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Wie in Tübingen für gesunde Arbeit geforscht wird

Das Institut für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Versorgungsforschung in Tübingen ist das Einzige im Land.

Seit 17 Jahren leitet Monika Rieger das Institut für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Versorgungsforschung. FOTO: EBINGER
Seit 17 Jahren leitet Monika Rieger das Tübinger Institut für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Versorgungsforschung. Foto: Privat
Seit 17 Jahren leitet Monika Rieger das Tübinger Institut für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Versorgungsforschung.
Foto: Privat

TÜBINGEN. Wollte man es böswillig interpretieren, ließe sich sagen: Die geografische Verortung des Instituts entspricht der Bedeutung des Fachs in der medizinischen Welt. Dass es im Abseits liegt, wäre zu viel gesagt, aber für Tübinger Dimensionen sind die Arbeitsmediziner mit ihrem Domizil in der Wilhelmstraße 27, gegenüber vom Neuphilologikum, schon ziemlich am Rand platziert, weit weg von den Kliniken, die mit ihrer Hochleistungsmedizin die öffentliche Wahrnehmung bestimmen. Arbeitsmedizin aber ist weitgehend Prävention, und mit Vorbeugung lassen sich in der deutschen Medizin keine Meriten erwerben. »Ich denke aber schon, dass wir in der Fakultät gut mitgedacht werden. Und der Standort hat Charme. Ich bin gern hier«, sagt Monika Rieger.

Die 57-Jährige leitet seit 17 Jahren das Institut für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Versorgungsforschung, das einzige im Land. Dieser Tage feiert es sein 60-jähriges Bestehen mit einer internationalen Tagung, einem Festakt und einem Bürgernachmittag. »Wir haben das bewusst so kombiniert«, erklärt die Professorin. »Damit zeigen wir unsere internationale Vernetzung, unsere Kooperationen vor Ort und den Bürgern Aspekte unserer Arbeit, die für jeden, der arbeitet, relevant sind.«

Eine Relevanz, die spätestens sichtbar wird, wenn vor dem Hintergrund der Probleme in der Rentenversicherung die Frage diskutiert wird, wie lange wir arbeiten können und sollen. Eine Relevanz, die aber in merkwürdigem Kontrast steht zur Rolle des Fachs in der Medizin. Auch Monika Rieger ist eher zufällig in die Arbeitsmedizin gerutscht. »Eigentlich wollte ich Kinderheilkunde machen. Mit der Arbeitsmedizin verband ich im Studium in Freiburg vor allem ein Forschungsprojekt über die Belastung der Weinbauern bei der Lese an der Stuttgarter Weinsteige.«

Sicherheitsingenieure ausgebildet

Dann hat sie die Arbeitsmedizin aber doch fasziniert. »Das ist wie in der Sendung mit der Maus: Wir gehen in Betriebe und schauen, was dort abläuft. Das passt zu meiner Neugier.« In Freiburg hat sie etwa Sicherheitsingenieure ausgebildet, eine interdisziplinäre Arbeit mit physikalischen und chemischen Fragen. »Ich habe das Fach gefunden, das zu mir passt.« 2001 habilitierte sie sich über die biologische Belastung von Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten. Drei Jahre später wechselte sie an die Uni Witten-Herdecke, 2008 dann nach Tübingen auf eine Stiftungsprofessur, die zur Hälfte finanziert wird von Südwestmetall, dem Verband der Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg. Ihr Credo: »Die Hightech-Medizin hat ihren Stellenwert, aber von guten Arbeitsbedingungen profitieren alle. Nur auf dem Boden guter Verhältnisse können sich Menschen gut verhalten. Und für gute Verhältnisse zu sorgen, ist eine Aufgabe der Arbeitsmedizin.«

