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Aktuell Versorgung

Nach 215 Jahren in Tübingen: Trapp'sche Apotheke schließt

Der Pharmazeut Rainer Hörnlein betreibt mit seiner Frau sechs Apotheken - eine davon ist die Trapp'sche in der Tübinger Innenstadt. Nachdem er den geschichtsträchtigen Ort - immerhin mischen dort seit 215 Jahren Pharmazeuten ihre Tinkturen - 25 Jahre lang geführt hat, schließt er die Apotheke Ende des Jahres. Das hat auch mit der Struktur der Innenstadt zu tun.

Seit 215 Jahren verkauft die Trapp'sche Apotheke in der Neuen Straße Medikamente und Arzneien. Ende des Jahres wird sie geschlos
Seit 215 Jahren verkauft die Trapp'sche Apotheke in der Neuen Straße Medikamente und Arzneien. Ende des Jahres wird sie geschlossen. Foto: Paul Runge
Seit 215 Jahren verkauft die Trapp'sche Apotheke in der Neuen Straße Medikamente und Arzneien. Ende des Jahres wird sie geschlossen.
Foto: Paul Runge

TÜBINGEN/WANNWEIL. Nach 215 Jahren ist Schluss: Zum 31. Dezember schließt die Trapp’sche Apotheke in der Neuen Straße. Gegründet wurde die bis heute zweitälteste Apotheke in Tübingen bereits 1810. »Damals haben die Besitzer den Vorläufer der Uniklinik in der Alten Burse beliefert«, weiß Rainer Hörnlein. Der Pharmazeut leitet den geschichtsträchtigen Standort seit 25 Jahren, kennt das Gebäude und dessen Historie. Die Medikamentenlieferungen zwischen der Apotheke und dem Hospital, in dem 15 Betten standen, wurde im 19. Jahrhundert über ein Rezeptbuch organisiert. Heute übernimmt das eine hochmoderne Software, die Preis und Verfügbarkeit mit einem Klick offenbart.

Den Standort in Tübingen zu schließen, fällt dem promovierten Pharmazeuten nicht leicht. »Eigentlich sind wir gut aufgestellt«, sagt Hörnlein mit Blick auf seine anderen Apotheken. Zusammen mit seiner Frau – ebenfalls vom Fach – führt das Ehepaar neben der Trapp’schen in Tübingen fünf weitere Standorte: in Wannweil, Leinfelden-Echterdingen, zwei in Waldenbuch und eine in Rottenburg. In seiner Hauptstelle in Wannweil ist am frühen Nachmittag viel los, zahlreiche Kunden geben sich die metaphorische Klinke in die Hand.

Kundenfrequenz hat abgenommen

In Tübingen hingegen – trotz bester Innenstadtlage – sieht es mau aus. »Wir öffnen um 9 Uhr, aber die ersten Kunden kommen erst eine Stunde später«, sagt Hörnlein. Kürzlich, an einem Dienstag, waren zwischen 9 und 13 Uhr nur ein paar Dutzend Leute zu Gast. »In Rottenburg waren es zu dem Zeitpunkt bereits dreimal so viele.« An Samstagen herrsche erst am Nachmittag reger Betrieb. »Speziell hier hat die Kundenfrequenz stark abgenommen.« Die anderen Standorte hingegen gedeihen.

Diese Entwicklung verknüpft der Apotheker vor allem mit dem Innenstadtsterben. »Früher hatten wir ab 7.30 Uhr geöffnet, da waren aber auch noch Sparkasse und Landratsamt in der Nähe.« Hunderte Menschen mehr gingen in der Altstadt zur Arbeit, heute gebe es viel Leerstand. Zudem war der Branchenmix damals ein anderer, einige Modehäuser waren in der unmittelbaren Nachbarschaft. Das habe eine Klientel gewissen Alters angezogen – heute seien die Leute hingegen ganz jung. Und gesund. »Das ist nicht unsere Kundschaft«, gibt Hörnlein offen zu. Mit einem Rabatt für Studenten habe man den Niedergang auch nicht aufhalten können.

Hohe Miete, hohe Löhne, wenig Honorar

Dazu komme die grundsätzliche Erreichbarkeit der Apotheke. Als er die Trapp’sche damals übernommen hatte, gab es noch Parkplätze in der Neuen Straße. Heute müsse man das Altstadt-Parkhaus anfahren und von dort zum Standort finden – was vor allem barrierefrei nicht gut funktioniere und weit weg sei. »In den Notdiensten haben vor allem die auswärtigen Leute oft Schwierigkeiten, zu uns oder auch einen geeigneten Parkplatz zu finden«, sagt Hörnlein. Auch wer außerhalb der Notdienst-Zeiten ein gesundheitliches Problem habe und eine Apotheke aufsuchen möchte, fahre häufig nicht in die Stadt – auch nicht mit dem Öffentlichen Nahverkehr, der für alte Menschen oft nicht unproblematisch sei. Beim Stadtbummel dagegen bleibe kaum jemand an einer Apotheke hängen – und wenn, dann wegen Kosmetik oder Kleinigkeiten.

