Eine Traditionsfirma schließt zum 31. Oktober 2025! So stand es in der Ausgabe im GEA vom 25. Oktober. Aber warum schließt eine Traditionsfirma mit circa 270 Beschäftigten, obwohl Folgeaufträge da waren?
Seit wir Stoller im Januar vom Geschäftsführer erfahren mussten, dass der Standort Reutlingen komplett geschlossen wird, ist für uns Stoller eine Welt zusammengebrochen. Nach dem Zusammenschluss mit Karl Mayer, im Jahre 2020, waren die Erwartungen von uns Stollern sehr hoch.
Zwei Weltmarktführer, einer von Kettenwirkmaschinen (Karl Mayer) und unsere hoch professionellen Flachstrickmaschinen (Stoll). Das wird die Maschenwelt verändern und eine Hightech-Maschine entsteht. Doch das Gegenteil war der Fall.
Führungspersonen in beiden Standorten wurden ausgewechselt, einige waren schneller wieder weg als sie da waren. Von beiden Entwicklungsabteilungen wurde nichts Neues erarbeitet, kein Zusammenschluss! Wo blieb die Maschine, die den Weltmarkt erobern sollte, wer bewegt endlich mal den Hebel, um loszulegen?
Niemand, denn die Führungskräfte waren ahnungslos und wussten nicht, was sie mit dem vorhandenen Know-how anfangen sollten. Jeder schob die Verantwortung auf den anderen, Projekte wurden angekündigt: »Es geht weiter mit vielversprechenden Aufträgen.« Maschinen der hochpreislichen Generation von einer Stückzahl an die 1.000 wurden angekündigt, doch außer heißer Luft war leider nichts dahinter.
Aufträge wurden abgelehnt oder nach China vergeben, nur um hier den großen Kehraus zu machen. Ihr seid nicht rentabel! Dies war die Aussage von Obertshausen. Geld spielte auf einmal keine Rolle mehr.
120 Maschinen sollten in China gebaut werden, obwohl das Personal und Material in Reutlingen vorhanden war. Der Standort Reutlingen mit dem neuesten Maschinenbestand wurde langsam zum Tollhaus. Material wurde von China per Schiff nach Reutlingen geliefert und etliche Tage später per Flieger zurückgeschickt.
Geschäftsführer und Produktionsleiter verließen Stoll im beidseitigen Einvernehmen. Nichts war mehr so, wie es früher einmal war. Teambildende Maßnahmen waren nicht mehr vorhanden. Das Führungspersonal war nur noch beschäftigt mit Teams-Sitzungen, manche brachten die Micky-Maus-Headsets gar nicht mehr vom Kopf, da blieb der kleine Mann nur noch auf der Strecke.
Solch eine Arbeitsmoral hatte ich persönlich in den 40 Jahren Stoll vor dem Zusammenschluss nicht. Wir waren führungslos in Reutlingen! Gesteuert wurde von Obertshausen und jeder CEO hatte was anderes zu berichten. Es musste so kommen, wie es jetzt geschehen ist.
Die Stimmen der Stammbelegschaft waren einheitlich: Wir bringen das mit Anstand zu Ende, denn wir sind Stoller und waren eine Familie.
Wollte Karl Mayer nicht den Weltmarkt mit Stoll erobern? Oder war es nur Unvermögen wegen Ahnungslosigkeit und Missachtung von insgesamt circa 1.200 Jahren Stoll-Erfahrung? Ich lasse mich überraschen, wohin die Reise geht mit Karl Mayer in Obertshausen.
Andreas Holl, 40 Jahre Stoll-Mitarbeiter, Reutlingen
