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Aktuell Jubiläum

Der Posaunenchor Genkingen wird 100

Der Posaunenchor Genkingen wurde 1925 gegründet. Ein Grund, in die Chronik zu schauen, bevor im November gefeiert wird.

Zehn Jahre nach der Gründung: Der Posaunenchor Genkingen spielt beim Mai-Umzug 1935.
Zehn Jahre nach der Gründung: Der Posaunenchor Genkingen spielt beim Mai-Umzug 1935. Foto: privat
Zehn Jahre nach der Gründung: Der Posaunenchor Genkingen spielt beim Mai-Umzug 1935.
Foto: privat

SONNENBÜHL-GENKINGEN. »Wir wollen Musik machen.« Aber wie? Ohne Instrument? Und als absolute Laien? 1925 jedenfalls fanden sich in Genkingen junge Männer zusammen. Sie waren im Jünglingsverein, trafen sich zunächst im Haus von Michael Herrmann, nach Ausbruch der Maul- und Klauenseuche mussten sie dessen Domizil verlassen und kamen im Haus von Heinrich Herrmann zusammen, der schließlich Gründungsvater und erster Dirigent des Posaunenchors war. Überliefert ist aus seiner Ansprache zum 25-Jahr-Jubiläum, dass Bibelarbeit und Tischspiele allein den Jungs bald nicht mehr reichten. Sie wollten musizieren. Und so geschah es schließlich auch, im Frühjahr 1925 wurden Instrumente bestellt, im Juni konnten die ersten abgeholt werden.

Heinrich Harrmann ist als »Ein-Mann-Kapelle« während des Kriegs aktiv.
Heinrich Harrmann ist als »Ein-Mann-Kapelle« während des Kriegs aktiv. Foto: privat
Heinrich Harrmann ist als »Ein-Mann-Kapelle« während des Kriegs aktiv.
Foto: privat

Die 200 Mark, die die bürgerliche Gemeinde den Genkinger Bläsern für den Kauf von Instrumenten 1925 - es existiert ein Protokoll vom 19. März 1925 - überlassen hat, waren für das kleine Albdorf richtig viel Geld. Denn die etwa 1.030 Genkinger lebten von den Erträgen ihrer kleinen Landwirtschaft, wenigstens Wasser und Strom gab es bereits seit 14 Jahren. Und mancher hatte durch weitere Arbeit ein Zubrot. Viel im Privat-Kässle aber werden die wenigsten gehabt haben. Umgerechnet wäre das Wert-Äquivalent des Zuschusses von damals heute 920 Euro. Für die damaligen Verhältnisse also eine hohe Summe.

Mitglieder des Posaunenchors im Jahr 1988 beim Turmblasen in der Silvesternacht.
Mitglieder des Posaunenchors im Jahr 1988 beim Turmblasen in der Silvesternacht. Foto: privat
Mitglieder des Posaunenchors im Jahr 1988 beim Turmblasen in der Silvesternacht.
Foto: privat

Jedenfalls haben die acht jungen Männer vom Jünglingsverein, die vor 100 Jahren mit dem Posaunenblasen und dem Musizieren in Gottesdiensten begonnen haben, ihre Instrumente selbst kaufen müssen, der große Bass wurde gemeinsam angeschafft, in dessen Kauf die 200 Mark von der Gemeinde flossen. Die Namen der jungen Erstbläser sind bekannt: Johannes Herrmann (»Kanonier«) spielte Piston (1. Stimme), Karl Herrmann (»Lena«) Piston (1. Stimme), Jakob Herrmann (»Frieder Michels«) Trompete (1. Stimme), später Helikon, Wilhelm Herrmann (»Gemeindebäcker«) Trompete (2. Stimme), Gotthilf Reiff Flügelhorn (2. Stimme), Traugott Dieth Tenorhorn, Heinrich Herrmann jun. (»Schreiner«) Tenorhorn und Wilhelm Herrmann Bariton. In den ersten 25 Jahren kamen noch 15 weitere junge Männer hinzu, die Gefallen an der Posaunenmusik fanden.

