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Aktuell Therapie

Tübinger Selbsthilfegruppe hilft seit über 40 Jahren stotternden Menschen

Wenn der Redefluss ins Stocken kommt, liegt das zumeist an einer genetischen Veranlagung. Dagegen hilft nur Therapie und Redepraxis. Camilla Stahl berichtet, wie ihr die Tübinger Selbsthilfegruppe dabei geholfen hat.

Camilla Stahl hat Probleme mit ihrem Redefluss. Die Tübinger Selbsthilfegruppe hilft ihr sehr dabei, mit dem Stottern im Alltag
Camilla Stahl hat Probleme mit ihrem Redefluss. Die Tübinger Selbsthilfegruppe hilft ihr sehr dabei, mit dem Stottern im Alltag umzugehen. Foto: Irmgard Walderich
Camilla Stahl hat Probleme mit ihrem Redefluss. Die Tübinger Selbsthilfegruppe hilft ihr sehr dabei, mit dem Stottern im Alltag umzugehen.
Foto: Irmgard Walderich

TÜBINGEN. Camilla Stahl hat im Alter von zwei Jahren begonnen zu stottern. Heute ist sie 29 Jahre alt, hat ein Medizinstudium hinter sich und steckt mitten in der Facharztausbildung für Psychiatrie in Reutlingen. Wer sich mit ihr unterhält, merkt kaum etwas davon, dass ihr manchmal die Wörter nicht aus dem Mund kommen wollen. Viele, die mit ihr zu tun haben, wissen gar nicht, dass sie mit dem Redefluss immer mal wieder Probleme hat. Dabei begleitet sie das Stottern schon ein ganzes Leben lang.

Seit zehn Jahren besucht die junge Frau eine Selbsthilfegruppe in Tübingen. Ihre Logopädin hat ihr den Besuch empfohlen. Die Gruppe besteht schon seit Anfang der 80er-Jahre. Ihr Einzugsbereich reicht von Hechingen bis Pfullingen. Kein Wunder, schließlich ist sie eine der wenigen Selbsthilfegruppen, die es rund um Stuttgart gibt. Camilla Stahl hat der Besuch schon viel geholfen. Zusammen werden Sprechtechniken geübt, Sprachspiele gemacht. Auch anstehende Referate können dort eingeübt werden. Jeder ist einmal mit der Moderation des Abends dran.

»Die ganze Schulzeit war das Stottern Thema«

»Die ganze Schulzeit war das Stottern Thema«, erzählt die Tübingerin. Ihr Umfeld habe zwar immer mit viel Verständnis reagiert, dennoch hat sie sich oft dafür geschämt und hilflos gefühlt. Als Kind habe sie oft den Fehler bei sich selbst gesucht, erzählt die Medizinerin. Dabei kann der Einzelne rein gar nichts dafür. Weder ist das Stottern eine Frage der Intelligenz, noch der Psyche. Hauptursache ist eine genetische Veranlagung.

Insgesamt fünf Prozent der Kinder stottern. Bei vielen verliert sich die Redefluss-Störung im Laufe der Jahre. Wer allerdings über die Pubertät hinaus mit dem Redefluss Schwierigkeiten hat, der wird es sehr wahrscheinlich sein ganzes Leben haben. Das ist bei rund einem Prozent der Menschen so. Mehr als 830.000 Menschen in Deutschland sind davon betroffen. Camilla Stahl ist eine von ihnen.

Wörter, von denen sie weiß, dass sie ihre Sprache ins Holpern bringen, versucht sie bis heute zu vermeiden. »Ich weiß in dem Moment genau, was ich sagen möchte, aber das Wort mag nicht rauskommen«, beschreibt sie das Gefühl beim Sprechen. Vor allem Vokale am Wortanfang machen ihr Probleme. Ebenso Wörter, die nicht einfach schnell ausgetauscht werden können wie ihr Name. So kann es also geschehen, dass sie über komplexe Themen völlig flüssig redet, aber sobald sie nach ihrem Namen gefragt wird, ins Stocken gerät. Was dann hilft, ist der gelassene Umgang des Gegenübers. Den Stotterern ist sehr geholfen, wenn der Blickkontakt beibehalten wird, und man mit großer Gelassenheit reagiert.

»Therapie kann das Selbstwertgefühl erheblich steigern«

Dem Stottern ist man nicht hilflos ausgeliefert. »Sowohl bei Kindern als auch im fortgeschrittenen Alter ist es möglich, den Redefluss nachhaltig und deutlich zu verändern. Außerdem kann die Therapie typische Begleitsymptome wie Vermeidungsverhalten und Sprechangst günstig beeinflussen und das Selbstwertgefühl erheblich steigern«, schreibt die Bundesvereinigung Stottern auf ihrer Homepage. Betroffenen Schülerinnen und Schülern steht außerdem ein Nachteilsausgleich zu.

Selbsthilfegruppe in Tübingen

Die Gruppe »Stottern und Selbsthilfe« trifft sich regelmäßig mittwochs um 19.30 Uhr in der Schule für Logopädie, Hölderlinstraße 19. Dort werden Sprechtechniken und Kurzreferate geübt, es gibt Entspannungsübungen aber auch Diskussionen und Austausch. Weiterer Informationen und Ansprechpartner der Gruppe finden sich auf der Homepage. (iwa)

Es gibt verschiedene Ansätze der Therapie: Bei »Fluency Shaping« lernen die Betroffenen ihre Sprechweise zu verändern, bei der Stottermodifikation lernt man, das eigene Stottern zu kontrollieren und Ängste abzubauen. Es ist eine harte Schule, erzählt die junge Frau. In einen Park gehen, Menschen ansprechen und dabei bewusst stottern, war eine der Aufgaben, der sie sich erfolgreich gestellt hat. Am Ende hat sie gelernt sich zu akzeptieren und ihren eigenen Weg zu gehen. »Sprechen hilft«, sagt Stahl. Telefonieren fällt ihr allerdings immer noch schwer. Kein Wunder: Wenn der Blickkontakt fehlt, ist es für den Gesprächspartner am anderen Ende schwer einzuschätzen, weshalb es plötzlich Pausen im Telefonat gibt. Da hilft nur Offenheit und Übung. »Je häufiger ich es mache, desto einfacher wird es.« (GEA)