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Was Comedy ausmacht: Pegah Meggendorfer vor ihrem Reutlinger Auftritt

Stand-up-Comedy hat es aus der Nische rausgeschafft. Doch was zeichnet gute Comedy aus? Die Münchner Kabarettistin Pegah Meggendorfer gibt vor ihrem Reutlinger Auftritt Auskunft.

Pegah Meggendorfer ist fester Bestandteil der Münchner Stand-up-Comedy-Szene.
Pegah Meggendorfer ist fester Bestandteil der Münchner Stand-up-Comedy-Szene. Foto: Kumaran Herold
Pegah Meggendorfer ist fester Bestandteil der Münchner Stand-up-Comedy-Szene.
Foto: Kumaran Herold

REUTLINGEN/MÜNCHEN. Bevor sie am 26. November beim Comedyflash in der Barfüßer Hausbräuerei Reutlingen auf der Bühne steht, spricht Pegah Meggendorfer über klugen Humor zwischen Alltagschaos, Identität und Selbstironie – und darüber, warum Nachdenken und Lachen zusammenpassen. Am 27. Dezember ist die 31-Jährige zudem bei Murat Kutlus Schwäbischer Comedy-Nacht in Nürtingen zu sehen.

GEA: Wenn Sie Ihre Comedy in einem Satz beschreiben müssten – wie würde der lauten?

Pegah Meggendorfer: Ich lache nicht über andere, sondern über das Chaos des Lebens.

Die deutsche Comedy erlebt gerade eine kleine Revolution. Wenn sie ein Tier wären – welches?

Meggendorfer: Jeder Comedian ist anders, stilistisch und in der Herangehensweise. Ich selbst bin eher ruhig auf der Bühne, deswegen würde ich ein ruhiges Tier wählen – vielleicht eine Schildkröte. Ein Faultier wäre nicht passend, das wirkt faul, und das bin ich nicht.

»Ich dachte sofort: Ich fange genau in der richtigen Zeit an«

Stand-up war lange eher Nischenkultur in Deutschland. Wann hatten Sie das Gefühl: Jetzt passiert hier wirklich was?

Meggendorfer: Ich habe 2019 angefangen und dachte sofort: Ich fange genau in der richtigen Zeit an. Es gab immer mehr Open Mics, Comedians, Publikum. Nach Corona, 2022/2023, nahm es dann wieder richtig Fahrt auf. Formate wie »Falsch aber lustig« und neue Comedy Clubs haben das Ganze professioneller gemacht.

Warum boomt Comedy in Deutschland ausgerechnet jetzt?

Meggendorfer: Humor gibt in einer überfordernden Welt Raum zum Durchatmen. Außerdem kommt die Welle aus den USA, und die Leute wollen nach Corona wieder raus und etwas erleben.

»Humor kann charmant auf Problematiken hinweisen«

Humor als Spiegel der Gesellschaft – was zeigt er gerade?

Meggendorfer: Humor kann charmant auf Problematiken hinweisen. Man merkt aber, dass manche Themen je nach politischer Lage besser oder weniger gut funktionieren. Es ist wichtig, die Grenzen des Sagbaren zu öffnen, ohne Menschen unnötig zu verletzen.

Open Mics – neue Spielwiesen oder Therapiegruppen?

Meggendorfer: Manche Newcomer nutzen die Bühne zur Verarbeitung eigener Erlebnisse, aber das ist nicht immer die beste Idee. Comedy ist vor allem Kunst, nicht Therapie. Abstand und Zeit sind wichtig, damit auch schwere Themen wie zum Beispiel Krankheit auf der Bühne funktionieren.

»Es ist wichtig, einen Raum zu haben, in dem man sich ausprobieren kann«

Wie verändern neue Bühnen Ihr Schreiben und Auftreten?

Meggendorfer: Bei Open Mics teste ich neue Gedanken, gehe analytischer an schlechte Zeiten heran und werde experimentierfreudiger. Es ist wichtig, einen Raum zu haben, in dem man sich ausprobieren kann, ohne Angst vor falschen Reaktionen zu haben.

Was macht eine gute Show aus?

