Logo
Aktuell Vorstellung

Film über Pfullinger Sagenwelt begeistert erneut – Neuauflage des Buchs geplant

1987 veröffentlichte Martin Fink sein Buch über die Pfullinger Sagen, das schon lang vergriffen ist. Doch das Interesse an den Sagen ist groß. Eine neue Auflage gibt es eventuell im nächsten Jahr.

Die Urschel, zentrale Figur der Pfullinger Sagenwelt, wurde als Holzfigur von Billy Tröge in einen Baumstumpf geschnitzt.
Die Urschel, zentrale Figur der Pfullinger Sagenwelt, wurde als Holzfigur von Billy Tröge in einen Baumstumpf geschnitzt. Foto: Gabriele Böhm
Die Urschel, zentrale Figur der Pfullinger Sagenwelt, wurde als Holzfigur von Billy Tröge in einen Baumstumpf geschnitzt.
Foto: Gabriele Böhm

PFULLINGEN. Auf großes Interesse stieß vor Kurzem in der Volkshochschule die Vorführung des Films »Der Holzspalter«. Das Publikum füllte zwei Räume. Esther-Annie Dietz hatte den Film mit 20 Kindern als Schauspielerinnen und Schauspieler gedreht. Grundlage war das Büchlein »Pfullinger Sagen«, das Martin Fink 1987 herausgegeben hatte und das trotz einer dritten Auflage seit Jahren vergriffen ist. Kein Wunder, denn die Geschichten sind spannend und lesen sich äußerst unterhaltsam. Hinzu kommen die teils lustigen, teils dramatischen Zeichnungen von Ina Brandmaier. Darf man auf eine vierte Auflage hoffen?

»Mittelfristig ist das tatsächlich geplant«, sagt Martin Fink, Stadtrat, Kreisrat und stellvertretender Bürgermeister. Doch mit einem reinen Neudruck sei nicht getan. Denn das Buch solle mit ein bis zwei Sagen erweitert werden und benötige eine Überarbeitung. »Inzwischen hat sich die Rechtschreibung geändert. Und manche Wegbeschreibung, die zu den Plätzen der Sagenhandlungen leitet, hat sich überholt.« So gehöre der Schluchtenweg, der in der Geschichte über das Klappersteigle auf die Alb führt, inzwischen zur Kernzone des Biosphärengebiets und dürfe nicht mehr begangen werden.

Martin Fink hat in seinem Buch die Pfullinger Sagen zusammengetragen. Frühestens 2026 soll es neu aufgelegt werden.
Martin Fink hat in seinem Buch die Pfullinger Sagen zusammengetragen. Frühestens 2026 soll es neu aufgelegt werden. Foto: Gabriele Böhm
Martin Fink hat in seinem Buch die Pfullinger Sagen zusammengetragen. Frühestens 2026 soll es neu aufgelegt werden.
Foto: Gabriele Böhm

23 Pfullinger Sagen und eine Erläuterung der Sagengestalten auf dem Marktbrunnen umfasst das 51 Seiten starke Werk. Bunt ist die Sagenwelt und voller Spukgestalten und Skurrilem. Eine haarsträubende Geschichte erklärt den Spitznamen der Pfullinger, Füllesdriller. Eines Tages, so beschreibt Fink, soll ein Fohlen, ausgerechnet eines aus dem verfeindeten Reutlingen, sich mit Pfullinger Obst den Magen vollgeschlagen haben. Der aufgebrachte Bauer sorgte dafür, dass es unweit der Rathäuser in die Drille, ein zylindrisches Drehhäuschen zur Bestrafung von Felddieben, gesperrt wurde. Dort wurde es so lange gedreht, bis es das geklaute Obst wieder von sich gab.

Im Übersberg sind gar drei Schlösser versunken. Wanderer sollen sie unter der Erde durch einen dumpfen, hohlen Klang ihrer Wanderstiefel bemerken können und manchmal erscheinen sie auch leibhaftig. Die Schlösser hängen unmittelbar zusammen mit der Pfullinger Urschel, der wichtigsten Sagengestalt der Stadt. Sie lebt im Berg mit ihren Nachtfräulein und zeigt sich Bürgern gegenüber hilfreich. Bezahlt wird sie beim Remmselesstein mit einem Remmsele, einem Knopf mit fünf Löchern.

Flach auf den Weg legen

Gruselig sind dagegen der Haule, ein Schimmelreiter ohne Kopf im Selchental, und das Mottles Heer in der Heergasse. Alte Pfullinger raten, sich bei seinem Erscheinen flach und mit dem Gesicht nach unten auf den Weg zu legen.

1984 begann Martin Fink, ein renommierter Kenner der Ortsgeschichte, mit den Führungen zu den Schauplätzen der Sagen im Ort. Das Buch ging daraus hervor und später wiederum der Pfullinger Sagenweg, für den Holzbildhauer Billy Tröge die Figuren schnitzte, sowie nun die Filme von Esther-Annie Dietz. »Ich hätte nie gedacht, dass das Buch solche tollen Projekte nach sich ziehen würden«, freut sich Fink.

Pfullinger der Jahrgänge 1880/90 befragt

Er kannte die Sagen aus Erzählungen und nahm auch das Heimatbuch von Wilhelm Kinkelin (1937), das Buch »Pfullingen und seine Erlebnisse in 1500 Jahren« von Gottfried Maier (1930) sowie die »Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben«, die Ernst Maier 1852 notierte, zur Hilfe. Für sein Buch habe er seinen Großvater und viele Pfullinger der Jahrgänge 1880/90 befragt. »Früher saß man abends zusammen und erzählte sich in einer Zeit ohne Fernseher, Radio, Plattenspieler oder Internet gerne Sagen als Mischung aus frei erfundenen Märchen und realem Hintergrund«, so Fink. Lange Zeit sei nichts davon aufgeschrieben worden. »Daher wurden die Sagen immer ein wenig anders erzählt und ausgeschmückt.« Doch der Kern sei gleich geblieben. »Mir war wichtig, dass diese Kulturgüter nicht verloren gehen.« Sie berichteten von der Lebens- und Vorstellungswelt der Ahnen und waren Allgemeingut.

Sagen wichtig für die Identität eines Ortes

Die Sagen stammten vielfach bereits aus dem 16./17. Jahrhundert, doch in der Zeit der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts sei das Bedürfnis entstanden, die Erzählungen zu sammeln und aufzuschreiben. Sagen, die alle kannten, seien auch wichtig für die Identität eines Ortes.

Sagen wie jene des kopflosen Haule gingen möglicherweise auf die viele Überfälle zurück, die Kaufleuten zwischen Pfullingen und Gönningen widerfuhren. Unheimliche Schimmelreiter, so Fink, gebe es in vielen Gegenden, die Sage sei auf den jeweiligen Ort angepasst worden. Ebenso wie das Mottles Heer, das in ähnlicher Form auch in Rottenburg sein Unwesen treibe. In der Urschel drücke sich der Wunsch aus, von einem mächtigen Wesen unterstützt und beschützt zu werden.

Fink rechnet damit, dass die neue, erweiterte Auflage des Sagenbuchs frühestens 2026 erscheint. Die Veröffentlichung müsse neben seinen beruflichen und ehrenamtlichen Pflichten geschehen. Wer nicht so lange warten möchte, kann sich das Heft möglicherweise in der Stadtbücherei ausleihen. (GEA)