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Wie sich der Bürgerbus Pfullingen entwickelt hat

Von Anfang an war den Organisatoren klar, dass Pfullingen zu groß ist, um mit einem einzigen Fahrzeug alle Wohngebiete zu bedienen. Die Routenplanung war kein einfaches Unterfangen. Dann hat sich eine Notlösung als Glücksgriff erwiesen.

Vorgeschlagen wurde, das Bürgerbus- Angebot auszubauen.  FOTO: SAUTTER
Der Bürgerbus Pfullingen. Foto: Sautter
Der Bürgerbus Pfullingen.
Foto: Sautter

PFULLINGEN. »Im Hägle fährt der Bürgerbus jede Stroß ab, und bei uns kommt er gar net! Ja send mir denn Pfullinger zwoiter Klass?«, erregte sich eine Frau aus der Burgwegsiedlung, als vor zehn Jahren der Fahrplan für den Bürgerbus auf dem Pfullinger Marktplatz vorgestellt wurde. Nein, zweitklassig sind die Bewohner des Burgwegs keineswegs, übersehen wurden sie auch nicht. Trotzdem fährt der Bürgerbus bis heute nicht in diesen Teil der Stadt. Von Anfang an war den Organisatoren klar, dass Pfullingen zu groß ist, um mit einem einzigen Fahrzeug alle Wohngebiete zu bedienen.

Eine Studie, die die Stadt im Jahr 2008 hatte erstellen lassen, zeigte die wesentlichen Lücken: Während alle Stadt- und Regionalbusse entlang der Haupttalachse verkehren und damit alle Stadtteile im Talgrund erschließen, liegen die Ost- und die Weststadt weitab und zudem in steilen Hanglagen über dem Tal. Die vorrangige Aufgabenstellung lautet daher, diese Gebiete mit dem Zentrum zu verbinden. Der Fragebogen, den die Stadt an alle Haushalte verschickte, bestätigte dieses Bild: Aus diesen Wohngebieten kamen die meisten Rückläufer, hier wurde deutlich mehr Interesse bekundet als aus anderen Wohngebieten.

Gesamtroute in einer Stunde

Außerdem sollte der Bürgerbus eine Ergänzung der Stadtbuslinien sein und keine Konkurrenz. Also konzentrierte sich die Fahrplanentwicklung darauf, die ausgemachten Zielgebiete so gut wie möglich zu bedienen, wohl wissend, wie schmerzlich das für die Bewohner anderer, ebenfalls im Verkehrsschatten liegender Wohngebiete sein würde. Seither wurden Wünsche immer registriert, gesammelt und darauf geprüft, ob sie sich in das Grundkonzept integrieren lassen.

Der Fahrplanentwicklung lag von Anfang an die Überzeugung zugrunde, dass die Gesamtroute im Stundentakt zu bewältigen sein muss. Vorteile für die Fahrgäste: gleichbleibende und deshalb einprägsame Abfahrtszeiten, viermal pro Vor- oder Nachmittag in die Innenstadt und wieder zurück nach Hause. Beim Testlauf im Jahr 2009 wurden die Sammelstraßen der Ost- und Weststadt in Form einer Achterschleife abgefahren. Nachteil: Lange Schleifen, das heißt Umwege und lange Fahrzeiten zwischen Wohnort und Zentrum.

Ampeln waren ein Problem

Für das Vierer-Kleeblatt, das die 2008er-Studie skizziert hatte, reicht aber eine Stunde nicht aus. Also entschied sich das Organisationsteam um Elvira und Werner Fesseler für ein Dreier-Kleeblatt: auf der Ostseite eine Schleife mit vielen Windungen, weil die kompakten Wohngebiete Hägle und Brühl eine flächendeckend Erschließung verlangen; auf der Westseite, die sich über mehr als zwei Kilometer vom Georgenberg bis zum Talacker erstreckt, eine Schleife südlich und eine nördlich der Griesstraße.

Das Team der ersten Stunde präsentiert den Bürgerbus am 27. Mai 2011 auf dem Pfullinger Marktplatz und erhält von Bürgermeister
Das Team der ersten Stunde präsentierte den Bürgerbus am 27. Mai 2011 auf dem Pfullinger Marktplatz und erhielt vom damaligen Bürgermeister Rudolf Heß den symbolischen »Fahrzeugschlüssel«. Foto: Privat
Das Team der ersten Stunde präsentierte den Bürgerbus am 27. Mai 2011 auf dem Pfullinger Marktplatz und erhielt vom damaligen Bürgermeister Rudolf Heß den symbolischen »Fahrzeugschlüssel«.
Foto: Privat

Die Betriebsjahre bis 2015 zeigten, dass diese Aufteilung eine Unwucht hatte: Auf der Oststadtroute (B-Schleife), der längsten mit den meisten Haltestellen, ballte sich das Fahrgastaufkommen, während die kurze C-Schleife (Nordwest) schwach besetzt war. Wie kann man Ausgleich schaffen, wenn die Zeit für zwei volle Schleifen auf der Ostseite nicht reicht, weil die mehrmalige Querung der Ampeln zwischen Schul- und Badstraße zu viel Zeit frisst?

Ein »unechtes Vierer-Kleeblatt« war die rettende Idee: Der Kühnenbach (Südost) wird an die Rückfahrt der Nordwest-Schleife angehängt; die Route hat zwar weiterhin nur drei Schleifen, sieht aber wie ein schief geratenes Viererkleeblatt aus. Der Bus wechselt viermal pro Stunde die Talseite, ohne an den Ampeln mehr Zeit zu verlieren als vorher.

Friedhof gut erreichbar

Aber würden die Kühnenbach-Fahrgäste akzeptieren, dass sie ab jetzt am Laiblinsplatz auf die C-Schleife Nordwest, also in die »falsche Richtung«, einsteigen müssen? Die Reaktion auf den Fahrplanwechsel im Dezember 2015 war überwältigend. Die Kühnenbach-Anwohner erkannten sofort, dass sie den Bus nun viel flexibler nutzen können: Der Lindenplatz bietet jetzt eine zusätzliche, besonders schnelle Rückfahrt nach Hause.

Für alle Fahrgäste hat sich die Verbindung von einer Talseite auf die andere verbessert; wer im Kreuzungsbereich der Routen wohnt, hat die Wahl zwischen zwei verschiedenen Verbindungen pro Stunde, und der Friedhof ist aus allen Richtungen direkt erreichbar – für Fahrgäste, die ihre Gräber pflegen, eine willkommene Erleichterung. Und so schossen die Fahrgastzahlen nach diesem Wechsel in die Höhe. Ein schöner Erfolg und eine Erleichterung für das Bürgerbus-Team nach langem Kopfzerbrechen. (pm)

ZEHN JAHRE BÜRGERBUS

Der Pfullinger Bürgerbus fährt seit zehn Jahren seine Touren durch die Stadt und bringt die Bewohner aus der Ost- und der Weststadt komfortabel in die Innenstadt. Ermöglicht wird das Angebot dank des Einsatzes vieler Ehrenamtlicher. Im GEA erscheint aus Anlass des »Geburtstags« am 30. Mai eine Artikel-Reihe. (GEA)