BERLIN/REUTLINGEN. Im Popgeschäft fußzufassen – davon träumen viele. Linda Stark ist es gelungen. Die in Reutlingen aufgewachsene Sängerin und Songwriterin lebt seit einigen Jahren in Berlin und verdient ihren Lebensunterhalt als Teil der Pop-Branche. Der Pop-Alltag ist dabei weniger glamourös als viele sich das vorstellen– und doch hochinteressant.
Linda Stark schreibt auch Lieder, die sie unter dem Künstlernamen »lieberlila« selbst performt und auf ihrem Label »PAPER PUG« veröffentlicht. Mal zärtlich, oft voll pulsierender Energie geht es dabei um Beziehungen, um Liebe, nicht selten die zwischen Frauen. Dieser Teil ihres Schaffens ist eher die Neigungsseite. Ihren Unterhalt bestreitet sie vor allem als Songwriterin für andere Künstler. Stark erklärt, wie das funktioniert: Wenn Interpreten neue Songs suchen, geben sie Songwriting-Sessions oder Songwriting-Camps in Auftrag. Dabei kommen jeweils mehrere Songwriter zusammen, bei Sessions weniger, bei Camps mehr. Sagt ein Song dem Interpreten zu, wird er veröffentlicht – nur dann gibt es Geld für die Songschreiber.
Nummer-1-Album in Japan
Linda Stark hatte Glück: ein gemeinsam mit einem Mannheimer Kollegen erarbeiteter Song für eine japanische Interpretin schaffte es auf ein Album – und dieses landete in Japan ganz vorne in den Charts. Ein Türöffner für die Songwriterin, die daraufhin Einladungen für weitere Songwriting-Sessions und -Camps bekam. Inzwischen hat sie Songs für diverse Interpreten geliefert, in ganz unterschiedlichen Genres. Der Bogen reicht von Dance-Pop bis hin zu Schlager und K-Pop. Man müsse flexibel sein in der Branche, auf die Bedürfnisse der Interpreten eingehen können, sagt sie. In einem Camp kürzlich habe sich für sie ausgerechnet die Zusammenarbeit mit einem Songschreiber von Mallorca-Schlagern als inspirierend erwiesen.
Besonders mag sie K-Pop, also koreanischen Pop. »Ich stehe auf Girl- und Boybands, die haben dort noch eine ganz andere Bedeutung als bei uns«, erzählt sie. »Außerdem gefällt mir, dass die Songs im K-Pop oft ganz wild sind. Das kommt mir entgegen.« An entsprechende Aufträge heranzukommen, ist in Europa nicht leicht, wie sie einräumt. K-Pop sei hier erst im Kommen. Weshalb sie sich bei einem Songwriting-Camp in Belgien angemeldet hat, bei dem es genau darum geht: »Fünf Tage nur K-Pop - das wird Klasse!«, jubelt sie. Solche Camps seien auch Gelegenheiten, Kontakte zu knüpfen, in Netzwerke reinzukommen.
Songwriter-Camp für Newcomer
Junge Songwriter haben oft noch keine solchen Netzwerke, daher auch kaum Referenzen, um zu Songwriting-Camps und -Sessions eingeladen zu werden. Linda Stark hat daher, mitfinanziert von einer Stiftung der Musikverwertungsgesellschaft Gema, ein Songwriting-Camp speziell für Newcomer organisiert. Die Plattform dafür bot ihre Edition PAPER PUG, die wiederum Teil des Meisel Musikverlags ist.
Das Angebot wandte sich an junge Songschaffende, die noch nie an einem solchen Camp teilgenommen haben. Es ging darum, Songs zu schreiben – aber auch, Erfahrungen zu vermitteln, wie man in solche Camps reinkommt, was von den Teilnehmern dort erwartet wird, wie man sich dort verhält. Als Coach mit an Bord waren die Songwriter-Kolleginnen Diana Ezerex und Karo Schrader sowie die Produzenten Thilo Wehrmann und Toni Hauschild. Stark: »Es war cool zu sehen, wie viel man den Leuten in drei Tagen mitgeben kann. Und wie begierig sie waren, das mitzunehmen.« Zwölf Songs seien entstanden, »ich bin gespannt, was mit denen jetzt passiert«.
