von Hauptmann und den Fachlehrern. Die Klassenlehrerin ist die klare Bezugsperson, dazu kommt viel Selbstkontrolle ihrer Schüler. Maxi macht gerade Matheaufgaben, Kreise und Winkel stehen auf dem Lehrplan. Die Winkel werden auf dem Papier gemessen, die Aufgaben findet der Junge auf dem Schultablet. Dort stehen auch Englischaufgaben, für Deutsch wird ein richtiges Buch gelesen - ab und zu unterstützt durch ein Kapitel aus dem Hörbuch, erklärt Maxi der Ministerin.

Führungskräfte von morgen

Die Selbstständigkeit nehmen die Schüler mit auf den Weg zu Haupt- oder Realschulabschluss an der Werdenbergschule. Lisa Haug und Samuel Öhrle sind Schülersprecher, in der achten beziehungsweise der neunten Klasse. Öhrle will nach der Zehnten die Fachhochschulreife in Angriff nehmen, Lisa Haug beginnt dann eine Ausbildung, die Lehrstelle hat sie jetzt schon. »Um die beiden muss ich mich nicht sorgen«, sagt Fees. Haug kam von einer kleinen Grundschule - »mit sehr konservativen Lehrern« - nach Trochtelfingen, mit einer Hauptschulempfehlung. An der Werdenbergschule hatte sie die Möglichkeit, sich schnell weiterzuentwickeln: »Das sind die Führungskräfte von morgen«, lobt Fees, »das kann man an keiner anderen Schulart leisten«. Gemeinsam mit seinen Schülersprechern wirbt er bei der Ministerin um Unterstützung für die Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg.

Cindy Holmberg (links) und Ministerin Theresa Schopper mit den Schülersprechern Samuel Öhrle und Lisa Haug mit Krücken - sie hat
Cindy Holmberg (links) und Ministerin Theresa Schopper mit den Schülersprechern Samuel Öhrle und Lisa Haug mit Krücken - sie hatte sich am Vortag des hohen Besuchs den Knöchel angebrochen. Foto: Steffen Wurster
Cindy Holmberg (links) und Ministerin Theresa Schopper mit den Schülersprechern Samuel Öhrle und Lisa Haug mit Krücken - sie hatte sich am Vortag des hohen Besuchs den Knöchel angebrochen.
Foto: Steffen Wurster

Berufliche Orientierung gehört zu den Kernkompetenzen der Werdenbergschule, nicht nur für die »Führungskräfte von morgen«. Die Gemeinschaftsschule kümmert sich ja um ein breites Spektrum von Schülern mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen. Der Zugang zum Arbeitsmarkt ist dabei wichtig. Ganz neu ist eine digitale Pinnwand für Stellenanzeigen, die »Azubi-Säule«. Hier können ausbildende Betriebe für wenig Geld Nachwuchs suchen.

Entwickelt wurde die Säule im Start-up von Maximilian Knack, der sie den Gästen persönlich vorstellen konnte. Die Azubi-Säule steht bereits an 50 Schulen in Knacks bayrischer Heimat, die Werdenbergschule ist die zweite in Baden-Württemberg. Schopper und Fouqué nahmen die Anregung gerne mit. An der Werdenbergschule fanden jahrelang Ausbildungsmessen statt, »das macht mittlerweile jeder«, meint Fees, danach Speeddatings mit Personalchefs. Die Säule ist ein neuer Weg mit dem Vorteil, dass die 140 Betriebe, mit denen die Schule Kontakt hat, hier ständig präsent sein können. »Der Einstieg ins Berufsleben beginnt hier in der siebten Klasse mit dem Sozialpraktikum und es geht weiter bis zum Abschluss«, erklärte der Schulleiter der Ministerin.

Campus mit Sportanlagen und viel Grün

Theresa Schopper war beeindruckt, vom »Campus« in Trochtelfingen, mit den renovierten Schulgebäuden, umgeben von Sportanlagen und viel Grün. Rund zehn Millionen Euro hat die Stadt hier investiert, erklärte Bürgermeisterin Fischer dem Gast, zwar mit vielen Zuschüssen, es sei aber dennoch eine Herausforderung für die Kommune gewesen. Auch die bald verpflichtende Ganztagsbetreuung muss von der Stadt gestemmt werden. »Vereine können das nicht leisten«, sind sich Bürgermeisterin und Schulleiterin einig.

Wie viel Unterstützung vom Land in Zukunft kommen wird, ließ Schopper offen: Knappe Landeskassen, unklare Gegenfinanzierungen, laufende Verhandlungen mit dem Bund - es sei noch einiges im Unklaren. (GEA)