Auch zum Jahreswechsel 2024/25 stiegen die Posaunenchormitglieder auf den Turm der Michaelskirche.
Auch zum Jahreswechsel 2024/25 stiegen die Posaunenchormitglieder auf den Turm der Michaelskirche. Foto: Helmut Herrmann
Auch zum Jahreswechsel 2024/25 stiegen die Posaunenchormitglieder auf den Turm der Michaelskirche.
Foto: Helmut Herrmann

Was ebenfalls verbrieft ist: Spätestens ab 1927 bliesen die jungen Männer den Genkingern Choräle in der Silvesternacht - vom Turm der Michaelskirche, weithin hörbar im ganzen Dorf. In einem Protokoll einer Sitzung des Kirchengemeinderats von 1927 heißt es: »Es wird beschlossen, daß in der Nacht vom 31. Dezember 12 Uhr ein Zusammenläuten mit den Glocken stattfinden soll, im Anschluß daran soll dann der Posaunenchor des Jünglings-Vereins vom Turm der Kirche Choräle blasen. Auch das Läuten soll von den Bläsern ausgeführt werden. Da auch sonst schon der genannte Posaunenchor bei Gottesdiensten mitgewirkt hat, wurde ihm aus der K.-Pflege 10 M verwilligt.«

Als 1985 das 60-jährige Bestehen des Posaunenchors gefeiert wurde, hat Helmut Herrmann begonnen, Historisches zu sammeln. Fotos, Dokumente, Protokolle. Und zum 75-jährigen Bestehen im Jahr 2000 gab der Posaunenchor ein 50-seitiges Büchlein heraus. Der 70-Jährige ist heute mit seiner Tuba der älteste aktive Musiker im Chor, außerdem seit 50 Jahren Vorstand des seit 1975 eingetragenen Vereins, der heute über 100 Mitglieder zählt. Knapp 30 aktive Musiker sind's aktuell, die im Genkinger Posaunenchor musizieren.

Der Posaunenchor im Jahr 1948, als er zum Posaunentag Ulm gefahren ist.
Der Posaunenchor im Jahr 1948, als er zum Posaunentag Ulm gefahren ist. Foto: privat
Der Posaunenchor im Jahr 1948, als er zum Posaunentag Ulm gefahren ist.
Foto: privat

Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hat die Geschichte des Posaunenchors eine Zäsur erfahren. Offizielle Auftritte waren kaum möglich, Mitglieder des Posaunenchors mussten in den Krieg, manche kamen nicht zurück. Nur eine »Ein-Mann-Kapelle« tat ab und an Dienst - in Person von Heinrich Herrmann jun.. Aber sobald das Kriegsende da war, wurden die Genkinger Bläser wieder aktiv, spielten schon wieder zur ersten Nachkriegs-Weihnacht und erhielten Verstärkung. Und am 2. Juni 1946 fuhren sie nach Ulm, zum ersten Landesposaunentag nach dem Krieg. 2000 anwesende Bläser spielten inmitten von Ruinen das »Gloria« auf dem Münsterplatz, darunter auch die Genkinger. Die Ulmer Posaunentage finden seither alle zwei Jahre an einem Wochenende im Mai oder Juni in der Münsterstadt statt - am Wochenende 28./29. Juni sogar der 50. Landesposaunentag.