Diskussion um Antrittsgelder
Linda Stark organisiert über ihre Edition auch Camps und Sessions für schon etablierte Profis. Und sie engagiert sich in der Songwriter-Vereinigung Verso, war zeitweise sogar deren Vorsitzende. Verso setze sich unter anderem dafür ein, dass den Teilnehmern einer Songwriting-Session eine Antrittsgebühr bezahlt wird, erklärt Stark. Ansonsten sei die Gefahr, dass man Zeit investiere, aber keinen Cent verdiene, wenn der erarbeitete Song nicht genommen wird. In Großbritannien seien solche Antrittsgelder seit diesem Jahr üblich, in Deutschland sei man da noch am Anfang.
Wobei junge Interpreten oft das Geld noch gar nicht hätten, um Songwriter für Sessions zu bezahlen. Sie selbst differenziere daher: Bei Newcomern, von denen sie überzeugt sei, nehme sie auch ohne Gebühr an Songwriting-Sessions teil; bei etablierten Interpreten verlange sie eher ein Antrittsgeld.
Kinder als Publikum
Nicht nur im Hinblick auf Songwriter ist Linda Stark im Nachwuchsbereich aktiv. Auch Kinder als Publikum hat sie im Blick. So gehörte sie zu den Songwritern für das Kinder-Musikhörspiel »Eule findet den Beat«. Darin erkundet eine Eule gemeinsam mit den Kindern die verschiedenen Musikstile. Für das Album hat Linda Stark das Lied »Im Schlagerhimmel« beigesteuert.
Eine ganze Songsammlung hat sie für eine sogenannte »Tonie«-Figur geschrieben. »Das sind magnetische Figuren, die man auf einen Lautsprecherwürfel stellt, dann kommt Musik raus«, erklärt sie. »Jede Figur steht für einen anderen Inhalt. Damit können schon Zweijährige umgehen.« In ihrem Fall ging es unter dem Titel »Milo Müllauto« um 21 Songs über Müll und Stadtverkehr. Neben der Stimme von Linda Stark ist dabei auch die ihres Neffen Linus zu hören. Die Tonie-Figur habe sich seit Juni 2024 über 100.000 Mal verkauft. Bei der nächsten Tonie-Figur soll es um Bauernhoftiere gehen, dann gesungen von EMMALU – einem musikalischen Familienprojekt aus Stuttgart. Auch dazu will sie Songs beisteuern.
Fetziges für die Kleinen
In Zukunft will sie eine eigene Songsammlung für Kinder herausbringen. »Lilly Laut« soll das Programm heißen. »Was Fetziges soll es sein, Musik mit Power, das ist einfach mein Gemüt, das ich auch raustragen will in die Kinderwelt«, sagt Stark. Vier Songs hat sie schon fertig, bis 2026 soll ein ganzes Programm daraus werden. Wenn ein Label anspringe, könne sie sich auch vorstellen, das Ganze als Album zu veröffentlichen.
Was ihre Popmusik als »lieberlila« betrifft, hat sie als nächstes eine Akustik-EP im Sinn. »Sonst ist es bei mir ja immer eher laut und bumbum«, lacht sie. Deshalb will sie eigene Songs mal in ruhigeren Varianten präsentieren. Mit Klavier, Akustikgitarre und Cello. Mal sehen, wie lange es leise bleibt bei Linda Stark. Vermutlich nicht lange. Die Popbranche pulsiert und verlangt immer nach Neuem. Linda Stark gehört zu denen, die das liefern. (GEA)




