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Gehasst, verdammt, vergöttert: Böhse Onkelz in der Schleyerhalle

An den Böhsen Onkelz schieden sich schon immer die Geister: Mal flirteten sie mit dem Punk, mal wurden sie von Skinheads verehrt. Den rebellischen Geist pflegen sie noch immer, wie das Konzert in der Schleyerhalle zeigte.

Matthias Röhr und Kevin Russell beim Auftritt mit den Böhsen Onkelz in der Schleyerhalle.
Matthias Röhr und Kevin Russell beim Auftritt mit den Böhsen Onkelz in der Schleyerhalle. Foto: Jürgen Meyer
Matthias Röhr und Kevin Russell beim Auftritt mit den Böhsen Onkelz in der Schleyerhalle.
Foto: Jürgen Meyer

STUTTGART. Seit nunmehr 40 Jahren haben die Onkelz die deutschsprachige Rockmusik beeinflusst. Kaum eine Band wurde so kontrovers diskutiert. In Stuttgart gaben die Frankfurter im Rahmen ihrer »Hier sind die Onkelz«-Tournee ein zweitägiges Gastspiel in der ausverkauften Schleyerhalle. Die Zuschauer wurden auf eine Reise in die Vergangenheit und zurück ins Hier und Jetzt mitgenommen. Stephan Weidner (Bass, Co-Gesang), der die Lieder und ihre Entstehung jeweils kurz umriss, meinte: »Ein Song beschreibt unsere Bandgeschichte sehr gut: 'Gehasst, verdammt, vergöttert'.«

Das passt: Anfang der 80er fanden sich Leadsänger Kevin Russell, Stephan Weidner, Matthias Röhr (Gitarre) und Schlagzeuger Peter Schorowsky zusammen, um ihren Emotionen und Sorgen musikalisch ein Ventil zu geben. Punk war damals nicht nur ein Musikstil, sondern eine Lebenseinstellung, Gewalt und Alkohol inklusive. Mit der fortschreitenden Kommerzialisierung des Genres wandten sich die Hessen dem Oi!- und Ska-Genre zu – die farbigen Haare wurden abgeschnitten. Oi!, damals in England sehr populär, war der neue Stil.

Rechtslastig oder nicht?

Auch die europäischen Skinheads feierten die Onkelz, welche rebellische Texte hatten und bewusst provozieren wollten – 1981 auch mit dem ausländerfeindlichen Song »Türken raus«. Nach späteren Übergriffen von Neonazis auf Asylbewerberunterkünfte distanzierte sich die Band wiederholt von den Vorwürfen, man stehe nahe an rechtsradikalen Inhalten. Dieses Thema kam in Bezug auf die Böhsen Onkelz aber immer wieder auf.

Die Fans halten treu zu den Onkelz.
Die Fans halten treu zu den Onkelz. Foto: Jürgen Meyer
Die Fans halten treu zu den Onkelz.
Foto: Jürgen Meyer

In der Folge produzierte das Quartett zahlreiche hymnische Stücke, die gut mitzusingen waren. Inhalte und Texte basierten oft auf eigenen Erfahrungen, Lebensweisheiten und mutmachenden Parolen. Es war eine bewegte Bandgeschichte mit Hochs und Tiefs, Trennung und Wiedervereinigung.

Drogenprobleme thematisiert

Politisch stehe man weder rechts noch links noch in der Mitte, meinte Weidner. Sänger Kevin Russell verarbeitete nicht nur seine persönlichen Emotionen, auch seine Alkohol- und Heroinabhängigkeit kam im getragenen, mit Akustikgitarren unterstützten Song »H« zum Vortrag. An die Fangemeinde hatte er eine Botschaft: »Die geilste Droge ist das Leben!«

Kevin Russell (von links), Stephan Weidner und Matthias Röhr beim Auftritt der Onkelz.
Kevin Russell (von links), Stephan Weidner und Matthias Röhr beim Auftritt der Onkelz. Foto: Jürgen Meyer
Kevin Russell (von links), Stephan Weidner und Matthias Röhr beim Auftritt der Onkelz.
Foto: Jürgen Meyer

Zahlreiche Chartplatzierungen in den Top Ten folgten. »Hier sind die Onkelz«, »Kneipenterroristen« und »Der nette Mann« fehlten dann auch in Stuttgart nicht. Das gutgelaunte Publikum erwies sich als sehr sangeskräftig und textsicher – die Fans der Onkelz identifizieren sich mit den Lyrics größtenteils und leben sie. Mit Inbrunst nahm die Masse teil – ob auf den Sitzplätzen, wo es fast niemand auf den Stühlen hielt, oder im Moshpit vor die Bühne. Auch der Lautstärkerekord fürs Mitsingen – bisher war München Spitzenreiter – wurde mit gut 109 Dezibel kassiert. Das Publikum war »onklifiziert«.

Treue Fans der Band

Frontmann Kevin Russel, der mit seiner exzessiven, ausschweifenden Lebensweise öfter für Schlagzeilen gesorgt hatte, freute sich ehrlich über den Applaus: »Ohne euch wären die Onkelz heute nicht das, was sie sind«, rief er der Menge zu. Die Band-Fan-Bindung besteht schon lange und funktioniert bestens – die Tournee 2025 war ruckzuck ausverkauft. Auch für kommendes Jahr sind alle Karten schon weg.

»Lasst euch nicht brechen!«, rief Weidner der Masse vor »Die Stunde des Siegers« zu. Und bei »Wer nichts wagt, kann nichts verlieren« war ebenfalls sein Appell, nicht alles zu befolgen, was einem vorgegeben wird. Die Onkelz sind nach wie vor rebellisch und nicht konfliktscheu, haben sich aber im Laufe der Jahre doch gemäßigt. Der Charme der Hits, von denen manche einfach Gassenhauer sind, hat mit dem rauen Gesang von Kevin Russell, dem mächtigen Bass Weidners, dem Schlagzeugfeuerwerk Schorowskys und den virtuosen Gitarrensoli Röhrs nichts eingebüßt. Statt Adventsliedern hallten auch noch nach dem Konzert vor der Halle Onkelz-Songs aus heiseren Kehlen. (GEA)