BÜRGERNACHMITTAG

Wie können wir auch bei körperlich fordernder Arbeit langfristig gesund bleiben? Was hilft gegen Rücken- und Gelenkbeschwerden? Und welche neuen Lösungen kommen aus der Forschung? Um diese und ähnliche Fragen geht es beim Bürgernachmittag des Instituts für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Versorgungsforschung am Freitag, 12. September, von 15.30 bis 18 Uhr in der Wilhelmstraße 27 in Tübingen. Exoskelett ausprobieren, Werkbänke testen, Bewegungsabläufe analysieren lassen: Das Institut bietet die Möglichkeit, sich über die Prävention arbeitsbedingter Gesundheitsprobleme zu informieren, praxisnah und im Austausch mit Forschenden. Außerdem gibt es ein moderiertes Programm mit Kurzvorträgen, Diskussionen und Gelegenheit zum Austausch. Die Teilnahme ist kostenfrei. Anmeldung ist erwünscht. (pp) med.uni-tuebingen.de

Geht es hier um die Gestaltung von Arbeit und Arbeitsplätzen, beschäftigt sich die Sozialmedizin etwa mit der Frage, wie eine Gesellschaft gesundheitliche Auswirkungen von sozialen Unterschieden regelt. Und das dritte Feld, die Versorgungsforschung, untersucht, wie Patienten mit ihren Problemen in einem umfasenden Sinn geholfen werden kann. »Wenn etwa eine Videosprechstunde entwickelt und eingerichtet werden soll, untersuchen wir, an was man alles denken muss, um alle Aspekte unter Alltagsbedingungen im Blick zu haben.« Hier arbeitet das Institut eng mit Stefanie Joos vom 2015 eingerichteten Institut für Allgemeinmedizin und Interprofessionelle Versorgung zusammen.

Einiges ist in den vergangenen Jahren aus der Forschung am Tübinger Institut mit seinen rund 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in die Praxis eingeflossen. So gab es umfangreiche Grundlagenforschung zu den Belastungen von Menschen mit Berufen, in denen sie viel stehen müssen. »Man denkt immer zuerst an Rücken- und Knieschmerzen. Wir haben aber herausgefunden, dass sich bei vielen Beschäftigten schon nach einer eher kurzen Stehdauer Wasser in den Beinen sammelt als Zeichen einer Venenbelastung. Das kann zu Krampfadern führen, einer Vorstufe von möglicherweise schweren Krankheiten.« Während der Corona-Pandemie untersuchten die Mediziner die Arbeitsbedingungen mit Masken. Ergebnis: »Arbeiten mit Maske ist unangenehm, aber nicht gefährlich. Die Erkenntnisse daraus flossen auch in die Regulierung ein.«

Berufsbedingte Krankheiten

Und die angehenden Mediziner? Was kriegen die in der Ausbildung davon mit? »Arbeitsmedizin ist Pflichtfach, hat aber in der Abschlussprüfung nur einen geringen Stellenwert. Deshalb kann man nicht davon ausgehen, dass da fürs Examen viel gelernt wird«, bedauert Monika Rieger. Dennoch soll etwas hängenbleiben. So müssen in Tübingen alle Studierenden mal in einen Betrieb und erhalten die Möglichkeit, mit Betriebsärzten zu sprechen. »Wir legen Wert darauf, dass die Studierenden mitbekommen, dass gute Arbeit gesundheitsfördernd ist und nichts, wovor man die Menschen schützen muss. Sie sollen aber auch wissen, dass es heute noch berufsbedingte Krankheiten gibt. Diese Grundeinstellung sollen die Patienten spüren.«

Nutzen von Prävention erkennen

Ein generelles Problem ist aus der Sicht von Monika Rieger, dass die kurative Versorgung, also die Behandlung von Krankheiten, über die Krankenkassen läuft, die Betriebsärzte aber von den Arbeitgebern bezahlt werden. »Die unterschiedliche Finanzierung scheint eine Hürde zu sein. Da gibt es keine Schnittstellen, und es gibt unter den Medizinern wohl auch kein ausreichendes Verständnis dafür, was Betriebsärzte machen.«

Und dann spiele immer noch die Politik mit: »Die Bundesebene holt sich schon Rat bei uns. Wenn der Arbeitsschutz im Gesundheitsministerium oder im Sozialen angesiedelt ist, wird mehr über den Nutzen von Prävention geredet als über die Kosten. Das kann im Wirtschaftsministerium anders sein.« (GEA)