Was für ein Anblick: Auch die Genkinger waren auf dem Münsterplatz in Ulm beim Landesposaunen 1948 dabei.
Was für ein Anblick: Auch die Genkinger waren auf dem Münsterplatz in Ulm beim Landesposaunen 1948 dabei. Foto: privat
Was für ein Anblick: Auch die Genkinger waren auf dem Münsterplatz in Ulm beim Landesposaunen 1948 dabei.
Foto: privat

Damals, 1946, sind sie zu Fuß zur Station Lichtenstein gelaufen, morgens um 4 Uhr bei strömendem Regen, und sind mit einem »Holzvergaser«-Lkw aus Reutlingen gen Ulm gefahren. Entschädigt wurden sie durch die Teilnahme an der kirchenmusikalischen Großveranstaltung wohl allemal, nicht nur weil Körbe mit gespendeten Broten herumgereicht wurden, sondern weil es ein imposantes Erlebnis gewesen sein muss, als sie mit Tausenden anderen Bläsern zum Schluss des Landesposaunentags die dritte Strophe des Chorals »Wachet auf, ruft uns die Stimme« (»Gloria«) spielen konnten: ein Zeichen für den Neubeginn.

Produktion läuft: Seit 1977 serviert der Posaunenchor immer an Muttertag Maultaschen. Die wurden anfangs noch selbst gemacht.
Produktion läuft: Seit 1977 serviert der Posaunenchor immer an Muttertag Maultaschen. Die wurden anfangs noch selbst gemacht. Foto: privat
Produktion läuft: Seit 1977 serviert der Posaunenchor immer an Muttertag Maultaschen. Die wurden anfangs noch selbst gemacht.
Foto: privat

Ein Neubeginn, den »ein stattlicher Chor« 1950 mit dem 25. Geburtstag feiern konnte, wie es in der Chronik heißt. Trompete, Horn, Posaune: Auch in der Wirtschaftswunderzeit blieben die Genkinger ihrem Posaunenchor treu, und auch neue junge Männer kamen hinzu. Das Dirigat ging vom Vater auf den Sohn, Heinrich Herrmann jun. über. Nach dem 50er-Jubiläum übernahmen Ernst und Karl »Charly« Herrmann, beide Enkel des Gründers. Letzterer gab den Dirigentenstab an seinen Bruder Martin weiter. Posaunenchor ist in Genkingen Familiensache. Seit 2023 gibt erstmals nicht nur ein Herrmann musikalisch den Takt vor: Volker Wüstling ist neuer Dirigent.

Der Posaunenchor geht zu Geburtstagskindern nach Hause und spielt ihnen ein Ständle. Hier ein Beweis von 1959.
Der Posaunenchor geht zu Geburtstagskindern nach Hause und spielt ihnen ein Ständle. Hier ein Beweis von 1959. Foto: privat
Der Posaunenchor geht zu Geburtstagskindern nach Hause und spielt ihnen ein Ständle. Hier ein Beweis von 1959.
Foto: privat

Und das Genkinger Blech klingt nicht nur in Gottesdiensten oder beim Turmblasen, auch bei Alten- und Gefallenen-Gedenkfeiern, bei Beerdigungen. Auch bei evangelischen Kirchentagen spielen die Blechbläser, ebenso bei Gemeindefesten wie dem Nebelhöhlenfest, Tauffesten und der Sonnenbühler Hockete. Und bis heute bringen die Bläser Geburtstagsständle für die 80-Jährigen, 85-Jährigen und ab dem 86. Geburtstag jährlich am Sonntag nach dem Gottesdienst als Hausbesuch. Oder beim während der Pandemiezeit entstandenen Ständlesnachmittag im Hof der Brühlschule beziehungsweise der Brühlhalle. Zum ersten kamen 80 Besucher, über 40 Jubilare teilweise mit Partnern oder Begleitung.

Der Posaunenchor Genkingen in St. Petersburg.
Der Posaunenchor Genkingen in St. Petersburg. Foto: privat
Der Posaunenchor Genkingen in St. Petersburg.
Foto: privat

1975 trat zum 50-Jahr-Jubiläum zum ersten Mal eine Jungbläsergruppe - die »Jupos« - auf, die 1974 ins Leben gerufen wurde und in der auch Mädchen mitspielten. Im gleichen Jahr entschied sich der Posaunenchor, einen eigenständigen Verein zu gründen - erster 1. Vorsitzender: Helmut Herrmann. Wie erwähnt ist er bis heute im Amt. Und auch er ist ebenfalls ein Enkel des Gründers - also ist doch immer noch vieles Familiensache beim Posaunenchor. Von den Jupos von vor 50 Jahren sind heute übrigens immer noch welche im Posaunenchor aktiv.

