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Alfred Gross entführt im Reutlinger Spendhaus in die Zeit des Bauernkriegs

Der Musiker Alfred Gross im Reutlinger Spendhaus, wo er auf dem Nachbau eines Renaissance-Cembalos spielte.
Der Musiker Alfred Gross im Reutlinger Spendhaus, wo er auf dem Nachbau eines Renaissance-Cembalos spielte. Foto: Dagmar Varady
Der Musiker Alfred Gross im Reutlinger Spendhaus, wo er auf dem Nachbau eines Renaissance-Cembalos spielte.
Foto: Dagmar Varady

REUTLINGEN. Es gibt viele Wege, an bedeutsame Ereignisse zu erinnern. Die Kunst ist dafür bestens ausgestattet, mit ihrer Handfestigkeit und ihrer optischen Signalwirkung. Nun jährt sich der Bauernkrieg, welcher vor 500 Jahren die wohl größte Erhebung des Volkes vor der Französischen Revolution war. HAP Grieshaber hat schon vor 50 Jahren auf dieses politische Intermezzo aufmerksam gemacht, und das Kunstmuseum Reutlingen greift dies im Spendhaus in seiner aktuellen Ausstellung »Das Politische schneiden. HAP Grieshaber und der Bauernkrieg« (bis 15. Februar) auf.

In der damaligen Musik fanden die Aufstände zwar keinen direkten Einschlag, doch führt sie nichtsdestoweniger in jene Zeit zurück. Der Cembalist Alfred Gross hat am Donnerstagabend im Spendhaus inmitten der Ausstellung eine Stunde süddeutsche Tastenmusik aus der Zeit der Bauernkriege erklingen lassen, und zwar auf dem Nachbau eines Renaissance-Cembalos, den er mitteltönig gestimmt hat. Auf diesem von Gross als »leicht und grazil« bezeichneten Instrument entfaltete sich eine wahrlich edle und perlende Klangsprache. Seine klare, leichtfüßige und energiespendende Art zu spielen ließ die Einladung, sich »wie in einer Stube um 1520« zu fühlen, recht leicht zur Erfüllung kommen. In seiner bescheidenen Art, kerzengerade, ohne große Gesten, war Gross ganz der Musik zugewandt. Jeder einzelne seiner Finger ließ die Töne pulsieren, rational und zugleich lichtvoll.

Wissendes Gestalten

Seine einzelnen musikalischen Blöcke ließ er auch mit Worten deutlich werden, indem er über den musikalischen Zeitgeist, über die jeweiligen Komponisten und das übliche Instrumentarium sprach. Dass er selbst auch manch eine Tabulaturnotenschrift (bestehend aus Noten, Buchstaben oder Ziffern) für Cembalo gesetzt hat, indem er manches diminuiert hat, zeugt wiederum von einer ausgereiften Hingabe an diese Musik. Auch die Lust am Verzieren und das wissende Gestalten legten ein achtbares Zeugnis jener Zeit ab.

Damit man ganz bewusst die Ausgestaltung eines Stückes wahrnehmen konnte, ließ Gross die Zuhörenden das Lied »Innsbruck, ich muss dich lassen« singen, nur um es hernach aus der Feder des Komponisten Heinrich Isaac erklingen zu lassen. Im Übrigen war die damalige Musik nicht nur ernst, denn weltliche Musik thematisierte andere Gegenstände als geistliche. In Isaacs »Fille vous avez« entsteht ein Dialog zwischen Mutter (tiefe Stimme) und Tochter (hohe Stimme), in welchem über Leichtfertigkeit »diskutiert« wird.

Ein Reutlinger findet Erwähnung

Mit Musik aus der Region endete Alfred Gross‘ einstündiges Konzert, wobei sogar ein »Rytlinger« (Reutlinger) Erwähnung fand, der wohl ein Schüler des Komponisten Leonhard Kleber war.

Herzlich wurde diese erlesene Zeitreise aufgenommen und gibt sicher dem einen oder anderen Anlass, sich die Ausstellung genauer anzuschauen. (GEA)