PFULLINGEN. 50 Jahre ist es nun her, dass das Martinskollegium Pfullingen von Professor Erich Reustlen gegründet worden ist. In diesen 50 Jahren entwickelte es eine außerordentliche Qualität, die bei Amateurorchestern nicht selbstverständlich ist. Die seither stetig gewachsene künstlerische Kompetenz ist zum einen der gezielten punktuellen Unterstützung durch Profi-Musiker zu verdanken.
Zum anderen ist sie auf die Arbeit mit ausgezeichneten Gastdirigenten zurückzuführen, die ihrerseits in professionellen Kontexten unterwegs sind. Wie seit 2007 auch Stefan Bornscheuer, der als Mitglied der Ersten Violingruppe im SWR-Symphonieorchester reiche Erfahrungen mit großen Pult-Persönlichkeiten hat. Und desgleichen als Dozent an der Musikhochschule Trossingen weiß, wie mit dem qualifizierten Nachwuchs umzugehen ist.
Aufgeraute schottische See
Und so war die feinnervige Klangregie, die Bornscheuer im Jubiläumskonzert gleich zu Beginn in der »Hebriden«-Ouvertüre von Felix Mendelssohn Bartholdy führte, Anlass zu purer Freude. Weil der latent elegische Charakter perfekt getroffen worden ist. Genauso apart den fließenden Wellenmotiven nachgespürt wurde. Getragen insbesondere von einem hochdisziplinierten Streicherkörper.
Konzertmeisterin Paulina Gaube hatte hier wie auch in den nachfolgenden Werken tolle Führungsarbeit geleistet. Und wenn Mendelssohn die aufgeraute schottische See mit dramatischen Bläser- und Paukenakzenten in Klang fasste, blieb das Martinskollegium bei allen dynamischen Steigerungsgraden kultiviert und aufmerksam aufeinander hörend. Hier traf Ambition auf Können.
Fordernde Tempi
Frische, auch fordernde Tempi und eine an der historisch informierten Aufführungspraxis orientierte Phrasierung und Artikulation leiteten Mozarts Klavierkonzert KV 271 ein. Das Orchester verband sich wunderbar mit dem glasklaren, reinen, perlenden Spiel von Sebastian Fuß, der in seiner Verbindung aus Diszipliniertheit und eindringlicher Ausdrucksgestaltung an den bedeutenden Mozart-Interpreten Paul Badura-Skoda erinnerte. Mit seinem sachlich-nüchternen, jedoch keinesfalls unterkühlten Interpretationsansatz machte er deutlich, wie Phrasen mitgeatmet und Motive nachgezeichnet werden können, die bei anderen Pianisten oft weggeschliffen werden.
Der junge, in Reutlingen geborene Solist, der schon als Korrepetitor an den Opern Leipzig und Kassel arbeitete und sich aktuell im Masterstudium für Liedgestaltung befindet, fächerte im Eingangs-Allegro die girlandenartige Verzierungen präzise auf und überzeugte mit seiner souveränen Kadenz. Sodann vermittelte er die tragischen Untertöne im langsamen Satz und führte im Finale überschäumende Brillanz vor, vom Orchester unter Bornscheuer temperamentvoll begleitet.
Romantischer Überschwang
Mit leidenschaftlich-romantischem Überschwang ging es dann in Schumanns dritte Symphonie. Das Martinskollegium Pfullingen hatte erkennbare Freude an großen Bögen, und Dirigent Bornscheuer zeigte seinen Sinn für Spannungsreichtum, Binnendynamik und lebendige Präzision. Liedhaft und leicht, mit klug platzierten Rubati, gelang das Scherzo mit seinen kniffligen Streicherpassagen; der dritte Satz gewann durch das gut dosierte Vibrato in den ersten Geigen. Sehr schön auch, wie der feierliche Ausdruck des vierten und die Heiterkeit des fünften Satzes getroffen worden sind.
Zwar blieb nicht ganz verborgen, dass einige Spielerinnen und Spieler insbesondere nach Mendelssohn und Mozart mit diesem symphonischen Hauptwerk stark gefordert waren, doch als Gesamtleistung verdient diese differenzierte Gestaltung mit ihrem hohen Maß an Detailarbeit großen Respekt. (GEA)

