REUTLINGEN. Nur wenige Werke der Musikgeschichte sind derart legendenumwoben wie Mozarts unvollendet gebliebenes Requiem. Wonach beispielsweise Mozart glaubte, jener Abgesandte eines gewissen Grafen von Waldegg sei in seiner dunklen Gewandung ein Bote aus dem Jenseits gewesen, um ihn, den Komponisten, mit dem Verfassen seiner eigenen Totenmesse zu beauftragen. Dass Mozart mit großem Eifer ans Werk ging, war jedoch ganz profan sein persönliches Interesse, sich wieder mehr als Kirchenmusiker zu profilieren. Zumal er am Stephansdom eine Stelle innehatte, zwar noch undotiert, aber mit Aussicht auf Bezahlung. Und um Bezahlung ging es auch beim Requiem-Auftrag.
Denn jener Graf von Waldegg hatte diese Messe inkognito bestellt. Er wollte sie als seine eigene ausgeben und am Todestag seiner verstorbenen Frau aufführen. Wofür er einen ansehnlichen Vorschuss leistete. Mozarts Witwe Constanze wiederum war existenziell auf das ganze Honorar angewiesen. Was sie für ein Fragment nicht bekommen hätte. So musste das Werk vollendet werden, egal wie. Was Franz Xaver Süßmayr besorgte, ein Schüler Mozarts, von dem der Meister allerdings nicht allzu viel gehalten hat. Ihn auch schon mal als »Ochs am Berg« bezeichnet hatte. Weswegen er für Constanze erst die dritte Wahl war. Doch am Schluss noch Wolfgangs Unterschrift so fälschte, dass Waldegg es nicht merkte.
Ergreifende Aufführung
Sein eigener Versuch an Mozarts Weltabschiedswerk blieb aber problematisch. Weswegen ab dem 19. Jahrhundert etliche Dirigenten und Musikwissenschaftler eigene Versionen schufen, teils auf der Grundlage anderer Mozart-Stücke, teils - auch in Stilimitationen - frei komponiert. Die jüngste nun stammt von Torsten Wille, der sie am Totensonntag mit der Kantorei der Marienkirche und der Württembergischen Philharmonie Reutlingen zur ergreifenden Aufführung brachte.
Natürlich beließ er die wenigen von Mozart selbst hinterlassenen Teile, wie sie waren. Den ersten größeren Eingriff nahm er im Lacrimosa vor, mit höherem Bewusstsein für das Tonartenverständnis des 18. Jahrhunderts als Süßmayr. Und im Offertorium ersetzte Wille das vorgefundene gleichmäßige Figurenwerk sowie den homofonen Chorsatz durch polyfone Durchdringung mit ausdrucksintensivierenden Melismen in der Oberstimme und einem klug entwickelten Höhepunkt auf »homo reus«.
Intensiv durchdrungen
Wobei sich der Chor diesem »sündigen Menschen« mit tief empfundener Ausdruckskraft widmete, wie er überhaupt das ganze Werk intensiv durchdrang, in Diktion und Präzision exzellent vorbereitet war, anspruchsvolle Passagen wie die Kyrie-, Abraham- oder Libera me-Fugen stets deutlich durchhörbar und, wo gefordert, mit dramatischer Wucht akzentuierte und die homorhythmischen Passagen bei bester Ausgewogenheit in allen Stimmgruppen auf den Punkt brachte.
Im Sanctus entfernte Wille Süßmayrs Trauermarsch-Floskeln der Pauken, die hier ebenfalls keinen Sinn machen. Hingegen fügte er andere Schlagzeug-Akzente hinzu, nämlich das Paradiesglöckchen in Form der Triangel. Wille sieht im Sanctus ein »Freudenfest« im Hinblick auf das verheißene Paradies, lässt es daher mit heiteren Spielfiguren beginnen und nicht wie Süßmayr schwer einherschreiten, steigert es zum großartigen Doppelchor. Und fürs »In Paradisum« selbst kam Wille auf die gute Idee, den liturgischen Text dem langsamen Satz aus Mozarts ebenfalls 1791 entstandenen Klarinettenkonzert zu unterlegen, das seinerseits schon wie eine Erlösungsmusik klingt. Die abschließende Bitte um Frieden verklingt dann terzlos mit der »hohlen« Quinte über dem Grundton d. Das wirkt sehr archaisch, wie die frühe Mehrstimmigkeit im Mittelalter.
Ergänzungen immer subjektiv
»Einen echten Mozart kann man aus dem Fragment nicht machen«, bekannte Wille zutreffend und fuhr fort: »Selbstverständlich ist eine solche Ergänzung immer subjektiv und angreifbar. Es ist eine Erweiterung, die Mozart sicher so nie geschrieben hätte, die uns aber vielleicht heute neue Facetten präsentieren kann.« Diese brachte die Kantorei der Marienkirche mit der kultiviert präsenten Württembergischen Philharmonie Reutlingen und dem sich homogen präsentierenden Solistenquartett (Katharina Großmann, Katharina Guglhör, Michael Seifferth und Torsten Müller) nun wahrlich herbei, um das Publikum gehaltvoll aus dem Totensonntag in die Adventszeit zu geleiten. (GEA)