Eine hohe Miete, gestiegene Löhne – die grundsätzlich gut und fair seien, wie Hörnlein betont – und ein seit Jahren nicht angepasstes Apothekerhonorar täten ihr Übriges. Zudem habe ein städtischer Heimträger ohne Vorwarnung einen großen Liefervertrag gekündigt. Auch die Arztpraxen im Haus seien verschwunden, deren Patienten ihre Medikamente gerne bei ihm gekauft hatten. Zwei aussichtsreiche pharmazeutisch-technische Assistenten habe er zudem wegen bürokratischen Hürden mit dem Ausländeramt verloren.

Deutschlandweiter Rückgang von Apotheken

Mit diesen Problemen steht Hörnlein nicht allein da. Wie die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände kürzlich mitteilte, nimmt die Zahl der Apotheken immer weiter ab. Heute gibt es deutschlandweit nur noch rund 16.700 Standorte. Nur vor 1977 waren’s noch weniger.

Auch in Baden-Württemberg bestätigt sich der Abwärtstrend, wie der Landesapothekterverband mitteilt: »Zum Stichtag am 30. September gab es im Land nur noch 2.089 Apotheken« – und damit 63 weniger als noch im Vorjahr. Im europaweiten Vergleich liege man mit 20 Apotheken – gerechnet auf 100.000 Einwohner – deutlich unter dem Durchschnitt von 31.

Auch Oberbürgermeister Boris Palmer sorgt sich um die Zukunft der Apotheke und eine sichere Patientenversorgung. »Eine Apotheke ist nicht einfach irgendein Laden: Sie ist Teil der kritischen Infrastruktur, sorgt für Arzneimittelversorgung, Beratung, Notdienste und schnelle Hilfe im Ernstfall«, sagt der OB und fordert den Bund auf, zu handeln: »Seit vielen Jahren erhalten Apotheken keine angemessenen Preisanpassungen mehr.« Dies sei »brandgefährlich für uns alle« und würde durch weitere Leerstände auch den Innenstädten schaden.

Früh modern aufgestellt

Bei seiner Schließung werde es daher nicht bleiben, prophezeit der Pharmazeut. Einer der verbleibenden Kollegen in der Altstadt versuche seit Jahren, seinen Standort loszuwerden – ohne Erfolg. »Es ist auch einfach eine Frage der Liquidität«, erklärt Hörnlein. Für viele Medikamente – ein Blick auf die Liste offenbart für einige Exoten Preise von bis zu 40.000 Euro und mehr – warten er und seine Kollegen je nach Krankenkasse und Versichertenstatus teilweise mehrere Wochen. »Das können viele gar nicht vorfinanzieren.«

Was Apotheker Hörnlein besonders grämt: Am Tübinger Standort hat er in der Vergangenheit viel richtig gemacht. Vor mehr als 20 Jahren war die Trapp’sche Apotheke eine der ersten, die nach der Novellierung des Arzneimittelgesetzes einen Versandhandel eingerichtet hat. Während der Corona-Pandemie wurde die Trapp’sche zu einem Zentrum. »Die Leute standen teilweise bis zum Holzmarkt an«, erinnert sich Hörnlein. Bis zu tausend Corona-Tests habe man am Tag mit extra eingestelltem, geschulten Personal gemacht.

Als niedergelassener Apotheker will Hörnlein vor allem seinem heilberuflichen Auftrag gerecht werden – etwas, das beispielsweise große Versandhändler gar nicht leisten können. »Da gibt’s keine Beratung, keine Notdienste, keine Versorgungssicherheit«, fasst Hörnlein zusammen. »Die schauen zuallererst auf den Geldbeutel.« Den geplanten Reformen im Apothekenwesen – etwa künftig neben Corona- und Grippeimpfungen auch alle Totimpfstoffe verabreichen zu dürfen – steht der Pharmazeut positiv gegenüber. »Wir sehen uns nicht als Konkurrenz zu den Ärzten, sondern als wichtige Ergänzung.« Man könne Versorgungslücken schließen – mit einem sehr niedrigschwelligen Zugang. Am Ende gehe es doch darum, etwas zum Wohl des Patienten zu tun. (GEA)