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Aktuell Leserbrief

»Wer hat das Recht auf Leben ohne Veränderung?«

Windkraft (per E-Mail)

Immer wieder lese und höre ich von Anwohnern ländlicher Regionen, die sich gegen den Bau von Windrädern wehren – mit dem Argument: »Ich bin extra aufs Land gezogen, damit ich meine Ruhe habe.« Doch ich frage mich: Wer hat eigentlich das Recht auf Ruhe? Und noch viel grundsätzlicher – wer hat das Recht auf ein Leben ohne Veränderung?

Ich selbst wohne in der Stadt, in unmittelbarer Nähe einer großen Chipfabrik. Seit Jahren wächst sie in die Höhe, mit immer mehr Kaminen, Maschinen und allem, was dazugehört. Die B 28 verläuft nur 100 Meter von meinem Haus entfernt – laut, dreckig, ununterbrochen befahren. Urlaubsflieger auf dem Weg nach Stuttgart donnern über unsere Dächer, und Feuerwehr sowie Krankenwagen gehören zum akustischen Alltag. Trotzdem habe ich mich nie beschwert. Denn ich weiß: Stadt bedeutet Bewegung. Entwicklung. Wandel. Und ja, auch Lärm.

Aber das gilt nicht nur für urbane Räume. Auch das Land verändert sich. Wer dort lebt, profitiert von der Nähe zur Stadt – sei es durch Arbeitsplätze, Einkaufsmöglichkeiten oder Freizeitangebote. Doch wenn jede Veränderung mit dem Ruf nach »Ruhe« abgewehrt wird, wie soll dann eine Region lebendig bleiben?

Zudem war ich mit Pro Windkraft Reutlingen in Magolsheim zu Besuch und habe mir die Windräder angeschaut – sie sind erschreckend leise! Der Landwirt, sowie die dort nahe gelegene Landstraße, übertönt das leise Rauschen der Rotoren bei Weitem. In Reutlingen kommt der Wind überwiegend vom Hohenzollern in Richtung Stadt. Die wenigen Tage, an denen der Wind Richtung Bronnweiler oder Ohmenhausen bläst, stehen in keinem Verhältnis zur lokal erzeugten Wertschöpfung.

Und damit komme ich zu meinem letzten Punkt: die Wertschöpfung. Wenn Reutlingen wirklich so große Finanzprobleme hat, wie im GEA regelmäßig berichtet wird, dann ist es nur konsequent, sich für Windkraft in Reutlingen auszusprechen. So bleibt das Geld in der Region, stärkt die kommunale Infrastruktur und kommt letztlich der Stadt und ihren Bürgern zugute. Veränderung ist kein Feind. Sie ist Teil unseres Zusammenlebens.

Wer auf dem Land lebt, hat genauso wenig ein exklusives Recht auf Ruhe wie wir in der Stadt ein Recht. Es braucht Verständnis füreinander – und die Bereitschaft, gemeinsam zu wachsen.

 

Bernhard Wolf, Reutlingen