TÜBINGEN. Mutig sind sie schon bei der Kunsthalle Tübingen. Dem scheinbar spröden Thema Architekturzeichnungen lassen sie nun das vermeintlich nicht weniger sperrige Werk von Joseph Beuys folgen. Aber gemach: Schon das mit den »Architekturvisionen« erwies sich als sinnlicher Parcours zur Frage, wie wir eigentlich leben möchten. Und die Schau zu Beuys führt von diesem Samstag an mitten hinein in die Problematik, wie wir aus einem seelenlosen Materialismus, der in Krieg und Holocaust geführt hat, zu unseren spirituellen Wurzeln zurückfinden.
Beuys, 1921 in Kleve geboren, 1988 in Düsseldorf gestorben, ist im Gedächtnis der Allgemeinheit verankert als der Provokateur, der Fettecken ins Museum stellte (»Ist das Kunst oder kann das weg?«) und mit einem Hasenkadaver auf Ausstellungsrundgang ging. Die Tierkadaverperformance gibt's auf Video zu sehen, Beuys' Aktion auf der Documenta 1982 in Kassel ist mit Fotografien dokumentiert: Dort ließ er 7.000 Basaltbrocken abladen – für jeden sollte in der Stadt ein Baum gepflanzt werden. Kein Zweifel, Beuys war politisch, wollte aufrütteln, gründete eine Reihe von Initiativen, mit denen er die Gesellschaft reformieren wollte, war an der Gründung der Grünen beteiligt.
Schürfen nach Tiefenschichten
Die Ausstellung zeigt jedoch, dass dieser Aktionismus nur die äußere Seite war. Den Kern hingegen bildete die Beforschung der eigenen Tiefenschichten. In einer Vielzahl von Zeichnungen mit Bleistift und erdigen Aquarellfarben spürt Beuys dem mythischen Figurenarsenal nach, das wie Archetypen aus der Psyche aufsteigt. Mit Sigmund Freud, C. G. Jung und der Psychoanalyse hat er sich befasst, sieht den Menschen über Ritual und Mythos mit den Wurzeln des Seins verbunden, befragt wie in einer »Écriture automatique« die Protagonisten jener Schichten: silhouettenartige Tiergestalten sieht man da, Hirsch, Hase, Blumen, Bäume - und immer wieder Frauengestalten, oft mit symbolhaft-rituellen Gegenständen wie Ei, Sieb, Samenkörnern.
Man könne Beuys nicht ohne seine Biografie verstehen, betont Kunstmuseumsleiterin und Kuratorin Nicole Fritz, die selbst über »Bewohnte Mythen« bei Beuys promoviert hat – was nun der Titel der Schau ist. Beuys gehört zu der Generation, die sich an der Idee einer Erneuerung der deutschen Nation berauscht und die daraus entstehende Katastrophe miterlebt hat. Er ging früh zur Hitlerjugend, war 1936 Teil des HJ-Sternmarschs zu Hitler, meldete sich 1940 freiwillig zum Kriegsdienst. Wie andere stand er nach der Kapitulation vor der Tatsache, dass der NS-Staat in ein Ausmaß an Entmenschlichung und massenhafter Vernichtung individueller Existenzen geführt hatte, wie es jede Vorstellungskraft überstieg.
Schock der NS-Barbarei
Wie konnte man im Angesicht dessen, zu was der Mensch fähig war, überhaupt noch Kunst, Musik, Literatur machen? Allenthalben war die Reaktion eine Flucht in vermeintlich unbelastetes Terrain. Die Komponisten flohen in die Atonalität, die Literaten ins Sprachexperiment, die bildenden Künstler in die Abstraktion. All das schien weit genug entfernt vom realen Menschen mit seinem offenbar unbegrenzten Gewaltpotenzial.
Beuys ging einen anderen Weg. Er suchte den Ausweg im Bohren nach archetypischen Schichten, nah genug am Ursprung des Seins, um weit genug entfernt zu sein vom zerstörerischen Recht des Stärkeren. Den unheilvollen Ideologien nationalistischer oder kommunistischer Prägung setzt Beuys die Rückbesinnung auf elementare Lebensbedürfnisse entgegen: Wärme, Energie, Nahrung, Natur. Er fasst sie in elementare Materialien: Filz, Fett, Honig, bei ihm allesamt mythisch aufgeladen. Auch in seine Zeichnungen fließt urtümliches, erdverbundenes Material ein, wie etwa Eisenchlorid.
Ausstellungsinfo
Die Ausstellung »Joseph Beuys. Bewohnte Mythen« ist bis 8. März 2026 in der Kunsthalle Tübingen, Philosophenweg 76, zu sehen, Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 19 Uhr. An Heiligabend und Silvester ist geschlossen, an den übrigen Feiertagen, auch an Weihnachten, ist geöffnet. Am Sonntag, 9. November, ist um 16 Uhr in der Ausstellung eine Performance von Studierenden der HBK Saar/Saarbrücken. (GEA)
www.kunsthalle-tuebingen.de
Und er forscht nach dem weiblichen Prinzip, im eigenen Inneren, in Zeichnungen mit zarten Bleistiftstrichen, zerfließenden Aquarellflecken. Gestalten, die wie aus einem Nebel auftauchen, hier und da Züge einer Urmutter zeigen, selten auch mal erotische Züge haben, öfter mädchenhaft und kindlich-unschuldig wirken. Dann wieder sieht man Schamaninnen, Nornen, Zauberinnen, die in Beuys' Sicht offenbar allein imstande waren, die durch Männergewalt entstellte Welt zu heilen.
Dass Beuys bei seiner Suche nach dem Elementaren zuweilen verkopfte philosophische Konstrukte produzierte, spart die Schau nicht aus: In kryptischen Schaubildern montiert der Künstler Elemente aus Anthroposophie, Christentum, Philosophie und Schamanismus. Die Schau spart auch nicht aus, dass seine Suche nach dem Urmütterlichen zu einem aus heutiger Sicht teils klischeehaften Frauenbild führte.
Sensible Suche im Inneren
Und doch begegnet in der Ausstellung ein Künstler, der erstaunlich sensibel das eigene Innere nach dem Kontakt mit spiritueller Verwurzelung befragt. Eine Befragung, die in heutigen Zeiten, wo überall die Gefahr lauert, sich im seelenlosen Materialismus der sozialen Medien zu verlieren, umso dringlicher ist. Nach dem Eigentlichen zu suchen hinter dem oberflächlichen Geblubber der Bildschirme, ist die Aufgabe. Beuys ist schonmal vorangegangen. (GEA)





