TÜBINGEN. Photovoltaik auf dem Dach, ein Fahrradparkhaus im Bau, Recup-Becher und Mülltrennung - mit vielen einzelnen Maßnahmen will das Tübinger Uniklinikum sein selbst gestecktes Klimaziel erreichen: Bis 2030 sollen die Kliniken auf dem Berg und im Tal zehn Prozent weniger Treibhausgas emittieren. Das hört sich nicht übermäßig viel an, für einen so großen Gesundheitsbetrieb ist es allerdings etwas ganz Besonderes: »Ich kenne kein Klinikum, dass sich überhaupt so ein Ziel gesteckt hat«, sagt Nachhaltigkeitsbeauftragter Holger Diemer. Bei den Beschäftigten im Klinikum rennen Diemer und die Klimamanagerin Mareike Freund mit ihrem Anliegen meist offene Türen ein. Außerdem ist der Ausstoß von klimaschädlichen Gasen der Unikliniken beachtlich: Allein bei der Tübinger Klinik sind es 130.000 Tonnen CO2 jährlich.
Das dickste Brett beim Klimaschutz im Krankenhaus ist die Beschaffung und Entsorgung von Medikamenten und Medizinprodukten. In diesem Bereich fallen die meisten Emissionen an. »Wir machen mehr Dreck als die Flugindustrie«, fasst es Diemer zusammen. Genau in diesem Bereich ist es bisher aber schwer, in Richtung Klimaschutz zu handeln. Hygienevorschriften lassen sich besser mit Einwegprodukte einhalten. Außerdem weiß bisher niemand so genau, wie groß der ökologische Fußabdruck einzelner Produkte überhaupt ist. »Wir wissen nicht, was in einer Kompresse oder einem Katheter steckt«, betont Diemer. Schon vor drei Jahren seit es immerhin gelungen, das klimaschädliche Narkosegas Desfluran zu ersetzen.

Ebenfalls nicht ganz so schnell geht es mit den Gebäudesanierungen. Immerhin gehören 160 Gebäude zum Uniklinikum. »Die kann man nicht alle auf einen Schlag sanieren«, sagt Diemer. Jährlich zwei Gebäude sollen nun in Angriff genommen werden. An erster Stelle stehen diejenigen, die es am nötigsten haben.
Die Klinik benötigt für ihren Betrieb jede Menge Strom. Nur ein kleiner Bruchteil kann über Sonnenenergie erzeugt werden. 0,5 Prozent sind es derzeit. Anlagen gibt es auf der Augenklinik, dem Parkhaus und der Pathologie. Um die gesamte Klinik mit Solarstrom zu versorgen, wären sieben Fußballfelder vollgepackt mit PV-Anlagen nötig. Schon bei den bestehenden Anlagen haben die Betreiber Lehrgeld bezahlen müssen. Die begrünten Dächer nutzen zwar auch dem Klimaschutz, allerdings muss nun die Vegetation in Schach gehalten werden, damit sie nicht die PV-Anlage überwuchert.
Auch mit der zunehmenden Hitze haben Beschäftigte und Patienten zu kämpfen. »In einigen Gebäuden wird es ziemlich heiß«, sagt Diemer. Die Vorgabe vom Land ist aber, dass keine Klimaanlagen eingebaut werden. Reagiert wird mit passiven Maßnahmen: So gut es geht werden besonders betroffene Gebäude verschattet. Ein Budget von 300.000 Euro steht dafür bereit. Für die Beschäftigten gibt es ein Meldeformular Sommerhitze, das rege genutzt wird. Bei wem als erstes versucht wird, von der Hitze Abhilfe zu schaffen, ist in diesem Fall klar. »Die Kliniken mit den Patienten haben den Vorzug vor den Beschäftigten«, sagt Diemer.
310 Stellplätze für Fahrräder
Das in Bau befindliche Fahrradparkhaus ein Stück weiter war eine Auflage der Stadt. Nur so hat das Klinikum den Bau eines weiteren Autoparkhauses genehmigt bekommen. Mindestens ein Parkplatz mehr für Fahrräder als für Autos soll dort geschaffen werden. Die Klinik hat großzügiger geplant. Gebaut werden derzeit 310 Stellplätze für Fahrräder und zwei Ladeschränke mit 26 Steckdosen. 250 Stellplätze sind es bei den Autofahrern.
Ein Pilotprojekt ist im Aufenthaltsbereich der Crona-Kliniken zu besichtigen: die Mülltrennung für Besucher. Bisher funktioniert es gut. Der Müll kommt getrennt in die drei Eimer. Möglicherweise wird das kleine Projekt nun ausgedehnt. Ganz neu sind E-Ladestationen für Fahrräder. Ob sie angenommen werden, wird sich erst noch zeigen. E-Bike-Fahrer können dort leere Akkus kostenlos wieder aufladen. Das geht in der Klinik nur im Außenbereich. Innerhalb der Gebäude ist es aufgrund der Brandgefahr verboten.
Wo jeder ganz schnell etwas fürs Klima tun kann, ist bei der Ernährung. Deshalb gibt es nun in der Kantine ein Essen, dessen Bestandteile hauptsächlich pflanzenbasiert sind, das aber nicht gänzlich auf tierische Produkte verzichtet. Es ist die »Planetary Health Diet«. Diese Ernährungsform wird von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung empfohlen. Im Klinikum können die Beschäftigten sie nun wählen. Auch ein vegetarisches Gericht steht täglich auf der Speisekarte. Jeder kann auf Infotafeln den CO2-Abdruck der einzelnen Speisen ablesen. Schon das vegetarische Gericht kommt bei den Beschäftigten gut an, sagen die beiden Klimafachleute. 20 Prozent der Essen werden regelmäßig ausgegeben. Geschlagen wird es allerdings, wenn es klassisch schwäbisch in der Küche wird: Linsen mit Spätzle und Saitenwürstchen erzielen nach wie vor die größte Essensschlange in der Kantine. (GEA)

