Logo
Aktuell Kirchenmusik

Große Form: Gerhard-Kaufmann-Messe in Tübingen uraufgeführt

Kaum ein kultisch gebundener Text ist so häufig vertont worden wie das lateinische Messordinarium. Der neueste Beitrag zu dieser Gattung stammt vom früheren Kantor der Tübinger Stiftskirche. Wie ihm die neue Messe »Et homo factus est« gelungen ist.

Der engagierte Philharmonia Chor Reutlingen bei der Uraufführung von Gerhard Kaufmanns neuer Messe in der Tübinger Stiftskirche
Der engagierte Philharmonia Chor Reutlingen bei der Uraufführung von Gerhard Kaufmanns neuer Messe in der Tübinger Stiftskirche Foto: Riedlbauer
Der engagierte Philharmonia Chor Reutlingen bei der Uraufführung von Gerhard Kaufmanns neuer Messe in der Tübinger Stiftskirche
Foto: Riedlbauer

TÜBINGEN. Schon der Umfang der neuen Messe »Et homo factus est« von Gerhard Kaufmann hebt sie vom Gros neuerer Messvertonungen ab, reiht sie sich doch mit ihren eineinhalb Stunden Dauer unter solch gewichtige Werke ein wie Beethovens »Missa solemnis« oder Bruckners chorsymphonische Messen. Bei der Uraufführung am Wochenende in Köngen und anderntags der Tübinger Stiftskirche wurde deutlich: Kaufmann arbeitet auf dem Fundament der musikalischen Rhetorik und beherrscht souverän die Kunst des Tonsatzes. Doch von Kaufmann, der durch sein Studium beim einstigen Rektor der Stuttgarter Musikhochschule Rudolf Hempel zugleich Enkelschüler von Boris Blacher und Ernst Pepping ist, war entsprechende Qualität zu erwarten.

Wovon schon der Orgel-Beginn des »Kyrie eleison« zeugt: Die Spielvorschrift, »Verstörtheit« auszudrücken, unterstreicht die Dringlichkeit der Bitte um Erbarmen. Der erste Choreinsatz mit dem »Kyrie«-Ruf knüpft mit seiner Strengen Punktierung an den »Kyrie«-Topos an, wie er seit der Spätrenaissance überliefert ist. Im abschließenden »Agnus Dei« knüpft Kaufmann an diesen Kyrie-Ruf leitmotivisch an – ebenfalls aus der textlich zugrunde liegenden Erbarmens-Bitte abgeleitet. Ergreifend die Wirkung, wie er den lateinischen Text mit dem deutschen Choral »Christe, du Lamm Gottes« kontrapunktiert, bis die Bitte um Frieden im Stammeln des erlösungsbedürftigen Menschen endet.

Freiheiten gegenüber liturgischem Text

Auch im Credo nimmt sich Kaufmann die Freiheit, über den liturgischen Text hinausgehend Choräle wie Archetypen einzuflechten. »Gelobet seist du, Jesus Christ« nach dem »descendit de coelis«. Oder »Das hat er alles uns getan, sein groß Lieb zu zeigen an« nach dem »Crucifixus« in der »schwarzen« Todestonart es-Moll. Überhaupt bleibt Kaufmann bei der Behandlung der Harmonik im tonalen Rahmen der Grundtonart Es-Dur, die bereits durch die Bitte des Auftraggebers definiert war. Denn der Gründer und Leiter des Philharmonia Chors, Martin Künstner, wünschte sich von Kaufmann eine Messe für Chor, vier Parforcehörner in Es und Orgel. Jene Hörner, die primär bei Treibjagden zum Einsatz kommen, sind Naturton-Instrumente. So lagen Tonart und Obertonskala fest.

Was Künstners stark geforderter Philharmonia Chor Reutlingen geleistet hat, verdient hohe Bewunderung. Wie er etwa nach schon einer Stunde Spielzeit, nach komplizierten polyphonen Verästelungen und Taktwechseln im »Gloria« und »Credo«, einen verhaltenen, doch gehaltvollen »Sanctus«-Beginn im Pianissimo platzierte. Dem ein strahlend-höhensicheres »Hosanna« folgte. Und noch genügend Reserve fürs »Agnus Dei« da war. Wobei sich der mitsingende Komponist in besonderer Weise bei der Vorbereitung engagiert hatte. So hatte er jedem im Chor die von ihm persönlich eingesungene jeweilige Stimme zur Verfügung gestellt. Er und Künstner hatten zudem den klugen Gedanken, Teile nicht chorisch, sondern solistisch singen zu lassen, was zu interessanten Wirkungen führte.

Überzeugende Solisten

Als Solisten überzeugten die Sopranistin Nina Grossmann mit höhensicherer Stimme und ebenmäßiger Phrasierung sowie Altistin Mirjam Kapelari mit außergewöhnlichem, satten Tiefenregister. Ansgar Eimann, der durch seine Beteiligung an Stockhausen-Aufführungen über große Erfahrungen im Bereich der Neuen Musik verfügt, wartete mit profundem Bass auf. Besondere Würdigung verdient der kurzfristig eingesprungene Tenor Jakob Frisch mit mächtiger Stimmkraft, Gestaltungstiefe und makellosen Koloraturen. Die Instrumentalparts verantwortete neben dem markanten Hörnerquartett Organist Frank Oidtmann, der souverän Chor und Solisten begleitete, wie er anspruchsvolle Vor- und Zwischenspiele ausführte. (GEA)