REUTLINGEN. Das Nachwuchsorchester Reutlingen (NWO) lud alle Musik- und Schokoladenliebhaber zum diesjährigen Herbstkonzert in die Stadthalle Reutlingen ein. Das gewählte Motto »Sound of Chocolate« sorgte für Begeisterung in den ersten kalten Tagen. Die Leitung hatte Maria Eiche, die das NWO schon seit zehn Jahren dirigiert. Den Auftakt machten die jungen Musiker, indem sie mit Leslie Bricusses und Anthony Newleys Filmmusik zu »Willy Wonka and the Chocolate Factory« in die fantastische Welt der Süßigkeiten entführten. Das Arrangement stammt von Robert Langfield und ist für Streichorchester, Klavier und Schlagzeug gesetzt. Roald Dahls Geschichte um den armen Jungen Charlie, der die Schokoladenfabrik des exzentrischen Willy Wonka besucht, wurde so lebendig. Melodien, die aus dem Film von 1971 stammen und immer noch großes Potenzial zum Ohrwurm haben. Die jungen Musiker brachten die verspielten Melodien mit beeindruckender Präzision und großer Spielfreude zum Klingen.
Passend zum Motto folgte anschließend eine echte musikalische »Mozartkugel«: Mozarts Klavierkonzert Nr. 19 in F-Dur, KV 459. Am Klavier glänzte das Nachwuchstalent Felix Treutlein. Zuerst setzt das Orchester ein, dann das Klavier und wiederholt das Thema markant und einprägsam. Treutlein spielte voller Energie, und obwohl es ein Klavierkonzert ist, überließ er häufig dem Orchester den klanglichen Vortritt und spielte mit diesem auf einer Stufe, sodass das Zusammenspiel wie ein freundlicher Dialog wirkte. Der mehrfache »Jugend musiziert«-Preisträger beeindruckte mit Präzision und Spielfreude. Er bekam langen Applaus. Nach dem Klavierkonzert spielte er Claude Debussys »Pour les degrés chromatiques, no. 7« - ein reizvoller Kontrast zu dem vorherigen Werk.
Sensibel ausbalanciert
Im langsamen zweiten Satz gelang es Treutlein gemeinsam mit dem Orchester, eine geradezu kammermusikalische Atmosphäre zu schaffen. Die feinen Dialoge zwischen Klavier, Streichern und Bläsern wirkten sensibel ausbalanciert und zeugten von hoher musikalischer Aufmerksamkeit. Im lebhaften Finale schließlich spielte der Solist wendig und tänzerisch die Solopartie, während das Orchester ihn mit präzisen Einsätzen und strahlender Energie begleitete. Das Zusammenspiel zeigte, wie aufmerksam die jungen Musiker aufeinander reagieren und welche künstlerische Reife sie bereits besitzen.
Nach der Pause entfaltete das Orchester mit Johan Halvorsens »Suite Ancienne« eine ganz andere Klangwelt. Die fünfsätzige Suite, die barocke Tanzformen und spätromantische Klänge vereint, wurde vom Orchester mit eleganter Stilsicherheit präsentiert. Während der erste Satz Intrada noch an die Klassik erinnert, ist der zweite Satz sehr konträr. Bei der Air con variazioni schienen verschiedenste Klänge miteinander zu verschmelzen - von quirligen Holzbläser-Läufen über Jagdmelodien in den Hörnern und sanfte Melodien in den Streichern ergab sich wunderschöner Mix an Klängen. Die zarten Melodien der heiteren Sätze wie der Bourrée erklangen weich und warm durch die Holzbläser, die hier ihre klangliche Schokoladenseite zeigen konnten. Manche Feinheit blieb etwas rau, doch die sichtbare Spielfreude glich dies mehr als aus. Besonders die lebhaft gesetzten Akzente und die klare Phrasierung machten deutlich, wie sehr die jungen Künstler bei der Darbietung dieser fröhlich-festlichen Bourrée aufblühen.
Forrest Gumps Feder und Pralinen
Den Abschluss bildete die »Forrest Gump Suite« von Alan Silvestri. Die bekannten Filmmusikthemen präsentierte das Orchester mit emotionaler Breite und großer Klangfülle. Mit leichten Klängen wie eine Feder, die in der Anfangssequenz des Filmes heruntergleitet, begannen die Streicher, dann setzten die Querflöten ein und überzeugten durch feine Melodielinien. »Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen - man weiß nie, was man kriegt«, ist eines der berühmtesten Zitate aus dem Film, doch wenn man das Nachwuchsorchester hört, weiß man, dass man junge Musiker auf einem hohen Niveau erlebt. Das Publikum applaudierte lange, bis das Orchester das erste Stück als Zugabe spielte. (GEA)

