REUTLINGEN. »Wollt ihr mit uns gemeinsam singen, hüpfen und springen?« Das wollten die Madsen-Fans am Samstagabend beim Hafensounds-Festival unbedingt und brachten den Reutlinger Echaz-Hafen zum Beben. Die Kult-Band aus Niedersachsen, zum ersten Mal in der Stadt, rockte das Open-Air-Gelände und stellte nach 20 Jahren Bühnenerfahrung unter Beweis, dass sie weiß, wie man ein Publikum begeistert. Ein Konzert vom Allerfeinsten.
Mit der Sommer-Open-Air-Tour »Heute Nacht!« zelebrieren Madsen 20 Jahre Album-Debüt. 2005 legten sie mit ihrer ersten Platte »Madsen« den Grundstein für eine solide Indie-Rock- und Pop-Punk-Karriere. Inzwischen sind zwei Jahrzehnte verflogen. Die Rocker sind älter geworden, die Fans auch. Doch so fühlte es sich am Samstagabend nicht an. Im Gegenteil. Von ihrer Power haben sie in den letzten 20 Jahren nichts verloren. Und auch von ihrer Jugendlichkeit nicht – im besten Sinne. Jeder Madsen-Ton sitzt, jede Zeile trifft, und vor allem haben die drei Madsen-Brüder Johannes, Sebastian und Sascha mit Keyboarderin Lisa Who und Bassist Niko Maurer immer noch einen Heidenspaß auf der Bühne. Es sind die Freude am Musikmachen und die Verbundenheit in der Sache, die man bei Madsen spürt und die sich wie das Ballern des Basses aufs Publikum überträgt.
Brandaktueller Song von 2018
Aussprechen, was gesagt werden muss – Madsens Aufstand ist akuter und nötiger denn je. »Von allein kommt keine Rebellion. Schweigen bringt keine Revolution«, singen sie in »Macht euch laut«. Der Song erschien 2018, klingt aber brandaktuell. »Von allein hören keine Kriege auf. Nichts passiert, wenn man nur daran glaubt.«
Madsens Texte, das sind keine Teenage-Punk-Allüren, keine Hippie-Hoffnung auf ein bisschen Frieden, sondern der brennende Verriss der Gesellschaft und der Machtstrukturen, der den Nagel auf den Kopf trifft. Kritik an der Kriegspolitik – und an der Protestfaulheit. »Schon superwichtig, dass es sowas gibt«, singen sie in »Protest ist cool aber anstrengend«. Sie nennen die wirklichen Probleme beim Namen und exponieren Politiker, Influencer und jeden ganz persönlich, der seine Prinzipien nur dann vertritt, wenn es gerade nicht zu unbequem ist. Dagegen zu sein, das reicht nicht mehr.
Hits zum Mitsingen
»20 Jahre Madsen«, sprach Sänger Sebastian es andächtig nochmal laut aus. »Wir haben uns gefragt, ob es hier ein paar Old-School-Madsen-Fans gibt.« Die zeigten sich laut erkenntlich und mit breitem Lächeln im Gesicht. »Dieses Lied ist für euch«, so Madsen. »Ihr seid die Perfektion!« Madsen waren ganz nah am Publikum, den alten Fans, den neuen Fans, inzwischen schon den Kindern der alten Fan-Generation. Alle hüpften, sprangen, sangen, feierten einfach gemeinsam ab. Im Repertoire: die größten Hits zum Mitsingen, Manifeste gegen den Faschismus, Hymnen für »hurt people«.
Ein breites, diverses, friedliches und am Ende bestens unterhaltenes Publikum. Knapp 1.000 Gäste sind aus ganz Deutschland angereist. Auffällig: die allgemeine Textsicherheit. Madsens eingängige Texte berühren, verbinden, treffen jeden Nerv und kommen dabei auch mit unreinen Reimen aus, die wirklich niemanden stören. Auch wenn Madsen Musik für die Masse machen, haben sie sich bis heute nicht angepasst. Und das ist auch gut so.
Gegen rechte Hetze
Gegen Faschismus, Rechtsradikalismus, Queerfeindlichkeit, gegen rechte Hetze, gegen die AfD. Madsen betonten, wie wichtig es ist, laut zu bleiben. Gerade im Angesicht der weltpolitischen Lage sollte man sich aber auch an die schönen Momente klammern, die den Optimismus und die Gemeinschaft am Leben halten. »Deswegen ist es gut, dass es Abende wie diesen gibt. Man fühlt etwas Gutes, als Kollektiv«, so Madsen. »Vielleicht hat man das Gefühl, dass man eine Stimme hat und dass man was bewirken kann.«
Mit transparenten Outfits und einer Gummipuppe als Bühnenbild – oder Bandmitglied, Status unbekannt – zog zuvor die Support-Gruppe des Abends alle Blicke auf sich. Interessant fürs Auge, weniger fürs Ohr. Die Stuttgarter Band Sex im Dunkeln gab ihr Bestes, um dem Publikum einzuheizen: »Wir sind hier, um euch warmzumachen.« Die etwas schief vertonten Gedanken aus der Notizen-App der Lead-Sängerin Leona Efuna waren akustisch kaum zu verstehen. Eine unfertige Gruppe mit unfertigen Songs. Am Ende musste ein Blumenstrauß dran glauben, der auf einer Trommel zerschlagen wurde. So oder so: Die Vorfreude auf Headliner Madsen stieg aufs Maximum.
Das Festival geht weiter
Das Hafensounds-Festival geht am kommenden Wochenende weiter. Am 1. August steht Mine auf der Bühne, am 2. August Grossstadtgeflüster und am 3. August die Mighty Oaks. Tickets gibt es auch im Bundle. (GEA)