Meggendorfer: Ein Raum, in dem das Publikum bereit ist, den Alltag zu vergessen und offen zuzuhören. Das erlaubt Comedians, zu experimentieren und sich zu entfalten. Besonders für Newcomer sind kleinere Räume ideal, weil die Stimmung enger und das Publikum sichtbarer ist.

»Meine Witze entspringen meiner Lebensrealität als Frau mit Migrationsgeschichte«

Wo ist die Balance zwischen politischem Anspruch und Spaß am Blödsinn?

Meggendorfer: Meine Witze müssen nicht immer politisch sein. Sie entspringen meiner Lebensrealität – als Frau mit Migrationsgeschichte. Aber zwischendurch rede ich auch einfach über Goldfische.

Trends in der neuen Szene – was begeistert, was nervt?

Meggendorfer: Ich mag die Individualität der Szene. Nervig sind Leute, die auf »edgy Comedy« bestehen, nur um provozierend zu sein, ohne echten Witz oder Substanz.

»Comedy lebt davon, dass man sich verletzlich zeigt«

Gibt es Themen, die Sie lieber anderen überlassen?

Meggendorfer: Ja, wenn ich keine persönliche Verbindung zu einem Thema habe, fehlt die Authentizität. Comedy lebt davon, dass man sich verletzlich zeigt.

Spielt Ihre Herkunft noch eine Rolle auf der Bühne?

Meggendorfer: Ja, sehr. Für Deutsche bin ich oft die Iranerin, für Iraner die Deutsche. Mit diesen Konflikten lebe ich und bringe sie in meine Comedy ein.

»Theater und Schauspiel haben mich auf die Bühne vorbereitet«

Hat Ihr Studium geholfen – beim Schreiben von Gags oder beim Leben?

Meggendorfer: Ich habe Medienwirtschaft und Journalismus studiert. Storytelling und das Strukturieren von Geschichten helfen mir sehr beim Schreiben von Comedy.

Welche Rolle spielt Ihre frühere künstlerische Vielfalt?

Meggendorfer: Theater und Schauspiel haben mich auf die Bühne vorbereitet. Sie geben mir Sicherheit und Performance-Erfahrung, die ich für Stand-up brauche.

»Oft bin ich die einzige Frau im Line-up und bekomme dadurch eine repräsentative Rolle«

Fühlen Sie sich eher als Musikerin, Schauspielerin oder Comedian?

Meggendorfer: Am Ende sehen die Menschen einfach mich – ich bin Comedian.

Erleben Sie als Frau auf der Bühne besondere Erwartungen oder Hürden?

Meggendorfer: Ja, oft bin ich die einzige Frau im Line-up und bekomme dadurch eine repräsentative Rolle. Wenn ich nicht abliefere, fällt das sofort auf. Mehr Frauen im Line-up sind wichtig.

»Ich greife niemanden an, der unten ist. Nach oben treten tue ich gern«

Wie viel Wahrheit steckt in Ihrer Comedy, wie viel Übertreibung?

Meggendorfer: Mal erzähle ich die Geschichte ziemlich wahr, mal ist sie im Kern wahr und vieles wird dazugedichtet.

Wo ziehen Sie die Grenze zwischen Haltung und Selbstzensur bei Ihren Auftritten?

Meggendorfer: Ich greife niemanden an, der unten ist. Nach oben treten tue ich gern, nach unten nicht. Ich zensiere mich nur so weit, dass niemand verletzt wird, den ich nicht treffen will.

Auftrittsinfo

Pegah Meggendorfer ist Teil des Comedyflashs am 26. November um 20 Uhr in der Barfüßer Hausbräuerei in Reutlingen. Zu erleben ist sie außerdem in Murat Kutlus Comedy-Nacht am 27. Dezember um 19 Uhr im Schlachthofbräu in Nürtingen. (GEA)

Was hat sich am meisten verändert seit Ihrem ersten Programm »Kabarett mit Sneakers«?

Meggendorfer: Stand-up wird als Kunstform ernst genommen, auch im Mainstream. Man merkt nicht, wie viel Arbeit hinter einem Bit steckt.

Die unlustigste Situation, die Sie je verarbeitet haben?

Meggendorfer: Zum Beispiel ein Leukämie-Verdacht. Ich habe die Schwere erst verarbeiten müssen, bevor ich das auf die Bühne gebracht habe. Comedy braucht Abstand und Zeit. (GEA)