Gruppenbild in der Kirche: So sieht der Posaunenchor Genkingen heute aus.
Gruppenbild in der Kirche: So sieht der Posaunenchor Genkingen heute aus. Foto: Helmut Herrmann
Gruppenbild in der Kirche: So sieht der Posaunenchor Genkingen heute aus.
Foto: Helmut Herrmann

Und auch neben den Auftritten hat's immer noch weitere Aktivitäten gegeben. Familienfreizeiten wurden organisiert. Man fuhr gemeinsam in die Sommerferien, meistens nach Südtirol. Und genau vor zehn Jahren ging der Posaunenchor auf ganz große Fahrt: Nach St. Petersburg. Die Teilnehmer schwärmen noch heute von dieser Reise. Seit 1977 veranstaltet der Posaunenchor jedes Jahr an Muttertag ein Maultaschenessen - mit nur zwei Unterbrechungen beim »Frisch-Ei-Skandal« und während der Corona-Lockdowns. Damit sollte die Chorkasse zur Beschaffung neuer Noten und Instrumente aufgebessert werden.

Es gibt eine Partnerschaft mit der Gemeinde Jena-Zwätzen, 1988 fuhren die Genkinger in die damals noch bestehende DDR. Auch darüber gäbe es jede Menge Anekdoten zu erzählen. Heute allerdings wird diese Partnerschaft nicht mehr sehr aktiv gepflegt. Seit 1979 haben die Genkinger kaum einen Kirchentag verpasst und seit 2010 Margot Käßmann bei Kirchentagen musikalisch begleitet. Und im Jubiläumsjahr sind die Genkinger Bläser unter dem Motto »100 Jahre - 100 Kilometer« mit dem Rad bis nach Ulm gefahren. Eine bunte Truppe aus 20 Radlern von 15 bis über 70 Jahren startete um 6 Uhr und kam um 14.30 Uhr am Münster an. »Nach unserer Ankunft am Münster haben wir unsere im Begleitfahrzeug mitgenommenen Instrumente ausgepackt und im Münster eine paar Lieder und Choräle musiziert. Das war für viele von uns Bläsern ein Gänsehaut-Moment.«

100 Jahre, 100 Kilometer: Die Mitglieder des Posaunenchors Genkingen sind im Jubiläumsjahr mit dem Rad nach Ulm gefahren.
100 Jahre, 100 Kilometer: Die Mitglieder des Posaunenchors Genkingen sind im Jubiläumsjahr mit dem Rad nach Ulm gefahren. Foto: privat
100 Jahre, 100 Kilometer: Die Mitglieder des Posaunenchors Genkingen sind im Jubiläumsjahr mit dem Rad nach Ulm gefahren.
Foto: privat

»Wir sind eine nette, familiäre Truppe«, sagt Helmut Herrmann. Eine Truppe, die einen wertvollen Dienst in Genkingen übernimmt. Das soll am 9. November mit einem bunten Abend gefeiert werden, am ersten Advent, 30. November, steht ein Festgottesdienst auf dem Programm. Auch Ehrungen wird es anlässlich des Jubiläums geben. Und noch eine Überraschung, die Helmut Herrmann aber noch nicht verraten will. (GEA)

An Ostern 1978 hat der Posaunenchor für die Genkinger vom Schulhaus geblasen.
An Ostern 1978 hat der Posaunenchor für die Genkinger vom Schulhaus geblasen. Foto: privat
An Ostern 1978 hat der Posaunenchor für die Genkinger vom Schulhaus geblasen.
Foto: privat