STUTTGART. Helmut Lachenmann, der 1997 für sein künstlerisches Schaffen mit dem Ernst-von-Siemens–Musikpreis ausgezeichnet wurde, ist mehr als ein Komponist und ausübender Künstler. Er ist, wie es bislang alle wahrhaft progressiven Kollegen von ihm gewesen sind, ein streitbarer künstlerischer Kopf, der die sinnliche Berührbarkeit durch Kunst mit einer scharfsinnigen intellektuellen Reflexion verbindet. Dabei zugleich deren gesellschafts- und kulturpolitische Relevanz im Blick hat. Überdies durchmisst er einen musikgeschichtlichen Raum, der sich von Philip de Vitrys »Ars nova« über Robert Schumann bis zu seinem einstigen Lehrer Luigi Nono erstreckt, um nuanciert das Grenzgebiet zwischen Geräusch und Ton zu vermessen. Ein Avantgardist, der schon zu Lebzeiten zum Klassiker der Moderne wurde.
Immer wieder macht Lachenmann in seinen Werken deutlich, wie wichtig die fragilen, auch fragenden, tastenden, suchenden, vielleicht auch verstörenden oder aufschreckenden Gestaltungsformen von künstlerischer Arbeit sind. Nicht zuletzt, um sich rückzubesinnen auf das Postulat der Gleichwertigkeit des Ethischen mit dem Ästhetischen, welches Horaz schon in der Antike gelehrt hatte.
Lachenmanns Klavierkonzert
Aus Anlass seines 90. Geburtstags hat nun das SWR Symphonieorchester sein knapp einstündiges Klavierkonzert »Ausklang« zur Aufführung gebracht, unter der ingeniösen Leitung seines Chefdirigenten François-Xavier Roth. Die Dimension dieses schon 1984/85 entstandenen Werks geht noch über die beiden Brahms-Klavierkonzerte hinaus, die Orchesterbesetzung erreicht Mahler-Stärke. Dies auch, um Klangballungen und eruptive Dynamik herzustellen, überwiegend aber, um gläserne, zerbrechliche Transparenz zu erreichen.
Lachenmann eröffnet seit den 1970er-Jahren mit Kompositionen wie »Schwankungen am Rand« neue Zugänge zum bewussten Hören und hat damit erheblichen Einfluss auch auf die jüngeren Künstlergenerationen ausgeübt. Auch im »Ausklang« lässt sich im vollen Wortsinne »unerhörte« Musik vernehmen, stehen doch Geräusche gleichberechtigt neben traditionell erzeugten Tönen.
Raffinierte Resonanzen
Wer Klavier spielt, kennt das: Jeder angeschlagene Ton verklingt nach einiger Zeit, ob man es möchte oder nicht. Diesem »Ausklingen« spürt Lachenmann differenzierend hinterher. Unternimmt den spannenden Versuch, mit raffinierten Resonanzbildungen »den Klavierklang am Verklingen zu hindern«, wie er selbst sagte. Mit mannigfachen Halte-, Pedal-, Oberton- und Echotechniken. Die sich auf ungewöhnliche Weise mit dem Orchester verbinden. Wenn etwa Streicher-Tupfer mit Klavier-Staccati vor einem raunenden, mit Luftgeräuschen angereicherten Klanghintergrund der Hörner und Posaunen miteinander verknüpft werden.
Das braucht einen nuancierenden Pianisten, der klangsinnlichen Tastenzauber genauso zelebriert, wie er die Saiten mit Klöppeln traktiert. Wie Jean-Frédéric Neuburger, der kurzfristig für die Aufführung dieses komplexen Werks eingesprungen ist. Und ein Orchester wie jenes vom SWR als minutiös reagierendem Klangkörper und in allen Instrumentalgruppen souverän auch die entlegensten Artikulationsarten beherrschend. Mit einem feinnervig-sensiblen Dirigenten, der die innere Geschlossenheit dieses Titanenwerks herstellt. Zu Beginn brachte er dem sichtlich bewegten Komponisten ein besonderes Geburtstagsständchen dar: Lachenmanns humorvoll-parodistischen, brillant instrumentierten »Marche fatale«. Und dirigierte nach der Pause fulminant Beethovens »Siebte« in bester Roger-Norrington-Ästhetik. (GEA)

